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© Vlad Gerasimov, www.vladstudio.com, CC-BY-SA 2.0

Akkurates Gürteltier

Neues in Ubuntu 12.04 LTS "Precise Pangolin"

22.05.2012
Ubuntu 12.04 "Precise Pangolin" glänzt mit fünf Jahren Desktop-Support. In der neuen LTS-Version räumten die Entwickler zahlreiche Schwächen des Vorgängers 11.10 aus.

Im Laufe seines Lebenszyklus stellte sich Ubuntu 11.10 nicht gerade als Glanzstück in der Ubuntu-Entwicklung heraus: Lange Boot-Zeiten, hoher Energieverbrauch und Bugs in der mitgelieferten Software hinterließen bei vielen Benutzer einen faden Beigeschmack. In den jetzt erschienenen Nachfolger Ubuntu 12.04 LTS integrierten die Entwickler zahlreiche Fehlerbereinigungen sowie Verbesserungen und versprechen die Version fünf Jahre lang zu warten (LTS = Long Term Support). Tatsächlich ging das "akkurate Schuppentier", wie man den Codenamen übersetzen könnte, von Anfang an recht pfleglich mit den Rechnern seiner Anwender um. Bereits die Alpha 1 verursachte kaum Probleme, lediglich Mozillas Duo Firefox und Thunderbird erwies sich im täglichen Umgang als etwas zickig.

Unity aufgemöbelt

Der Ubuntu-Desktop Unity bringt in der neuen Version einige heiß diskutierte Neuerungen mit. Dazu zählt nicht zuletzt das (noch als experimentell geltende) Head-up-Display HUD, eine Innovation, die bislang kein anderes Betriebssystem anbietet. Sobald Sie kurz [Alt] drücken, erscheint es in Form einer Eingabezeile und kennt im Idealfall sämtliche Menüpunkte eines Programms (Abbildung 1). Um eine Funktion aufzurufen, geben Sie einfach die ersten Buchstaben der gesuchten Funktion ein, anstatt sich durch die Menühierarchie zu wühlen. Noch funktioniert das HUD aber nur mit ausgesuchten Programmen, darunter Gimp, LibreOffice und Firefox.

Abbildung 1: Neu und noch experimentell: Über das HUD finden Sie innerhalb von Anwendungen schnell Funktionen.

Auch im Anwendungsstarter Dash ändert sich Einiges. Die Überblicksseite, die bisher nach einem kurzen Druck auf [Windows] sowie beim Anklicken des Dash-Symbols im Starter erschien, gibt es nicht mehr. Stattdessen landen Sie gleich in einer Übersicht mit den zuletzt geöffneten Anwendungen und Dateien sowie der als letztes heruntergeladenen Software.

Wie bisher geben Sie nur einige Buchstaben ein, um das Start-Icon für ein bestimmtes Programm aufzurufen. Neuerdings müssen Sie jedoch doppelt auf [Pfeil-unten] drücken, um den Fokus auf das Starticon zu legen, da dieser beim ersten Druck lediglich in der Kategorienzeile landet. Hier holen Sie über [Eingabe] alle verfügbaren Anwendungen einer Kategorie ans Tageslicht.

Ein neues Feature richtet sich speziell an Ein- und Umsteiger: Drückt man länger [Windows], holt das eine Liste mit den wichtigsten Tastaturkürzeln für Unity auf den Schirm (Abbildung 2). Diese verrät zum Beispiel auch, dass man die Filter ("lenses") nun über [Strg]+[Tab] ansteuert. Ganz rechts stoßen Sie übrigens auf einen bisher unbekannten Filter, der sich um die lokalen Video-Dateien kümmert (Abbildung 3), aber auch Online-Videoquellen wie YouTube und die 3Sat-Mediathek anzapft.

Abbildung 2: Diese Übersicht mit nützlichen Tastenkombinationen erscheint, wenn Sie länger auf Windows drücken.
Abbildung 3: Ein neuer Filter erkennt die Filme und Videos auf der Festplatte. Zudem greifen Sie auch auf externe Videoquellen aus dem Internet zu, etwa auf YouTube und die 3Sat-Mediathek.

Um zwischen mehreren Anwendungen hin und her zu springen, verwenden Sie weiterhin [Alt]+[Tab]. Verharren Sie dabei länger auf dem Icon einer Anwendung mit mehreren offenen Fenstern, zeigen sich diese einzeln und Sie wählen eines aus. Über [Strg]+[Alt] und die Pfeiltasten wechseln Sie zwischen den virtuellen Desktops hin und her – was ebenfalls ein neu entworfenes Fenster auf den Plan ruft (Abbildung 4). Drücken Sie [Alt]+[F2], landen Sie in der Schnellstartzeile, über die Sie – wie gewohnt – einige Kommandos absetzen. Nicht zuletzt spendierten die Entwickler einzelnen Anwendungen neue Quicklist-Einträge: Klicken Sie beispielsweise mit der rechten Maustaste auf das Nautilus-Starter-Icon, greifen Sie direkt auf die Lesezeichen des Dateimanagers zu.

Abbildung 4: Wollen Sie den virtuellen Desktop verlassen, zeigt Ihnen dieses Fenster, auf welcher Arbeitsfläche Sie sich gerade befinden.

Erscheint Ihnen Unity im Umgang mit Informationen zu neugierig, gelangen Sie nun über die Systemeinstellungen oben rechts zu einem Tool namens Privatsphäre. Hier stellen Sie pauschal für einen Zeitraum oder bezogen auf Anwendungen und Dateitypen ein, welche Informationen Unity sich merken soll und welche es besser vergisst.

Apropos Systemeinstellungen: Die wurden für Ubuntu 12.04 nicht nur optisch überarbeitet, sondern auch durch neue und geänderte Einträge ergänzt. So passen Sie unter Darstellung ein paar wenige Unity-Parameter an und treffen auf geänderte Ubuntu-One-Optionen sowie auf eine Möglichkeit, einen ganzen Zoo von Ubuntu-Rechnern über das Verwaltungstool Landscape zu konfigurieren (Verwaltungsdienst). Wollen Sie etwas weitgehender an Unity herumschrauben, helfen Werkzeuge wie die CompizConfig-Einstellungsverwaltung und MyUnity [1].

Neue (alte) Software

Bei den Standardprogrammen gibt es wieder einmal Veränderungen: Rhythmbox hat sich seinen Platz zurückerobert und löst damit nicht nur den Audio-Player Banshee ab, sondern bringt zugleich den Ubuntu One Music Store mit. Da der Schritt bei einigen Banshee-Entwicklern auf Unverständnis stieß, wollen die Entwickler auf dem nächsten Ubuntu Developer Summit (UDS) diskutieren, wie sie künftig solche Entscheidungen fällen – schließlich möchte man die Upstream-Entwickler nicht jedes Mal vor den Kopf stoßen.

Firefox und Thunderbird liegen in Version 11 vor und scheinen – nach anfänglichen Problemen – seit der Beta 2 stabil zu funktionieren. Das globale Menü von Thunderbird verschwindet auf kleinen Displays allerdings noch immer hinter den Indikatoren.

Positives gibt es bei den Multimedia-Anwendungen zu melden. So funktionieren Tools wie Arista Transcoder (Abbildung 5) offenbar besser, was zum Beispiel das Rippen von DVDs ermöglicht. Wer einen Personal Video Recorder sucht, kann jetzt guten Gewissens die Kombination aus XBMC "Eden" und Tvheadend aus einem PPA installieren [2]. XBMC mit Live-TV-Support läuft inzwischen deutlich stabiler als noch unter Ubuntu 11.10, es kommt nur noch sehr selten zu Abstürzen. Auch am Software-Center haben die Entwickler gearbeitet: Zu jeder Applikation liefert es jetzt eine Reihe von Empfehlungen, auch wenn die Auswahl noch recht willkürlich erscheint. Für neu installierte Software ergänzt das Software-Center seit neuestem automatisch die richtigen Sprachpakete.

Abbildung 5: Einige Multimediaprogramme, darunter der Arista-Transcoder, scheinen in der 12.04 wieder besser zu funktionieren.

LibreOffice ist nicht nur mit einer neuen Version 3.5 an Bord, es speichert auch die lokale Konfiguration inklusive Backups neuerdings unter ~/.config/libreoffice. Das Anlegen von Sicherheitskopien müssen Sie weiterhin explizit aktivieren, über Extras | Optionen | Allgemein dürfen Sie zudem experimentelle (instabile) Funktionen freischalten.

Unter der Haube

Von den Änderungen unter der Oberfläche bekommen Sie als normaler Anwender wenig mit. Zu den auffälligsten Dingen gehört noch, dass "Precise" Clickpads unterstützt, also die berührungsempfindlichen Bedienflächen auf Notebooks.

Auch im Kernel, der nun in der Version 3.2 vorliegt, gibt es spürbare Änderungen: So entdeckt Ubuntu eingestöpselte Kopfhörer besser. Dieser Patch ("jack detection") war eigentlich für den Kernel 3.3 vorgesehen, wurde aber zurückportiert. Weitere Neuerungen im Betriebssystem-Kern: Ubuntu nutzt jetzt denselben Kernel für die Server- und die Desktop-Variante, um den Pflegeaufwand zu minimieren. Zudem unterstützen die Kernel-Entwickler nach längerer Diskussion weiterhin den Non-PAE-Kernel, der vorzugsweise bei sehr alten Rechnern zum Einsatz kommt. Vor allem Distributionen wie Lubuntu zielen auf solche Rechner ab, die durchaus eine Daseinsberechtigung haben – zum Beispiel als Thin Clients.

Geht auf dem Rechner etwas schief, meldet sich gewöhnlich Apport und will Informationen über den Bug an die Entwickler schicken. Praktischerweise checkt das Tool jetzt selbstständig, ob der Fehler bereits bekannt ist, und weist gegebenenfalls darauf hin. Eine weitere Änderung kommt von Debian und betrifft die Rechteverwaltung: Administratoren zählen nun zur Gruppe sudo, nicht mehr wie bisher zu admin. Aus Kompatibilitätsgründen behalten aber existierende Admins der Gruppe admin ihre Superkräfte.

Auch im Bereich der Namensauflösung (DNS) gibt es Veränderungen. Mit dnsmasq löst nun ein neues Werkzeug die Namen von IP-Adressen auf. Der Network-Manager verwaltet das Tool über die Localhost-Schnittstelle (127.0.0.1); es soll IP-Adressen schneller auflösen und kommt besser mit Split-DNS-Szenarios von VPN-Nutzern zurecht. Auch eine zweite Änderung ist dem NetworkManager geschuldet: Die Datei /etc/resolv.conf lässt sich nicht mehr manuell ändern – die Einträge im Network-Manager überschreiben solche Eingriffe. Stattdessen gehören DNS-Einträge für statische IP-Adressen (dns-nameservers, dns-search und dns-domain) in die passende interface-Datei unter /etc/network/interfaces. Wollen Sie die resolvconf mit eigenen Werten überschreiben, gehören diese in das Verzeichnis /etc/resolvconf/resolv.conf.d/ [3].

Beim Startvorgang hält Ubuntu nicht nur weiterhin an Upstart fest, sondern setzt sogar auf die neue Version 1.4. Die führt setuid und setgid ein, um Jobs im Rechtekontext bestimmter User zu starten. Sie finden zudem für jeden Job Log-Dateien unter /var/log/upstart/Job-Name.log. Nicht zuletzt entfällt die Brücke zwischen Upstart und Udev, um Probleme mit defekten und unbekannten Geräten zu verhindern, die beim Anschließen Datenmüll übermitteln.

Da seit Ubuntu 10.04 der Energieverbrauch zunehmend aus dem Ruder lief, legten die Entwickler auch hier nach: Sie erweiterten unter anderem die pm-utils (Power Management Utilities) um Skripte, die im Batteriemodus den Stromverbrauch von USB- und PCI-Geräten drosseln. Zudem wurden einzelne Anwendungen repariert, damit sie den Kernel bei Untätigkeit nicht länger unnötig wecken.

Profi-Tools

Auch im Serverbereich versucht das Ubuntu-Projekt weiter Fuß zu fassen. Mit MaaS ("Metal as a Service") prägte Mark Shuttleworth in seinem Blog nicht nur ein neues Buzzword, so heißt auch ganz konkret ein installierbares Softwarepaket (maas). Es soll Administratoren dabei helfen, Ubuntu über PXE, DHCP und Cobbler auf viele Rechner in einem Netzwerk zu verteilen, um diese dann zentral über ein Webinterface zu verwalten [4]. Das Ganze klingt weder neu noch originell, dürfte sich für Admins aber als effizient erweisen und setzt unter anderem auf die Service-Orchestration-Lösung Juju.

Netzwerkbetreuer dürften sich auch für die Zentyal-Pakete in den Ubuntu-Repositories interessieren: Diese erlauben es, verschiedene Netzwerk- und Serverdienste (DHCP, DNS, LDAP usw.) über ein übersichtliches Webinterface zu verwalten. Die Cloud-Computing-Architektur OpenStack ist ebenso in der neuesten Variante an Bord wie die Virtualisierungslösung KVM. Auch das Thema High Performance Computing kommt voran: Im Universe-Repository gibt es nun Version 1.5 von OpenMPI für die ARM-Architektur.

Apropos ARM: Auch diese Architektur unterstützt das "akkurate Schuppentier" noch besser: Die ARMv7-Images beherrschen nun hardfloat, nutzen also die Fließkomma-Einheiten (FPU) der ARM-Prozessoren. Das soll die Performance der damit kompilierten Anwendungen um 5 bis 40 Prozent steigern. Images für OMAP3, OMAP4, AC100 sowie Freescale i.MX5x stehen zum Download bereit, unterstützt wird unter anderem das Panda Board ES.

Fazit

Im Lichte der Neuerungen kann man ein Upgrade von Ubuntu 11.10 auf 12.04 ohne Weiteres empfehlen. Wer mit Unity nicht zurecht kommt, der schaut sich am besten einmal den LXDE-Desktop an (lubuntu-desktop).

Im Profibereich setzt Canonical klar auf die Cloud und das automatisierte Ausliefern von Diensten und Images. Auch Design und Marketing von Ubuntu hat Canonical inzwischen gut im Griff. Das Buffet ist also eröffnet, nun bleibt abzuwarten, ob die Anwender – vor allem zahlende Kunden – auch tatsächlich in Scharen kommen, damit Mark Shuttleworth sein ehrgeiziges Ziel von 200 Millionen Ubuntu-Nutzern bis 2015 erreicht.

Einen Strich durch die Rechnung könnte Unity machen: Zwar testet Ubuntu hier Innovationen, die den Zeichen der Zeit folgen (Android, Windows 8) und hält Desktop-Alternativen in der Hinterhand, dennoch stellt der Schritt eine riskante Strategie dar. Da sich nicht wenige traditionelle Ubuntu-Nutzer nach Alternativen umsehen, muss die Distribution zwangsläufig neue Nutzergruppen gewinnen. Die Pläne dafür hat Canonical mit Ubuntu TV und Ubuntu for Android bereits in der Tasche.

Glossar

PAE

Physical Adress Extension. Durch diese Erweiterung der Paging-Einheit lässt sich auf 32-Bit-CPUs ab dem Intel Pentium Pro / AMD Athlon mehr als 4 GByte (232 Byte) physischer Arbeitsspeicher ansprechen.

Infos

[1] MyUnity: Florian Effenberger, "Pimp my Unity", LU 06/2012, S. 55, http://www.linux-community.de/25450

[2] PPA für XBMC Eden und TVheadend: https://launchpad.net/~alexandr-surkov/+archive/xbmc-pvr

[3] DNS-Änderungen: http://www.stgraber.org/2012/02/24/dns-in-ubuntu-12-04/

[4] Metal as a Service: https://wiki.ubuntu.com/ServerTeam/MAAS

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