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© Julien Tromeur, 123rf.com

Sound-Droiden

Linux-Musiksoftware mit Android-Apps steuern

22.05.2012
Mit den richtigen Apps verwandelt sich das Android-Geräte in einen kompakte Fernsteuerung für das Linux-Tonstudio – oder sogar in ein esoterisches Musikinstrument.

Android ist ein Linux – und doch wieder nicht. Mit dem, was Sie von Ihrem Desktop als Linux kennen, hat es den Kern gemeinsam. Für alles oberhalb dieser Ebene benutzt es jedoch ganz eigene Methoden. Deshalb sind sämtliche für Android allgemein verfügbaren Apps in Java geschrieben und laufen eben nicht auf einem Desktop-Linux, und umgekehrt läuft Software für Linux in mehr als 9 von 10 Fällen auf Android nicht.

Das gilt auch für den inzwischen ansehnlichen Fundus der für Linux verfügbaren freien Programme zum Bearbeiten von Audio- und Video-Material. Es lohnt sich also nicht, im Play-Store von Google nach Qtractor, Guitarix oder Audacity zu suchen. Geben Sie jedoch den Suchbegriff "Ardour" ein, dann finden Sie tatsächlich eine App [1] namens Ardroid mit dem Logo der Profi-Musikanwendung.

Das charakteristische rote Dreieck steht freilich nicht für die Harddisk-Recording-Suite selbst, sondern für eine Software zum Fernbedienen, mit der Sie bei Bedarf den Mixer und das Laufwerk von Ardour 3 von einem Android-Gerät aus steuern (Abbildung 1). Eigentlich logisch: Wofür würde sich ein handlicher, kleiner Computer mit drahtloser Netzanbindung besser eigenen als zum Fernsteuern?

Abbildung 1: Die App Ardroid verwandelt Android-Geräte automatisch in eine Fernbedienung für ein laufendes Ardour-3-Projekt. Dazu ist die App genau auf die OSC-Schnittstelle des Programms abgestimmt.

Droiden greifen ein

Wer ein Android-Gerät sowie einen PC mit Musiksoftware besitzt, verfügt nach einigen Klicks über einen ganzen Park von virtuellen Geräten, über die er die Programme auf dem PC ganz neuartig bedient. Diverse Apps für Android erzeugen und verschicken Signale, mit denen Sie Musikinstrumente und Effekte steuern und Noten anschlagen (Abbildung 2).

Abbildung 2: Die Zahl der Android-Apps für Musiker ist beträchtlich und wächst stetig. Viele der Apps arbeiten mit dem Soundsystem von Linux zusammen.

Die meisten legen eine Tastatur-Grafik oder Schlagflächen für Percussion auf die Touch-Oberfläche. Diese spielen Sie dann wie sehr kleine Hardware-Keyboards oder E-Drums. Einige Apps nutzen darüber hinaus die erweiterte Möglichkeiten des Touchscreens, registrieren die Anschlagstärke und reagieren auf Richtung und Geschwindigkeit von Bewegungen über die Oberfläche. Andere erzeugen Musiksignale aus Kamerabildern oder aus den Daten von Kompass und Bewegungssensor.

Die Möglichkeiten gehen also nicht nur über das hinaus, was ein so kleines Gerät vermuten ließe: Smartphones ermöglichen tatsächlich Spielweisen, die man von traditionellen Instrumenten her nicht kennt. Egal ob Sie in einer App auf virtuelle Klaviertasten drücken oder das Telefon schütteln, um den Bewegungssensor aus der Reserve zu locken: Im Endeffekt entstehen immer Daten, die irgendwie zu einer Software gelangen müssen, die sie zu lesen und als Musik zu interpretieren vermag – und zwar mit weniger als zehn Millisekunden Latenz, wenn möglich.

Ein klassisches Keyboard schließen Sie per USB an den Rechner an, und mit etwas Glück stehen unter Linux die Signale sofort im MIDI-Server bereit. Die USB-Schnittstelle an Android-Geräten sieht dergleichen (noch) nicht vor. Android sendet vorzugsweise drahtlos in Ihrem Netzwerk. Somit benötigen Sie entweder einen Server auf dem Android-Gerät, dessen Signale ein Client unter Linux empfängt und verarbeitet, oder einen Server unter Linux, der im Netzwerk Ports bereitstellt, welche die Android-App der Wahl versteht.

Open Sound Control

Wie überall sonst in der Welt der Steuersignale für Musikanwendungen funken auch Android-Apps in den Formaten MIDI und Open Sound Control (OSC). Hinter dem Kürzel OSC [2] verbirgt sich ein modernes, von vornherein auf Netzwerkbetrieb ausgelegtes System für Musiksignale. Wie der Name vermuten lässt, steht OSC unter einer offenen Lizenz. Die Entwickler hoffen, mit dem Protokoll einige Probleme zu lösen, die beim altbewährten MIDI-System oft Bauchschmerzen bereiteten.

Der interessanteste Vorteil von OSC liegt in der viel höhere Auflösung der Abstufungen von Signalen. So erlaubt es für den Hörer tatsächlich stufenlos wirkende Tonhöhenschwankungen für Tremolo-Effekte, nicht-temperierte Stimmungen für ganze Orchester und vieles mehr. MIDI ist für solche Feinheiten zu grob gerastert. Diese Flexibilität macht OSC zu einer beliebten Spielwiese für Instrumentenbauer, die neuartige Möglichkeiten für Musiker schaffen wollen.

Linux als offenes System wäre für OSC eigentlich die ideale Plattform, die Unterstützung steckt aber noch in den Kinderschuhen. Lediglich das eingangs erwähnte, immer noch experimentell eingestufte Ardroid bietet im Zusammenwirken mit dem ebenfalls noch experimentellen Ardour 3 eine zeitgemäße OSC-Anwendung für Linux.

Das hängt vor allem damit zusammen, dass sich OSC von vornherein sehr flexibel gibt. Es existieren keine standardisierten Befehle für die verschiedenen Funktionen zum Steuern und Regeln. Letztlich müssten Projekte wie Rosegarden oder Qtractor ihre eigene OSC-Fernbedienung programmieren und pflegen, was aber außer den Ardour-Entwicklern bisher niemand tut.

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