Nicht zu wenig, nicht zu viel

Ich begann damit, ein Papier zusammenzustellen, das meinen Algorithmus mithilfe mathematischer Formeln beschrieb. Klingt logisch, nicht? Aber bekanntlich ist es nicht zulässig, mathematische Formeln zu patentieren. Daher erhielt ich die Anweisung, stattdessen mithilfe von Kästchen und Pfeilen darzustellen, wie ein Input den resultierenden Output beeinflusste.

So langsam entwickelte sich mein Job zum Albtraum. Ich verbrachte meine Tage damit, sehr elegante Formeln in schwachsinnige Strichzeichnungen umzusetzen. Als Resultat erhielt ich Kommentare wie "Das darf nicht so nach Software aussehen!", "Da fällt zu sehr auf, dass wir eine Formel patentieren." oder "Mach das doch noch verwirrender. Du willst doch nicht, dass ein Mitbewerber damit dein Patent implementieren kann, oder?".

Alles im allem arbeitete ich sehr hart und ohne das geringste Vergnügen daran, die Welt zu einem möglichst unerfreulichen Ort zu machen. Ich hatte immer gedacht, ich sein kein besonders prinzipientreuer Mensch. Zu meinem Erstaunen stellte ich jetzt aber fest, dass ich einfach nicht mit dieser Art intellektueller Heuchelei klarkam. Mich selbst anzulügen war das Unerfreulichste, was ich je hatte tun müssen.

Meine Vorgesetzten reagierten darauf mit einem Bestechungsversuch: Sie machten deutlich, die Firma honoriere jedes von einem Angestellte erzielte Patent mit einem Bonus. Wie gesagt bin ich auch nur ein Mensch und zog in Betracht, ob nicht auch ich meinen Preis hätte. Aber die Höhe des ausgelobten Bonus war so lächerlich gering, dass mir das Ganze eher als Beleidigung vorkam [3].

Ich verwickelte meinen Chef also in ein Gespräch unter vier Augen und sagte ihm ganz offen: "Ich habe immer einen ehrlichen Job abgeliefert. Was ihr da aber von mir verlangt, ist schierer Betrug. Jeder, der das nicht sofort erkennt, ist entweder ein Vollpfosten – das soll es ja durchaus geben – oder lügt sich in die eigene Tasche."

Seine Antwort werde ich wohl nie vergessen: "Das liegt am System – so ist das eben. Entweder spielst du mit und hältst die Klappe, oder du versuchst, die Welt zu verbessern. Aber Idealisten können wir hier nicht brauchen." [4]

Fazit

Ich weigerte mich kategorisch, weiter an irgendwelchen Patenten zu arbeiten. Wie man sich unschwer denken kann, war das das Ende meiner Laufbahn in diesem Unternehmen. Zwar arbeitete ich noch für einige Monate dort – hauptsächlich, weil ich die Kollegen gerne mochte – doch das Rad drehte sich weiter, und ich hatte keine andere Wahl, als mir eine neue Arbeitsstelle zu suchen, wo ich die Welt verbessern konnte – zumindest meine eigene kleine Ausgabe davon.

Übrigens ist heute, nahezu fünf Jahre nach meiner Idee, die von mir angepeilte Funktion immer noch in keinem einzigen Produkt auf dem Markt zu finden. In Anbetracht meiner Erfahrung damit und der großen Fortschritte, die der Embedded-Markt in den letzten fünf Jahren gemacht hat, bin ich mir sicher, dass sich das Feature mit wenigen Mann-Monaten Aufwand produktreif machen ließe – und das Leben der Anwender erleichtern würde.

Dank des Patentsystems jedoch ist meine Erfindung immer noch blockiert. Mehr muss man wohl zum Thema "Wie Patente die Innovation fördern" nicht wissen. (jlu)

Aus dem Englischen übersetzt von Jörg Luther für LinuxUser (http://www.linux-user.de). Den Originaltext finden Sie im Blog des Autors unter http://ploum.net/post/working-with-patents. Dieser Artikel steht wie das Original unter der Lizenz CC-BY-SA 2.0.

Der Autor

Der belgische Ingenieur Lionel Dricot entwickelt quelloffene Software, schreibt Bücher über FOSS und hält weltweit Vorträge rund um freie Software. Derzeit arbeitet er für die Hamburger Lanedo GmbH, die Unternehmen beim Einsatz freier Software berät.

Infos

[1] Man braucht 50 000 Euro, wenn man alles selbst macht. Meist kommt man aber nicht ohne Patentanwalt aus, den man über die gesamte Dauer des Patentzyklus benötigt – das bedeutet mindestens 80 000 Euro pro Patent.

[2] Was für ein grandioser Trugschluss!

[3] Wie ich später herausfand, wäre der Bonus ohnehin zwischen allen am Patent Beteiligten aufgeteilt worden. Da aus jeder Hierarchiestufe der Firma jemand seinen Namen dazugesetzt hätte, würde ich tatsächlich am Schluss nur ein Zehntel des angebotenen Betrags erhalten haben.

[4] Was, wie ich einräume, eine verständliche Position ist. Ich konnte nur dummerweise einfach nicht damit aufhören, die Sache zu hinterfragen.

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