Multifunktional

Multimedialer Allrounder AVLinux

Multimedia-Anwendungen galten unter Linux lange Zeit als wenig ausgereift und funktionell unvollständig. Dieses Manko resultierte vor allem aus der oft fehlenden Treiberunterstützung für Hardware-Komponenten. Doch inzwischen hat sich das Blatt gewendet: Mit AVLinux [1] werden auch professionelle Multimedia-Anwender und Entwickler glücklich.

Die aus Kanada stammende Distribution kommt in der neuen Version 5.0.3 auf den ersten Blick betont unauffällig daher: Das System nutzt Kernel 3.0.16, als Unterbau kommt Debian zum Zuge, und der schlanke LXDE-Desktop bietet weder Compositing noch andere optische oder akustische Gimmicks. Auf der Arbeitsoberfläche finden sich lediglich drei Icons mit Dokumentationen in englischer Sprache und zur Festplatteninstallation des Systems.

Unter der Haube

Um AVLinux für anspruchsvolle Multimedia-Aufgaben zu rüsten, packten die Entwickler nicht nur Audio- und Video-Anwendungen für jede erdenkliche Aufgabe in das System, sondern optimierten auch den Kernel: IRQ-Threading und weitere Anpassungen reduzieren die Latenzzeiten des Kernels derart, dass sich auch zeitkritische Audio-Anwendungen problemlos nutzen lassen.

Zusätzlich hält die AVLinux-Website einen PAE-Kernel bereit [2], der es ermöglicht, mit dem 32-Bit-System mehr als 4 GByte RAM zu adressieren, etwa zum zügigen Bearbeiten hochauflösende Videos oder großer Audiodateien. Bevor Sie sich jedoch für diesen Kernel entscheiden, sollten Sie prüfen, ob Ihre Hardware PAE überhaupt unterstützt.

Neben der Multimedia-Ausstattung finden sich in AVLinux auch viele Anwendungen für den Alltagseinsatz des Systems, darunter Iceweasel, Transmission, LibreOffice 3.4.4 sowie Entwicklungswerkzeuge wie Kompozer und den Remastersys-Deb-Builder. Einzig Spiele fehlen in der Grundausstattung. Dagegen haben die Entwickler alle relevanten Codecs bereits in AVLinux integriert, sodass Sie auch ohne umständliches Nachinstallieren der Gstreamer-Plugins sofort audiovisuelle Inhalte abspielen können. Oracles JRE 1.6.0 erlaubt, auch Java-Applikationen problemlos ablaufen zu lassen. Ähnlich komfortabel gibt sich die Distribution beim Webzugriff auf Multimediales: Auch Iceweasel bringt bereits eine ganze Reihe von Plugins und Addons mit, sodass Sie diese nicht erst umständlich nachladen müssen.

Im Menü Soundcard Utilities finden Sie außerdem eine stattliche Anzahl von Mixer- und Konfigurationsprogrammen für unterschiedliche Soundkarten. Mit deren Hilfe lassen sich auch Systeme mit zwei verbauten Soundkarten problemlos nutzen. Zur zentralen Konfiguration des Systems nutzen Sie das AVLinux Control Panel, das Sie entweder unten links in der Fußleiste finden oder im Menü Einstellungen. Dieses intuitiv zu bedienende Werkzeug ermöglicht es, in drei horizontal angeordneten Reitern unterschiedliche Konfigurations- und Administrationsaufgaben mit nur wenigen Mausklicks und optionalen Angaben vorzunehmen (Abbildung 1).

Abbildung 1

Abbildung 1: Für alle Konfigurationsaufgaben gedacht: Das AVLinux Control Panel.

Installation

Um AVLinux auf der Festplatte einzurichten, starten Sie den grafischen Installer mit einem Klick auf das Icon Install AVLinux auf der Arbeitsoberfläche. Die Routine meldet zunächst, dass es sich um einen "fortgeschrittenen Festplatteninstaller" handelt. Allerings ist eher das Gegenteil der Fall, denn anders als bei gängigen Linux-Distributionen müssen Sie bei AVLinux sehr detaillierte Angaben zum System machen, um die Dateien überhaupt auf die Platte packen zu dürfen. Vor allem die Festplattenpartitionierung birgt Fallstricke: AVLinux möchte die Festplatte allein mit Beschlag belegen, verlangt nach einer primären Partition und akzeptiert zudem bereits vorhandene Laufwerke nicht: Es stoppt dann die Installation. Haben Sie auf dem Massenspeicher bereits eine Partition neben dem Swap-Laufwerk angelegt, so müssen diese zunächst löschen und anschließend neu erstellen. Haben Sie diese Hürden umschifft, packt die Routine anschließend knapp 6 GByte Daten auf die Festplatte.

Da die Website des Projektes ausdrücklich darauf hinweist, dass AVLinux multimediale Fähigkeiten auch für ältere Computersysteme bieten soll, testeten wir das Betriebssystem auf einigen Pentium-III- und Pentium-4-Rechnern. Hier bewährte sich AVLinux tatsächlich auch auf Rechnern mit wenig Rechenleistung. So konnten wir selbst auf Maschinen mit nur einem GHz Taktfrequenz und integrierter Intel-Grafikkarte problemlos Videos in PAL-Auflösung ruckelfrei im Vollbild betrachten. Videoschnittanwendungen und Lösungen zur Enkodierung von Audiodateien benötigen jedoch so viel Rechenleistung, dass man sie auf solch betagten Rechnern nicht mehr nutzen sollte. Auch komplexe Audio-Anwendungen wie der Jack-Soundserver, den AVLinux samt einer stattlichen Anzahl von Plugins mitbringt, sind eher für leistungsstarke Computersysteme konzipiert.

Sehr sorgfältige Arbeit leisteten die Entwickler von AVLinux bei der Konfiguration der Software-Repositories. Neben den AVLinux-eigenen Softwarequellen umfasst die sources.list auch die Debian-Sammlungen sowie eine stattliche Anzahl weiterer Server, die Sie allerdings in Synaptic erst noch aktivieren müssen. Dazu setzen Sie dort ein Häkchens vor der jeweiligen Serveradresse. Nach dem Aktualisieren der Paketbestände steht dann mit mehr als 41 000 Programmen ein Softwarefundus bereit, wie ihn selbst Debian von Haus aus nicht bietet (Abbildung 2).

Abbildung 2

Abbildung 2: Mehr Software als AVLinux bietet nicht einmal Debian.

Fazit

AVLinux wird dem Anspruch seiner Entwickler, eine vollwertig ausgestattete Linux-Distribution mit dem Schwerpunkt bei multimedialen Anwendungen zu bieten, vollkommen gerecht. Dabei reichen die Möglichkeiten weit über das Abspielen von Ton und Bild sowie die Video- und Audio-Bearbeitung weit hinaus: Die Distribution eignet sich auch bestens für Musiker, die eigenen Kompositionen umsetzen wollen oder für Videofreunde, die in unterschiedlichsten Formaten und mit verschiedenen Medien filmen. Daneben gibt sich AVLinux voll alltagstauglich: Nicht zuletzt wegen der sorgfältigen Integration unterschiedlichster Repositories besteht die Möglichkeit, das System selbst für ausgefallenste Ansprüche als Allrounder zu verwenden. Dank verschiedener Kerneloptimierungen sowie des leichtgewichtigen LXDE-Desktops gibt AVLinux dabei auch auf betagteren Systemen eine gute Figur ab. Das einzige Manko stellt die teilweise fehlende deutsche Lokalisierung dar. Wer damit leben kann, findet in AVLinux eine grundsolide Distribution mit interessanten Features. 

Glossar

PAE

Physical Address Extension. Eine Erweiterung der CPU-Architektur, die es bei 32-Bit-Prozessoren erlaubt, mehr als 4 GByte RAM zu nutzen. In Intel-Prozessoren ab dem Pentium Pro vorhanden. PAE erfordert einen entsprechend angepassten Kernel.

Infos

[1] AVLinux: http://www.bandshed.net/AVLinux.html

[2] Kernel-Download: http://bandshed.net/kernels/

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