Rundlicher Exot

KahelOS: Archlinux aus Südostasien

23.04.2012
Falls Sie schon immer gern einmal Archlinux ausprobiert hätten, Ihnen aber Installation und Konfiguration zu aufwendig erschienen, sollten Sie einen Blick auf KahelOS wagen.

Archlinux eilt der Ruf voraus, schwer beherrschbar zu sein. Tatsächlich lässt es sich weit weniger einfach installieren als die gängigen Distributionen. Zudem gilt es das kaum vorkonfigurierte System anschließend mühsam an eigene Gegebenheiten und Bedürfnisse anzupassen.

Dabei hat Archlinux [1] im laufenden Betrieb durchaus Vorteile: Das Prinzip des Rolling Release macht System-Upgrades überflüssig, und mit dem Archlinux User Repository (AUR, [2]) steht eine Paketquelle bereit, die kaum Wünsche offen lässt. Dementsprechend beliebt ist Archlinux vor allem bei Entwicklern und fortgeschritteneren Anwendern.

Das von einem philippinischen Entwicklerteam stammende, ausschließlich als 32-Bit-Variante vorliegende KahelOS [3] nutzt Archlinux als Unterbau für eine Live-DVD, die sich auch auf Festplatte installieren lässt. Als Desktop-Umgebung dient das aktuelle Gnome3. Nach dem Start ziert den Bildschirm ein Fenster, das erfragt, ob Sie KahelOS im Live-Modus erkunden oder gleich auf die Festplatte installieren wollen.

Vor der Installation sollten Sie zumindest einen Blick auf das Live-System werfen. Darin startet zunächst eine "Desktop-Tour" und bietet eine Art Diaschau mit Wissenswertem zu KahelOS und zu freier Software im Allgemeinen. Wenn Sie in den Grundzügen mit Open-Source-Betriebssystemen vertraut sind, können Sie das Programm getrost übergehen.

Wer die Vanilla-Shell von Gnome 3 kennt, dem fällt Einiges an Erweiterungen auf, die KahelOS standardmäßig an Bord hat. Dazu zählen zum einen die von Nautilus bereitgestellten Arbeitsflächensymbole, die eigentlich nicht mehr ins Konzept des neuen Gnome passen, und zum anderen das bekannte Schalter-Dreigestirn in der Titelzeile der Fenster zum Minimieren, Maximieren und Schließen. Weiterhin ergänzt KahelOS den Desktop um ein Dock im Apple-Stil, das beim Berühren des rechten Bildschirmrandes mit dem Mauszeiger erscheint, sowie ein Arbeitsflächenmenü im oberen Panel.

Das Anwendungsmenü präsentiert sich reich gefüllt (Abbildung 1). Während sich Live-CDs üblicherweise auf jeweils ein Programm pro Anwendungszweck beschränken und Entwicklungswerkzeuge meist außen vor bleiben, bietet KahelOS hier weitaus mehr. So gibt sich die Rubrik Internet mit Firefox, Chromium und Epiphany gut bestückt, und auch die anderen Bereiche lassen sich nicht lumpen. Evolution residiert hier in trauter Eintracht mit Thunderbird, auch LibreOffice ist mit allen Komponenten vertreten.

Abbildung 1: KahelOS glänzt mit einer umfangreichen Software-Ausstattung.

Neben dem quasi vollständig präsenten Gnome-Repertoire einschließlich der Spiele finden sich auch vereinzelte KDE-Anwendungen im Menü, wie etwa das Chemiewerkzeug Kalzium. In diesem Sammelsurium liefert KahelOS auch unfreie Software aus, wie etwa den Flashplayer von Adobe.

Installation

Mit einem Doppelklick auf das Arbeitsflächensymbol KahelOS Installer öffnen Sie das Java-basierte Installationsprogramm. Schon das erste Fenster erinnert daran, dass KahelOS von der anderen Seite des Erdballs stammt: Deutsche Umlaute im realen Namen des Benutzers lassen sich schlicht nicht eingeben, und auch die Auswahl der deutschen Lokalisierung ist schlankweg unmöglich, da nicht vorhanden (Abbildung 2). Immerhin lässt sich zumindest die Tastaturbelegung für das zu installierende System auf Deutsch einstellen.

Abbildung 2: Abseits von Englisch und asiatischen Sprachen herrscht bei KahelOS gähnende Leere.

Aufgrund der schieren Masse an Software braucht KahelOS mindestens 10 GByte freien Plattenplatz, ansonsten verweigert der Installer die Arbeit. Das gilt es zu bedenken, wenn Sie auf einem Testrechner mal eben ein wenig Platz schaffen oder eine virtuelle Maschine nutzen möchten.

Abhängig von der Leistungsfähigkeit des System dauert es einige Minuten, bis der Installer ein brauchbares System auf die Festplatte befördert hat und um einen Neustart bittet. Danach können Sie sich über GDM am System anmelden und im Gnome-Kontrollzentrum die Sprache auf Deutsch umstellen. Nichtsdestotrotz bleibt nach dem Ab- und Wiederanmelden die deutsche Lokalisierung noch etwas löchrig, da einige Softwarepakete die deutsche Oberfläche nicht sofort mitbringen, sondern in zusätzlichen Paketen verstauen, die Sie nachinstallieren müssen.

Im laufenden Betrieb zeigt KahelOS keine weiteren gravierenden Auffälligkeiten. Spezielle Werkzeuge zur Feineinstellung des Systems fehlen allerdings. Was Gnome selbst mit Bordmitteln (Abbildung 3) nicht bewältigen kann, bleibt ganz Archlinux-typisch dem Texteditor überlassen.

Abbildung 3: Die Werkzeuge zur Feineinstellung des Systems beschränken sich bei KahelOS auf die Gnome-Bordmittel.

Fazit

Eigentlich eine blendende Idee, das etwas sperrige Archlinux mit Hilfe einer Live-CD einfach und elegant auf die Platte zu bannen. Doch leider fällt – aus der Sicht des Nicht-Asiaten – KahelOS dessen Herkunft auf die Füße. Das Einrichten eines durchweg deutschsprachigen Systems ist zwar möglich, aber keineswegs simpel und macht den Vorteil der Live-CD-Installation zumindest teilweise wieder zunichte. Falls Ihnen aber diese Nachkonfiguration keine Bauchschmerzen bereitet und Sie dafür Zeit bei der Installation sparen wollen, sind Sie mit KahelOS schon wegen der exzellenten Auswahl der Software gut bedient.

Denken Sie jedoch immer daran: Auch mit dem KahelOS-Aufsatz bewegt sich die Alltagstauglichkeit des Rolling Release von Archlinux nicht auf dem selben Level wie jene der Mainstream-Distributionen. Das gilt insbesondere dann, wenn Sie mit der Paketvielfalt des AUR liebäugeln, denn die dort lagernden Pakete unterliegen keinem nennenswerten Qualitätsmanagement. Daher bringen sie das eigentlich eher konservativ geführte Archlinux gelegentlich an den Rand dessen, was man noch guten Gewissens ein Produktivsystem nennen kann.

Hilfe zu KahelOS finden Sie in dessen englischsprachigem Forum [4]. KahelOS entfernt sich aber inhaltlich nicht allzu weit von Archlinux, sodass Sie vermutlich auch in dessen deutschsprachigem Forum [5] erfolgreich um Hilfe ersuchen können. 

Glossar

Vanilla

Bezeichnung für eine Software, die ein Distributor unverändert von einem Projekt übernimmt.

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Sollte mal gesagt werden bevor sich jemand die ganze Platte überbügelt.


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