Jahr des Desktops

Editorial 05/2012

23.04.2012

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

2012 ist definitiv das Jahr des Linux-Desktops – allerdings nicht im gerne zitierten Sinn des Marktdurchbruchs. Vielmehr werden wir alle uns spätestens in diesem Jahr entscheiden müssen, wie es denn auf unserm Desktop weitergehen soll – und das dürfte alles andere als leichtfallen. Früher gab es hie Gnome, hie KDE – das war einmal.

Ich selbst lebe oberflächentechnisch – noch – im Tal der Glücklichen: In der Redaktion nutze ich einen Managed Desktop mit einem zwar antiken, aber hoch funktionellen KDE 3.5.10. Die GUI tut, was sie soll, und geht mir bei der Arbeit nicht im Weg um. Auf dem Arbeitsplatz zuhause ist es genauso: Hier versieht ein Ubuntu "Lucid" mit Gnome-2-Desktop klaglos seinen Dienst, dank Long Term Support wohl noch für ein Jahr – never change a running system. OK – ganz außen vor bleibe ich trotzdem nicht, mein "Spiel-und-Bastel"-Rechner läuft – nach einigen Irrwegen durch die Distributionslandschaft – mit Mint 12 und Cinnamon.

Während mir eine finale Entscheidung noch bevorsteht, haben viele andere Linux-Anwender die erste(n) Migration(en) bereits hinter sich. Schon die – rückblickend betrachtet eher moderaten – Änderungen des Bedienparadigmas in KDE SC 4 trieben viele User zum Wechsel. Auch ich kann mich mit dem aktuellen KDE nicht so recht anfreunden, treiben mit doch im Hintergrund zu viele Dienste ihr (Un-)Wesen, die aus meiner Sicht unnötig reichlich Ressourcen fressen und sich gerne einmal gegenseitig in die Quere kommen. Ich brauche keinen semantischen Desktop, der mir sagt, wo meine Dateien sind – das weiß ich schon ganz allein.

Einen ganz anderen Ansatz für den Desktop des neuen Jahrhunderts hat Canonical für Ubuntu gewählt. Die Unity-Oberfläche bricht an vielen Stellen mit Bekanntem und Bewährten: Sie übt sich am Abschaffen von Menüs durch Kopfleisten, Dashes und HUDs und möchte mittelfristig sogar X mithilfe von Wayland den Garaus bereiten. Auch das mag beileibe nicht jeder Anwender mitmachen, mit der unmittelbaren Folge der viel diskutierten Massenflucht von Ubuntu in Richtung Linux Mint. Daran dürfte auch das kommende "Precise Pangolin" nichts ändern [1].

Wer im Zuge dieser Änderungen von Ubuntu oder einer KDE-zentrischen Distribution zu einem mit Gnome ausgerüsteten Linux wechselte, hat dieser Tage ebenfalls wenig Spaß: Die dritte Inkarnation des GNU-Desktops hat ihn entweder schon eingeholt oder steht spätestens jetzt vor der Tür. Wie Unity, nur schlechter [2] – so lässt sich eine gängige Meinung zum aktuellen Gnome 3.4 zusammenfassen, und erste Flüchtlinge liebäugeln bereits mit dem bislang verschmähten KDE SC 4 [3].

Wohin nun also? Da wären zum einen die klassischen Fenstermanager wie IceWM, Open- und Fluxbox – funktionell, aber mit mäßiger Integrationswirkung auf dem Desktop. Da erscheinen alternative Desktops wie LXDE und XFCE schon interessanter. Man könnte freilich zu Desktops greifen, die Altbewährtes weiter zu pflegen versuchen, wie Trinity (KDE 3) und Maté (Gnome 2), allerdings auf der Basis obsoleter Bibliotheken – ob das gut gehen kann? Dann gibt es noch neue Desktops auf der Basis von Qt4 und Gtk3, wie Razor-Qt und Cinnamon – doch das sind im wesentlichen Ein-Mann-Projekte und damit alles andere als zukunftssicher. Was wählen Sie?

Bei aller Freude an der Vielfalt – diese Fragmentierung tut Linux als Desktopsystem nicht gut. Wenn sich schon viele hartgesottene Linuxer mit der Entscheidung schwertun, was soll man da erst einem Einsteiger raten? Die unvermeidliche Folge dürfte fürs Erste sein, dass Linux weiter als 1-Prozent-Desktop sein Dasein fristet, und wie es scheint, mit sogar leicht fallender Tendenz [4]

Infos

[1] "5 Problems with Ubuntu": http://tinyurl.com/lu0512-lxudev

[2] "Gnome 3, quo vadis?": http://tinyurl.com/lu0512-campino2k

[3] "Versöhnung mit einer (Hass-)Liebe": http://www.knetfeder.de/linux/index.php?id=112

[4] Marktanteil Linux: http://tinyurl.com/lu0512-netmarketshare

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