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© Ba1969, sxc.hu

Zettelkasten 2.0

Vier Notizverwaltungen für Linux im Vergleich

12.03.2012 Computer vergessen nichts – und eignen sich deshalb prima als Notizbuch und digitaler Zettelkasten.

Computer waren und sind vor allem Gedächtnisstützen. Denken können sie noch nicht sehr gut, aber sie merken sich alles. Als primäres Format für im Rechner abgelegte Erinnerungen dient seit Jahrzehnten die Textdatei. Schnell hat man einen Termin, eine Idee oder ein Zitat eingetippt und gespeichert. Fehlt nur noch jemand, der all die schnell getippten Zettel irgendwie ordnet – denn der Computer vergisst zwar nichts, aber dem Menschen entfällt leicht, wo er etwas gespeichert hat.

Wer sich keinen persönlichen Sekretär leisten möchte, ordnet Notizen mit einer der vielen für Linux verfügbaren Notizverwaltungen. Viele davon binden sich mehr oder weniger stark in die laufende Desktop-Umgebung ein oder sehen sich gar als Teil von KDE SC oder Gnome. Wer sich davon befreien möchte, für den bietet sich der Desktop-unabhängige Zettelverwalter Mynotex (Abbildung 1) an, der in diesem Beitrag zusammen mit einigen seiner Mitbewerber zum Test antritt.

Abbildung 1

Abbildung 1: Die wichtigsten Funktionen, ein paar nützliche Extras und vorbildliche Zuverlässigkeit: Mynotex erweist sich als schlank und eigenständig.

Mynotex

Mynotex [1] ist einer der kompaktesten Notizmanager für Linux. Auf der Webseite finden Sie neben Paketen für verschiedene Distributionen und dem Quelltext ein komplett eigenständiges Binary, das auf jedem gängigen Linux startet. Dieses bietet zwar nur eine englische Oberfläche, fügt sich aber dafür anstandslos in jede getestete Desktop-Umgebung ein. Außerdem finden Sie Mynotex in den Paketquellen aller gängigen Distributionen, und mit dem Paketmanager oder aus dem Quellcode gebaute Installationen bieten eine vollständig ins Deutsche übersetzte Oberfläche.

Bei Installation aus einem Paket oder aus den Quellen müssen Sie mit einer kleinen Absonderlichkeit von Mynotex leben: Die ausführbare Datei landet nicht wie üblich unter /usr/bin/, sondern unter /usr/lib/mynotex/. Damit liegt das Programm nicht im Standardpfad für ausführbare Dateien. Sie müssen es beim Start aus einem Terminal daher mit vollständigem Pfad aufrufen. MyNotex-Entwickler Dominic Manconi kennt dieses Problem und er verspricht Abhilfe in einer der kommenden Versionen.

Besonders für Notizsammlungen ist es wichtig, die Daten ohne weiteres auf verschiedenen Systemen zu nutzen. Diese wichtige Disziplin beherrscht MyNotex ohne Probleme. Die Datensammlung pflegt die Software komplett in einem Verzeichnis, dessen Name und Ort Sie beim Anlegen bestimmen. So arbeiten Sie mit Ihren Notizen sogar auf Linux-Rechnern, auf denen die Anwendung nicht installiert ist (Abbildung 2). Die ausführbare Datei von der Webseite und Ihr Datenverzeichnis auf einem USB-Speicher genügen dazu.

Abbildung 2

Abbildung 2: Bei Bedarf betreiben Sie MyNotex – allerdings nur mit englischer Oberfläche – ohne Installation von einem USB-Stick aus, im Bild auf einem OpenSuse Laptop mit ebenfalls auf dem USB-Gerät abgelegten Daten.

Das ganze erinnert ein bisschen an das Konzept von Mozilla-Programmen wie Firefox oder Thunderbird, die ebenfalls nur ihre Verzeichnisse benötigen, was die Möglichkeit eröffnet, auf jedem Rechner mit den beiden Programmen wie gewohnt auf Lesezeichen, Mails und deren Anhänge zuzugreifen.

In der Tat arbeitet MyNotex intern ähnlich wie ein Webbrowser mit Formatierungen in HTML. Diese Daten speichert das Programm in einer Datei mit dem von Ihnen gewählten Namen mit der Erweiterung .mnt auf der Wurzelebene des Verzeichnisses für die Daten. Bei diese Datei handelt es sich um eine Datenbank im SQLite-Format. Das verhindert, dass Sie sich die Notizen in einem einfachen Texteditor ansehen. Außer mit MyNotex selbst greifen Sie aber bei Bedarf mit jeder SQLite3-fähigen Software auf die MNT-Datei zu.

Dateien, die Sie Notizen als Anhang anfügen, legt MyNotex in einem Unterordner des Verzeichnisses ab, was ebenfalls an Mail-Software erinnert. Allerdings kodiert MyNotex die Anhänge nicht als MIME in Text, sondern packt sie in einzelne ZIP-Dateien, denen es eine Zufallszahl als Namen gibt. Über diese Zahl findet MyNotex die Verweise auf die Anhänge in der Datenbank.

Da die Anhänge nicht nur Links auf Files, sondern komplette Kopien der Dateien enthalten, erhalten Sie damit zusätzlich ein komfortables Backup für einzelne Dateien. Legen Sie eine Datei als Anhang in MyNotex ab, besteht die Möglichkeit, diese Version der Datei jederzeit wiederherzustellen. Der Preis liegt freilich im entsprechenden Speicherbedarf. Wer auf diese Weise HD-Videos sichert, sollte für ausreichend Festplattenplatz sorgen.

Anhänge öffnen Sie in MyNotex einfach per Doppelklick, um das Auspacken der ZIP-Datei kümmert sich die Software automatisch. Verweise auf lokale Dateien und Web-Adressen erkennt die Applikation automatisch an der Syntax und zeigt sie blau und unterstrichen an. Allerdings reagieren diese Links nicht wie gewohnt auf Mausklicks. Den Trick verrät Dominic Manconi auf der Google-Groups-Seite des Projekts: Es gilt beim Mausklick zusätzlich [Strg] gedrückt zu halten.

Dabei und beim Öffnen von Anhängen orientiert sich MyNotex an den Einstellungen der Desktop-Umgebung, in der es läuft (Abbildung 3). Unter KDE öffnen sich lokale Links in Dolphin, unter Gnome in Nautilus. Letzteren versucht MyNotex in Umgebungen zu starten, die nicht explizit einen Dateimanager festlegen.

Abbildung 3

Abbildung 3: Anpassungsfähigkeit in Aktion: gestartet in KDE öffnet MyNotex Links auf Verzeichnisse mit Dolphin.

Unter Fluxbox führt das zum Beispiel dazu, dass MyNotex ebenfalls Nautilus verwendet und damit zusätzlich die Gnome-Oberfläche startet. Die Operation Öffnen Mit kennt MyNotex nicht, sodass Sie daran nicht viel ändern können. Das Tool greift als GTK-Programm auf die Einstellungen in Gconf zurück, falls die laufende Umgebung nichts anderes festlegt. Mit dem Programm Gconf-editor passen Sie aber das Verhalten von Nautilus bei Bedarf an.

MyNotex greift nicht direkt auf Notizen anderer Zettelverwalter zu. Allerdings besteht die Möglichkeit, Sammlungen aus Tomboy und dessen Klon Gnotes zu importieren. Zudem erlaubt die Software den Import von einzelnen Themenverzeichnissen aus anderen MyNotex-Dateien (Abbildung 4). So übernehmen Sie beispielsweise die Ideensammlung eines Kollegen in Ihr Archiv, ohne dabei dessen private Notizen anzutasten.

Abbildung 4

Abbildung 4: Der Import einzelner Themen aus anderen MyNotex-Dateien funktioniert sehr gut, und Tomboy-Notizen stehen nach ein paar Mausklicks bereit.

Für die Notizen an sich bietet MyNotex simple Funktionen zum Formatieren, wie Farbe, Fettung und Unterstreichen. Semantische Formate kennt es lediglich in Form von Überschriften und einfachen Listen. Verschachtelte Listen und Tabellen erlaubt die Software nicht. Auch Bilder in den Notizen sieht MyNotex nicht vor.

Das Werkzeug mit dem Dokumenten-Icon oben rechts in MyNotex erlaubt es, die aktuelle Notiz in LibreOffice zu öffnen. Allerdings stellt dies eine Einbahnstraße dar: Was Sie mit LibreOffice an der Notiz ändern, übernimmt das Programm nicht zurück in die Notiz, sondern speichert nur eine neue ODF-Datei.

Im Prinzip erlaubt es MyNotex also, einfach gestaltete Notizen verbunden mit beliebigen Dateianhängen zu speichern. Das ließe sich allerdings auch mit dem Dateimanager und einem Texteditor erledigen. Als echte Notizverwaltung bietet MyNotex aber einige nützliche Funktionen zum Strukturieren der angelegten Daten.

So erlaubt die Software beispielsweise, Notizen in Themen zu organisieren, die als eine Art Ordner fungieren. Allerdings gilt es, sich hier genau Gedanken zu machen: Ein späteres Verschieben der Notizen ist nicht vorgesehen. Dafür legen Sie aber parallel zu dieser starren Struktur sehr flexible Gruppen von Notizen mit Hilfe von Tags an.

Derartige Systeme finden sich auch in Medienplayern, Bildverwaltungen und vielen ähnlichen Systemen. MyNotex glänzt auf diesem Gebiet nicht durch besondere Raffinessen, sondern durch simple Direktheit. Tags legen Sie sehr einfach und schnell an, weisen sie zu oder löschen sie ohne große Komplikationen. Eine geradezu vorbildlich primitive Suchfunktion listet die Notizen auf, die zu einem oder mehreren Tags passen.

Bei der Suche arbeitet MyNotex akkumulierend: Es listet alle Notizen auf, denen Sie eines der Tags in einer durch Komma getrennten Suchliste zuweisen. Außerdem bietet MyNotex eine Volltextsuche und die Suche nach Zeitspannen, die Sie dazu im Stil Tag-Monat-Jahr angeben müssen.

MyNotex ist übrigens die einzige hier vorgestellte Software, die eine explizite Schaltfläche zum Speichern besitzt. Alle anderen Tools sichern die Daten automatisch alle fünf Minuten und in jedem Fall beim Schließen des Programms.

Basket

Wem die aufs Wesentliche reduzierte Funktionalität von MyNotex nicht genügt, der findet in Basket Notepads [2] eine Anwendung für deutlich aufregender gestaltete Zettelkästen. Prinzipiell unterstützt Basket alles, was MyNotex beherrscht, bietet aber noch einige Extras besonders beim Gestalten von Notizen. Neben den üblichen Textformaten und Farben erlaubt die Software auch das Einbetten von Bildern in Notizen. Neben MyNotex ist Basket der einzige hier vorgestellte Zettelkasten, die es erlaubt, beliebige Dateien direkt in die Notizen einzubinden.

Handelt es sich bei den Anhängen um Bilder, so haben Sie die Möglichkeit, diese direkt in einer externen Anwendung zu bearbeiten (Abbildung 5). Sobald Sie ein bearbeitetes Bild in Gimp speichern, aktualisiert Basket automatisch die dazugehörige Datei in seinem eigenen Verzeichnis. Da Basket solche Bilder immer als einzelne Objekte behandelt, müssen Sie Bildunterschriften als Text anlegen und durch [Strg]+Mausklick mit dem Bild gruppieren.

Abbildung 5

Abbildung 5: In Basket benutzen Sie bei Bedarf Gimp als angeschlossenen Bildbearbeiter. Bilder aus dem Web ziehen Sie einfach aus dem Browser in die Applikation hinein.

Basket integriert sich in KDE und bettet sich unter anderem in die Liste der Datenquellen von KMail ein. Es funktioniert aber ebenso gut unter XFCE oder Fluxbox. Darüber hinaus zeigt es sich vorbildlich interoperabel: Basket vermag mehr Notiztypen zu importieren als jedes andere der vorgestellten Programme. Für KNotes funktioniert der Import sofort, die Notizen aus Tomboy sucht Basket allerdings nur unter ~/.tomboy. Einige aktuelle Distributionen legen jedoch die Tomboy-Daten unter ~/.local/share/tomboy ab. Verknüpfen Sie dieses Verzeichnis nach ~/.tomboy, funktioniert der Import wieder.

Allerdings importiert Basket lediglich die reinen Texte – Formatierungen und Links gehen beim Import verloren. Eigenartigerweise legt Basket die Titel und Inhalte der Tomboy-Notizen getrennt als einzelne Basket-Notizen an. Überhaupt neigt Basket dazu, Datenobjekte getrennt zu halten. So erlaubt die Software es zwar, angehängte Dateien mit Texten zu gruppieren, diese Gruppe löst sich aber beim Ziehen mit dem Mauszeiger an einem der Elemente wieder auf. Setzen Sie ein Bild mit Überschrift und erklärendem Text in Basket zusammen, sollten Sie stets mit gehaltenem Linksklick das Gummiband über alle beteiligten Elemente ziehen, bevor Sie dieses zusammengesetzte Objekt bewegen.

Basket bietet wie MyNotex die Möglichkeit, Themenbereiche in einer einfachen Liste anzulegen und mit Hilfe von Tags und Querverweisen weiter zu strukturieren. Außerdem erlaubt es ein beliebig tiefes Verschachteln der Liste mit Themen: Die Körbe genannten Themen dürfen "Unterkörbe" enthalten; die ganze Struktur zeigt Basket, wie von Dateimanagern bekannt, als Baum.

Auch Tags und Querverweise beherrscht Basket. Allerdings zeigten sich im Test noch einige Ungereimtheiten beim Anlegen von Tags: So vergisst es zuweilen die Namen neu angelegter Tags. Die Querverweise funktionieren korrekt, der Umgang mit ihnen gestaltet sich aber etwas umständlich.

Basket zeigt die Notizen und Dateianhänge in den Körben wie üblich als Liste, in Spalten oder frei angeordnet an. Den Nutzer erfreut die Applikation beim Öffnen eines Korbs mit einigen hübschen Animationen, und überhaupt präsentiert sich Basket als am aufwändigsten gestaltete Zettelkasten im Test.

Die einzigartigen Fähigkeiten von Basket bringen jedoch eine unschöne Nebenwirkung mit: Basket zeigte als einziges Programm im Test Stabilitätsprobleme. Die anderen funktionierten technisch ganz ohne Fehl und Tadel. Das tat auch Basket bei fast allen, teilweise recht anspruchsvollen Aktionen. Nur beim Umschalten der Ansicht von Spalten auf Frei fror in einem Fall die Oberfläche ein.

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LinuxUser 05/2014

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