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© Mrdisaster, sxc.hu

Kleine Macken

Leichtgewichtiger Mailclient Balsa

12.03.2012
Ein Urgestein macht wieder von sich Reden: Die Migration auf GTK3 haucht dem flinken Mailclient Balsa neues Leben ein. Ein paar Baustellen bleiben aber offen.

Als das Projekt Gnome noch jung war, bedeutete Desktop-Integration etwas anderes als heute: Für vieles, was Sie heute mit einer waschechte Gnome-Anwendung erledigen, standen damals nur unabhängige Programme bereit. Es existierte weder ein integrierter Webbrowser noch ein Medienabspieler, von systemnahen Bestandteilen wie einem eigenen Fensterverwalter oder Bildschirmschoner ganz zu schweigen. Die externen Programme fügten sich oft mehr schlecht als recht ins Umfeld ein.

Doch immerhin stand ein eigenes Mailprogramm bereit, dessen Anfänge in die Zeit vor der Gründung des Gnome-Projekts zurückreichen: Der erste Commit von Balsa [3] ins damalige Versionsverwaltungssystem CVS datiert auf den 3. Januar 1997 [1], während der Startschuss für Gnome erst im August des gleichen Jahres fiel [2]. Damals wie heute eilten die Anforderungen der Software an die üblichen Rechnerressourcen den vorhandenen Systemen stets etwas voraus. Der Name eines tropischen, unvergleichlich leichten Holzes sollte bei Balsa daher auf die gewollte Leichtfüßigkeit des Programms hinweisen.

Balsa etablierte sich schnell zum festen Bestandteil von Gnome, auch durch die Veröffentlichungspolitik der Distributionen, bevor es mit dem Release von Gnome 2.8 im Herbst 2004 endgültig einem anderen Mailer namens Evolution weichen musste [4]. Evolution war und ist quelloffen. Seinerzeit sorgte aber eine kommerzielle Software-Schmiede dafür, dass sich das Programm beim Einsatz im heterogenen Unternehmensumfeld besonders gut machte – in dieser Liga spielte Balsa damals nicht mit.

Evolution dient unter Gnome noch heute als Standard für das Personal Information Management, dessen Anforderungen im Lauf der Jahre weit über den reinen Mail-Verkehr hinausgewachsen sind. Balsa dagegen geriet beinahe in Vergessenheit, aber es starb niemals wirklich. Nach gelegentlichen längeren Ruhephasen gibt es schon seit einiger Zeit wieder rege Aktivität im Projekt.

Vom Funktionsumfang vermag Balsa auch heute keineswegs mit dem Gnome-Platzhirsch mitzuhalten, doch das ist auf dem heimischen Rechner auch nicht unbedingt nötig. Eines hat Balsa sich jedoch auf jeden Fall bewahrt: seine Leichtfüßigkeit, insbesondere auf älterer Hardware.

Die derzeit stabile, in den Paketquellen vieler Distributionen vorhandene Programmversion basiert noch auf GTK2. Parallel bereiten die Entwickler Balsa aber für den Sprung auf Gnome 3 vor. Dazu existiert im Git-Repository ein Zweig namens gtk3. Diese Version bildet die Grundlage für unseren Test der Software.

Installation

Derzeit haben die Entwickler noch keine GTK3-basierte Version als Tarball veröffentlicht. Daher gilt es, das Programm aus dem Git-Repository zu installieren. Laden Sie sich zunächst den Inhalt des Moduls herunter, wechseln Sie dann in den Ordner und stellen Sie auf den GTK3-Zweig um. Die nötigen Befehle hierzu finden Sie in Listing 1.

Da Sie es hier nicht mit einer echten Tarball-Installation zu tun haben, müssen Sie zunächst den Befehl ./autogen.sh ausführen, um ein Configure-Skript zu erstellen. Danach genügt der übliche Dreischritt ./configure, make und make install, um Balsa in den Dateibaum des Systems zu schieben.

Läuft das Konfigurationsskript nicht sauber durch, liegt das meist an fehlenden Bibliotheken und den Entwicklerdateien. Neben GTK3 benötigen Sie unter anderem Libnotify, NetworkManager-glib und Libgtk-webkit. Die Paketnamen können distributionsabhängig anders lauten – beispielsweise finden Sie die Dateien von NetworkManager-glib bei Ubuntu im Paket libnm-glib.

Erfüllt Ihr System alle genannten Abhängigkeiten, passiert es unter Umständen trotzdem, dass Make abbricht und nach Scrollkeeper fragt. Dieses Katalogisierungssystem für Hilfetexte verbirgt sich in den Rarian-Werkzeugen, gegebenenfalls in einem Paket rarian-compat.

Balsa mahnt während der Installation das Fehlen der Entwicklerdateien des SSL-Stacks im System nicht an. Das Programm bringt in diesem Fall keine SSL-Unterstützung mit. Etliche Provider schreiben dies aber zwingend vor, so beispielsweise Google. Falls Sie ein Google-Mailkonto haben, schauen Sie dann unweigerlich in die Röhre und müssen Balsa neu installieren.

Um alle vorhandenen Optionen auszuschöpfen, können Sie Configure mit dem Parameter --enable-all aufrufen. Doch Vorsicht: Dieser Aufruf aktiviert alle Funktionen, selbst unvollständige oder fehlerhafte.

Listing 1

$ git clone git://git.gnome.org/balsa
$ cd balsa
$ git checkout --track origin/gtk3
$ ./autogen.sh
$ ./configure --prefix=/usr/local
$ make
$ sudo make install

Erste Schritte

Unter Umständen finden Sie Balsa nach dem Setup (siehe Kasten "Installation") nicht unbedingt im Menü, insbesondere dann, wenn Sie es unterhalb von /usr/local installiert haben. Starten Sie das Programm dann mit dem Befehl balsa in einem Terminal oder einem Schnellstartfenster, gegebenenfalls unter Angabe des vollen Pfads zur Binärdatei.

Vor dem ersten Laden des Hauptfensters begrüßt Sie ein Assistent, der Ihnen beim Einrichten von Mail-Konten hilft (Abbildung 1). Geben Sie hier die Server-Daten, Benutzernamen und Passwörter ein. Als Zugriffsprotokolle beherrscht Balsa POP3 und IMAP4. Nachdem sich der Assistent beendet hat, öffnet sich das eigentliche Programmfenster und Sie können durch einen beherzten Klick auf den Knopf Nachsehen in der Werkzeugleiste Ihre Nachrichten abrufen.

Abbildung 1: Dank eines Assistenten richten Sie beim ersten Start komfortabel Mail-Konten ein.

Das Hauptfenster zeigt eine von anderen Clients vertraute Optik: Links die Baumansicht mit den Konten und Ordnern, oben die Kopfzeilen, unten der Nachrichtentext. Balsa erlaubt es, dieses Aussehen recht weitgehend anzupassen. In den Einstellungen finden Sie ein Auswahlmenü, das zwei Varianten anbietet, die sich vor allem für breite Auflösungen eignen.

Die Breitbild-Anordnung teilt das Fenster in drei Spalten, was für große, hochauflösende 16:9-Displays durchaus praxisgerecht ist. Die Breitbild-Nachrichtenansicht zieht lediglich den Text der Nachrichten über die volle Breite. Außerdem ermöglicht diese Ansicht es, einzelne Komponenten auf Wunsch auszublenden. Das böte die Möglichkeit, bei hohem Aufkommen an Nachrichten das Textfenster zu verbergen und die Nachricht per Doppelklick in einem neuen Fenster zu öffnen.

Überhaupt zeigt sich Balsa in vielen Bereichen sehr flexibel – so etwa bei den Symbolen in der Werkzeugleiste, die Sie bei Bedarf ein- und ausblenden, und das sogar für die verschiedenen Fenstertypen getrennt (Abbildung 2).

Abbildung 2: Bei Bedarf passen Sie die Programmoberfläche von Balsa auf vielfältige Weise an Ihre Bedürfnisse an.

Sie dürfen zusätzlich festlegen, wo und wie die Applikation verschiedene Typen von Informationsmeldungen anzeigt: als Dialog, in der Statuszeile oder im Terminal, in dem Sie das Programm gestartet haben. Eigentlich widersprechen diese vielfältigen Möglichkeiten der Vision von Gnome 3, kommen aber vermutlich vielen Benutzern dennoch entgegen.

Die Software bleibt keine der üblichen Funktionen schuldig und beherrscht beispielsweise das Verschlüsseln von Nachrichten, eine Rechtschreibungprüfung und das Anzeigen von HTML-Mails . Letzteres beschränkt sich jedoch tatsächlich nur auf die Anzeige, beim Verfassen von Nachrichten erlaubt das Programm ausschließlich das Textformat mit rudimentären Formatierungen.

Immerhin vermag Balsa eine einfache HTML-Version als Anhang zur Textversion zu verschicken, was die Mailclients der Gegenseite dann als HTML-Nachricht erkennen und anzeigen. Möchten Sie dagegen Grafiken, Tabellen oder andere HTML-Teile direkt einbinden, hilft Balsa nicht weiter. Hier bleibt als Ausweg nur das Erstellen einer Nachricht im externen HTML-Editor sowie das anschließende Versenden des Resultats als Anhang.

Adressgefrickel

Die Applikation bietet zwar ein Adressbuch, das aber etwas dürftig wirkt und lediglich den Zugriff auf eine LDIF-Datei, eine vCard-Datei und ein externes Programm erlaubt. Eigentlich kein Beinbruch, denn LDIF-Adressbücher bieten grundsätzlich die Möglichkeit zum gemeinsamen Nutzen mit anderen Anwendungen, und ein Eintrag darf eine Menge verschiedener Informationen enthalten.

Unglücklicherweise nutzt Balsa die Möglichkeiten von LDIF nur sehr begrenzt: Viel mehr als das Speichern von Namen und Mail-Adressen erlaubt es nicht. Bereits vorhandene LDIF-Einträge, die nicht in dieses simple Schema passen, ignoriert das Programm einfach. Hinzu kommt, dass der Adressbuch-Editor oft nur nach wiederholten Versuche bereit ist, einen vorhandenen Eintrag zu löschen.

Externe Kontaktdaten erfordern in der Regel, dass Sie die Daten konvertieren. In manchen Fällen kommen Sie gar nicht heran, beispielsweise an das Google-Adressbuch oder die Kontaktdaten aus Evolution. Das weckt den Wunsch nach neuen Funktionen. Immerhin beherrscht die Software den Zugriff auf die Daten eines LDAP-Verzeichnisses, aber das Einrichten erweist sich als nicht gerade trivial. Der entsprechende Dialog sagt kaum etwas darüber aus, wie die Angaben korrekterweise auszusehen haben.

Das Handbuch, dass sich hinter dem Menüpunkt Hilfe verbirgt, sollten Sie besser gar nicht erst aufklappen: Es ist derart veraltet, dass viele der beschriebenen Menüpunkte nicht mehr der Programmoberfläche entsprechen, und die deutsche Übersetzung erweist sich als ziemlich lückenhaft (Abbildung 3). Falls Sie das Handbuch aktualisieren wollen, idealerweise auf Basis des Mallard-Formats [5], rennen Sie mit einem solchen Vorhaben bei den Entwicklern mit Sicherheit offene Türen ein.

Abbildung 3: Das Handbuch von Balsa bringt außer seinem historischen Wert keinen Nutzen beim Erforschen der Funktionen des Programm.

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