Mangel an Tools

So gut wie jeder Desktopmanager sieht für bestimmte Aufgaben Standardanwendungen vor. Auf dieser Ebene ist Razor-qt noch nicht so weit fortgeschritten. Insbesondere fällt das Fehlen eines Dateimanagers auf: Dieses essenzielle Tool müssen Sie also selbst aussuchen. Hier bietet es sich an, Qt-basierte Anwendungen wie Dolphin [2] oder Andromeda [3] einzusetzen. Bei der Installation zieht insbesondere Dolphin allerdings zahlreiche KDE-Pakete nach, was nicht unbedingt im Sinne eines schlanken Desktops ist.

Fazit

Vom Funktionsumfang eines Standarddesktops wie XFCE oder LXDE bleibt Razor-qt derzeit noch weit entfernt und präsentiert sich eher noch im Beta-Stadium. Aber wie das mit Nachwuchs so ist, bietet es sich an, ihm noch etwas Zeit zu geben: Der Ansatz, einen Ressourcen sparenden Desktop auf Basis des leistungsfähigen Qt-Frameworks anzubieten, erscheint mehr als nur lobenswert.

Bis zur Reifeprüfung mit der Version 1.0 oder vielleicht schon ein wenig früher bleibt also ein wenig Experimentierfreude seitens des Benutzers vonnöten. Insbesondere die noch nicht sehr ausgeprägte Integration von Basisanwendungen wie etwa einem Dateimanager sowie die unvollständigen Konfigurationstools fallen unangenehm auf. Wen das nicht stört und gerne auf einem individuellen Desktop arbeitet, der kann auch jetzt schon Razor-qt getrost einsetzen. Für alle anderen lautet die Empfehlung: Noch ein wenig warten. 

Interview mit Alexander Sokoloff

Alexander Sokoloff, Razor-qt-Entwickler

Hinter dem Razor-qt-Projekt stecken engagierte Köpfe, wie beispielsweise Alexander Sokoloff aus Russland. Er gehört zum Kernteam und war bereit, uns Rede und Antwort zu stehen.

LinuxUser: Alexander, wie viele Entwickler beteiligen sich derzeit am Projekt Razor-qt?

Alexander Sokoloff: Zum Zeitpunkt des letzten Releases hatte das Projekt nur drei aktive Entwickler: Petr Vanek, Maciej Plaza und mich. Einige weitere Entwickler unterstützten uns mit Patches und durch das Beheben von kleineren Fehlern. Nach der Veröffentlichung erhielten wir dann sehr viel Feedback in Form neuer Vorschläge und Patches. Dadurch haben wir in der Entwicklung von Razor-qt aktiven Zuwachs bekommen – ich hoffe, dass dessen Begeisterung nicht nachlassen wird. Außerdem hat sich ein Übersetzungsteam gebildet.

LU: Was sind Eure Ziele und Eure Motivation, einen ganz neuen Desktop auf die Beine zu stellen?

AS: Der erste Grund: Performance. Als ich vor einigen Jahren begann, mit Linux zu arbeiten, habe ich irgendeinen leichtgewichtigen Fenstermanager ausprobiert – ich glaube, es war IceWM. Ich war erstaunt, wie schnell ein Computer arbeiten kann. Außerdem habe ich es genossen, wie schnell meine Kommandos und Mausklicks in Ergebnisse umgesetzt wurden. Im Lauf der Zeit wurden die PCs zwar schneller, aber die Desktopumgebungen kamen da nicht so richtig mit. In der GTK-Welt gibt es einige Alternativen: Wer Gnome nicht mag, kann LXDE oder XFCE einsetzen. Auf der Seite von KDE – oder besser: Qt — gab es dagegen vor Razor-qt keine Alternative. Nicht zuletzt ist ein solches Projekt einfach interessant und macht Spaß.

LU: Aber warum braucht es denn noch einen weiteren Desktop für langsame Computer?

AL: Was ist mit dem Klimawandel und der globalen Erwärmung? Langsamere Rechner produzieren weniger Hitze! Spaß beiseite: Wir entwickeln gar nicht für langsame Computer, sondern schreiben unseren Quellcode für eine schnelle Desktopumgebung. Der beste Test dafür ist halt, diese auf langsamen Rechnern zu starten.

LU: Was macht Razor-qt einzigartig?

AL: Wir setzen uns nicht hin, nur um Konzepte zu entwickeln, die einzigartig sein sollen. Wir versuchen einfach, eine komfortable Umgebung für gewöhnliche Anwender auf die Füße zu stellen. Zugegeben, das klingt schon ein wenig altbacken. Trotzdem: Dem Interesse an unserem Projekt nach zu schließen, sehen da wohl inzwischen viele Anwender einen Bedarf.

LU: Wie sehen Eure Pläne für die nächste Version von Razor-qt aus, und wann soll diese erscheinen?

AL: Für die Zukunft planen wir einige 0.4.x-Releases mit Fehlerkorrekturen und kleineren Verbesserungen – oder anders gesagt: Unser Trouble-Ticket-System ist gut gefüllt. Im Anschluss planen wir dann, weitere Module und Funktionen zu ergänzen. Noch steht nicht fest, was das Release 0.5 enthalten soll – vielleicht einen Layoutwechsler oder eine Verbesserung des Desktops an sich. Anvisierter Termin für das Release ist jedenfalls der April 2012.

LU: Vielen Dank für das Interview, und weiter viel Erfolg mit Razor-qt!

Glossar

Qt

Bibliothek zur plattformübergreifenden Entwicklung grafischer Oberflächen [4].

Infos

[1] Get Razor-qt: http://razor-qt.org

[2] Dolphin: http://dolphin.kde.org/

[3] Andromeda: https://gitorious.org/andromeda

[4] Qt-Projekt: http://qt-project.org

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