Mischobst

Pear OS Linux Panther v3.0

Wie Tux sich kleidet, das ist höchst individuell: Mal trägt er schlichte Sachlichkeit, mal kommt er kunterbunt. Und manchmal, so scheint es, versucht sich der Pinguin an fremden Systemen zu orientieren – so wie bei Pear OS [1]. Das verhilft dem Linux-Desktop zum Look von Apples OS X.

Es gibt ein paar Eigenschaften, die in der Wahrnehmung der Computernutzer nahezu untrennbar mit Apple und seinem Betriebssystem OS X verbunden sind: Es sei optisch sehr schön anzuschauen, heißt es, und obendrein sehr einfach und bequem zu bedienen. Vom manchem Linux behaupten einige Stimmen hingegen eher das Gegenteil (auch wenn diese Stimmen immer leiser werden). Doch Linux ist nicht gleich Linux, nahezu jede Distribution hat ein eigenes Look  & Feel. Und aus der Vielfalt der Varianten sticht das System mit dem langen Namen "Pear OS Linux Panther v3.0" heraus. Die französische Linux-Distribution will unter dem Motto Think Totally Different dem Design-Primus OS X kräftig Konkurrenz machen und nimmt dabei reichlich Anleihen beim großen Vorbild.

Das beginnt schon beim Logo, eine angebissenen Birne auf dunkelgrauem Grund. Den Apfel haben die Macher von Pear OS dem Original gelassen, beim Rest hingegen kupfern sie kräftig ab. Schon der Startbildschirm (Abbildung 1) gleicht sehr stark dem aktuellen OS X "Lion". Kaum ist das System fertig geladen, präsentiert sich Pear OS absolut Apple-ähnlich – aber eben nur ähnlich: Denn an Apples strengen Style-Guide halten sich die Macher nicht.

Abbildung 1

Abbildung 1: Sieht irgendwie bekannt aus: Die Macher von Pear OS orientieren sich sehr nah am Original.

Nachahmer

Im Großen und Ganzen gleicht Pear OS dem Vorbild allerdings schon sehr. Man muss den Entwicklern zugute halten, dass sie sich beim Kopieren einige Mühe gemacht haben – sogar die Versionsbezeichnung folgt Apples Schema. Ebenso gleicht die grafische Oberfläche dem Original in vielen Aspekten. Die Menüleiste am oberen Bildschirmrand wird bei vielen Programmen ihrem Namen gerecht und hält die Menüs vor. Nur dort, wo statt GTK andere GUI-Frameworks wie etwa Qt zum Einsatz kommen, haben die Fenster wieder eigene Menüs (Abbildung 2). Ganz oben links sieht man dort, wo beim Original der angebissene Apfel prangt, eine angebissene Birne (Abbildung 3). Ein Klick darauf öffnet ein Menü, das sehr jenem des Vorbilds ähnelt und den Weg zu Updates, Systemeinstellungen und einigen weiteren Punkten bereitet.

Abbildung 2

Abbildung 2: Zum Anbeißen: Selbst das Apfel-Menü haben die Birnen-Beißer übernommen.

Abbildung 3

Abbildung 3: Nicht ganz einheitlich: Basiert eine Anwendung nicht auf GTK, fällt die einheitliche Darstellung flach.

Am unteren Bildschirmrand sitzt ein Starterdock, das eine Handvoll Programme feilbietet. Das Dock ist zwar nett anzusehen, die Animation der springenden Icons beim Programmstart kann allerdings nicht ganz überzeugen: Die Bildchen hüpfen ein wenig schnell und unbeholfen auf und nieder. Zu weiteren Programmen gelangt man ganz im Apple-Stil über ein sogenanntes Launchpad. Dieses Menü zeigt die Icons militärisch korrekt an: In unserem Fall vier Icons untereinander und viele, viele nebeneinander (Abbildung 4). Was am Launchpad neben einigen kleinen Fehlern allerdings unglaublich nervt, ist die unschöne Eigenschaft, beim Launchpad-Start alle anderen Fenster zu minimieren. Die muss man dann alle wieder einzeln aus dem Dock hervorholen.

Abbildung 4

Abbildung 4: Doppelt gemoppelt: Auch beim Launchpad hakelt es noch ein wenig.

System & Software

Pear OS Linux "Panther" v3.0 basiert auf Ubuntu 11.10 und bringt als Kernel die Version 3.0.0-15 mit. Der Desktop beruht auf Gnome 3.2 und GTK 2.24.8. Bei der Software-Auswahl gingen die Pear-OS-Macher teils eigene Wege.

Wer ins Büro will, findet dort LibreOffice 3.4.4 vor – Standard. Schon beim Browser wird es ein wenig individueller: Das kommerzielle Opera lässt sich beim ersten Start erst einmal die Lizenzbedingungen bestätigen. Um Mails kümmert sich Pear OS Mail, ein umgetaufter Sylpheed der Version 3.2.0 Beta 3. Eine echte Eigenentwicklung scheint der sehr einfach gehaltene PDF-Viewer zu sein, der auf die Bezeichnung Pear OS Viewer hört. Statt den üblichen Verdächtigen wie Banshee oder Amarok zeichnet die Amarok-Weiterentwicklung Clementine in Version 0.7.1 für die Musikwiedergabe verantwortlich. Hinzu kommen einige weitere, mehr oder weniger bekannte kleine (Dienst-)Programme.

Erfreulich ist, dass Pear OS auch hinsichtlich der Datensicherheit ähnliche Wege geht wie das Vorbild. Für regelmäßige Backups steht das Programm Back In Time [2] bereit, das ohnehin ganz klar von Apples Timemachine inspiriert wurde – in Pear OS sogar samt nachempfundenen Logo. Hinsichtlich der Funktion greift Back In Time auf Rsync, Diff und Cp zurück. Das Programm legt je nach Konfiguration regelmäßige Snapshots bestimmter Verzeichnisse in einem Backup-Ordner ab. Über die GUI lässt sich dann in der Zeit zurück wandern – etwa dann, wenn beim Aufräumen der Platte auf ein wichtiges Dokument ins digitale Nirvana gewandert ist.

Alles Appstore oder was?

Neue Software findet man ja neuerdings in App-Stores oder Markets, so auch in Pear OS. Die Macher bedienen sich auch gleich des Namens. Der Pear OS Appstore (Abbildung 5) ist allerdings nicht ganz gelungen (Abbildung 6). Bei der vermeintlichen Adaption von Apples App-Store handelt es sich um nichts anderes als Ubuntus Software Center – nur unübersichtlicher. Erfreulicherweise gelangt man über das Launchpad in die übliche Ubuntu Software-Verwaltung samt gewohnter Optik.

Abbildung 5

Abbildung 5: Bloß gut, Linux hat jetzt auch einen App Store …

Abbildung 6

Abbildung 6: … wobei es der Übersichtlichkeit nicht so gut tut.

Pear OS kommt wie die meisten Ubuntu-Derivate in Live-CD-Form plus Installer. Letzterer will aber nicht starten, auch wenn der Anwender im Grub den entsprechenden Menüpunkt auswählt (Abbildung 7). Auf die Festplatte gelangt Pear OS erst nach einem Klick auf das Icon Installer auf dem Desktop des gebooteten Live-Systems (Abbildung 8).

Abbildung 7

Abbildung 7: Kein Start: Die Fehlermeldung macht klar, dass es den Installer per Mausklick aufzurufen gilt.

Abbildung 8

Abbildung 8: Klappt doch: Der Installer läuft problemlos durch – sogar korrekt deutsch lokalisiert.

Ob im Live-Modus oder auf die Platte gepackt: Pear OS agiert angenehm fix. Auch auf älterer Hardware macht die Bedienung in Sachen Geschwindigkeit Spaß und erfordert keine langen Wartezeiten. Weder unser Testnotebook mit einem betagten 2-GHz-Pentium M noch die Installation in der virtuellen Maschine mit nur einer CPU und mäßigen 2,26 GHz Taktrate waren von Pear OS sonderlich ausgelastet. Und auch der Arbeitsspeicher von lediglich 1 GByte genügte völlig. Hinsichtlich der Hardware-Unterstützung sei auf den üblichen positiven Eindruck seitens Ubuntu verwiesen.

Tux trifft Babel

Trotz allen Lobes: Pear OS erscheint in vielen Bereichen noch unausgereift. Von der nicht automatisch startenden Installation ganz abgesehen, erwartet Sie ein System, bei dem Sie noch viel Hand anlegen müssen – zum Beispiel bei der Sprachunterstützung. Von Haus aus präsentiert sich Pear OS in einem fröhlichen Mischmasch aus Englisch und Französisch. Falls Sie nun auf die Idee verfallen, das System auf Deutsch umstellen zu wollen, dürfen Sie sich anschließend über Dialoge in allen drei Sprachen freuen (Abbildung 9). Auch wirklich ernstgemeinte Versuche, mit lediglich einer Sprache auszukommen, scheiterten kläglich. Da hilft jegliches Aktualisieren, Neustarten sowie An- und Abmelden nicht.

Abbildung 9

Abbildung 9: Sprachliche Verwirrung: Wer Pear OS bedienen will, sollte mindestens zwei, wenn nicht drei Sprachen beherrschen.

Updates sollte Pear OS eigentlich während der Systeminstallation herunterlade, tut es aber nicht. Das gilt es anschließend manuell nachzuholen. Dies hatte im Test allerdings zur Folge, dass einige Icons nun durch Platzhalter ersetzt wurden. Ein genauerer Blick auf die Icons macht dem geneigten Anwender dann bewusst, dass in Pear OS zwar fröhlich kopiert wurde, aber nicht gut: Einige der Bildchen kommen arg unscharf oder stark verpixelt daher, was der Optik des Systems nicht gut tut.

Fazit

An wen richtet sich nun diese Linux-Distribution, die doch den Anspruch hat, völlig anders zu sein? An Liebhaber schönen Designs sicher nicht: Dazu fallen die Anleihen an das Original aus Cupertino zu inkonsistent und halbherzig aus. Suchen Sie eine besonders einfach zu bedienende Linux-Version, sind Sie bei Pear OS angesichts der Mängel hinsichtlich der Sprachunterstützung sowie anderer Schnitzer (Abbildung 10) ebenfalls falsch.

Abbildung 10

Abbildung 10: Num-Lock gedrückt? Nein, hab ich nicht! Viele kleine Fehler trüben den Spaß an Pear OS.

Unter dem Strich bleibt: In der vorliegenden Version kann Pear OS nicht halten, was es verspricht. Es sei denn, die Distributoren wollen mit dem Slogan Think Totally Different ausdrücken, man solle hinsichtlich des eigenen Anspruchs total umdenken.

Sollten die Entwickler es noch schaffen, die "Kinderkrankheiten" der Distribution zu kurieren und bei Grafik und Bedienung einen eigenen Weg einzuschlagen, dann darf man getrost einen erneuten Blick auf das französische Linux-System werfen. Wenn nicht, dann bleibt Pear OS einfach nur ein billiger OS-X-Abklatsch. 

Infos

[1] Pear OS: http://pear-os-linux.fr

[2] Back in Time: Martin Loschwitz, "Zurückgedreht", LU 08/2011, S. 30, http://www.linux-community.de/23962

Der Autor

Jan Rähm ist begeisterter Linux- und Mac-Benutzer: Hauptsache das Ding hat eine Kommandozeile. Zumindest eine Kommandotaste hat sein sonstiger Arbeitsplatz im Hörfunkstudio. Dort produziert er Beiträge über IT und Technik für den DLF, den WDR und weitere Sendeanstalten.

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