Erleuchtet

Enlightenment E17 im Ubuntu-Derivat Bodhi Linux

Ubuntu gilt als eine der beliebtesten Linux-Distributionen. Doch während die Entwickler sich bemühen, mit jedem neuen Release die jeweils aktuellste Hardware zu unterstützen, bleiben ältere Rechner oft auf der Strecke. Dieses Mankos hat sich das Ubuntu-Derivat Bodhi Linux angenommen, das mit dem legendären Enlightenment-E17-Desktop reichlich Glamour auf den Monitor bringt und dabei auch noch wieselflink an die Arbeit geht.

Der Desktop

Enlightenment E17 [1] war lange Zeit aufgrund seines schicken Designs optisch den gängigen Arbeitsoberflächen wie Gnome oder KDE weit überlegen und machte mit seinen ästhetischen visuellen Effekten Furore. Dem Desktop mangelte es jedoch an einer größeren aktiven Entwicklergemeinde, sodass er nur in wenige Distributionen als Standardoberfläche Eingang fand. Erst mit dem Einstieg des südkoreanischen Mischkonzerns Samsung [2] beim Enlightenment-Projekt im Jahr 2009 kam erneut Bewegung in die Entwicklung: Die Oberfläche hat sich vom ewigen Alpha-Status gelöst und kommt mittlerweile sogar in High-Tech-Kühlschränken des schwedischen Konzerns Electrolux zum Einsatz.

Dabei hat Enlightenment E17 nichts von seinen Vorzügen verloren: Nach wie vor bietet der Desktop eine farblich in sich stimmige, optisch ansprechende Oberfläche mit visuellen Effekten, die bei anderen Arbeitsumgebungen viel Hardware-Ressourcen beanspruchen. Aufgrund des schlanken Designs, das mit eigenen Funktionsbibliotheken aufwartet, agiert Enlightenment daher auch auf älterer Hardware wieselflink. Dabei müssen Sie bei optischen Effekten auch dann keine Abstriche machen, wenn Ihre Hardware keine 3D-Techniken unterstützt.

Entwicklungsziel

Auf den ersten Blick wirkt das Entwicklungsparadigma des Enlightenment-Projekts antiquiert: Während gängige Oberflächen wie Gnome 3 oder Canonicals Unity dem Anwender möglichst alle Arbeit abnehmen möchten und sich daher kaum noch vernünftig konfigurieren lassen, gibt es bei Enlightenment nahezu nichts, was Sie als Nutzer nicht anpassten könnten.

Dazu müssen Sie sich nicht einmal von alten Gewohnheiten trennen: Enlightenment ist bei den meisten Distributionen bereits so vorkonfiguriert, dass Sie die Einstellungsdialoge in einem entsprechenden Menübaum zusammengefasst vorfinden. Geänderte Optionen werden dabei meist sofort umgesetzt, sodass lästige und zeitaufwendige Neustarts von Fenstermanager und Desktop entfallen. Gadgets, Module, Dockbars sowie Transparenz, Schatten und Animationen – es gibt nichts an innovativen Techniken auf dem Desktop, was Enlightenment nicht bieten könnte.

Die ersten Versionen von Enlightenment waren noch als reiner Fenstermanager ohne nennenswerte eigene Funktionalität im Bereich des Desktops konzipiert. Inzwischen hat sich E17 dank neu entwickelter Bibliotheken zur grafischen Gestaltung der Benutzerschnittstelle und unterschiedlicher integrierter Programme zur vollwertigen Arbeitsumgebung gemausert. Eng mit E17 verzahnt arbeiten unter anderem der Netzwerkmanager Exalt, das Präsentationstool Eyelight, der Fotomanager Enki sowie der Dateimanager EFM. Viele weitere kleine Applikationen sind in Entwicklung und nähern das Funktionsspektrum des E17-Desktops immer mehr den beiden Platzhirschen Gnome und KDE an.

Gadgets und Module

Eine weitere Besonderheit von Enlightenment E17 stellt die enge Verquickung von Modulen und Gadgets dar. Während man Letztere auch von anderen Desktop-Umgebungen als kleine Applikationen auf der Arbeitsoberfläche kennt, assoziiert der Linux-Kundige den Begriff "Modul" eher mit Gerätetreibern für Hardware-Komponenten. Beim Enlightenment E17-Desktop dienen Module jedoch dazu, bestimmte Funktionen zu steuern, die dann jeweils ein Gadget grafisch visualisiert. Somit kann ein Gadget erst dann auf dem Desktop in Erscheinung treten, wenn Sie das entsprechende Modul als Voraussetzung aktivieren.

Im Menü Einstellungen | Module finden Sie eine Vielzahl solcher Module. Nach einem Mausklick auf das jeweilige Modul und anschließend auf die Schaltfläche Laden stellt E17 die entsprechende Funktion bereit. In Bodhi Linux sind bereits mehrere Module wie beispielsweise die Systemleiste oder das Startmenü aktiviert. Um anschließend auch seltener benötigte Gadgets auf den Desktop zu zaubern, wählen Sie im Menü Einstellungen den Eintrag Helfer. Im sich öffnenden Fenster wählen Sie nun die entsprechenden Gadgets durch Anklicken aus und platzieren diese mit einem weiteren Klick auf den Button Helfer hinzufügen auf der Arbeitsoberfläche (Abbildung 1).

Abbildung 1

Abbildung 1: Module erweitern die Funktionalität von Enlightenment E17.

Bodhi Linux

Das aus den USA stammende Bodhi Linux hat es sich ähnlich wie das Mandriva-Derivat Unity Linux [3] zum Ziel gesetzt, eine Core-Distribution anzubieten, die der Anwender möglichst einfach um seine bevorzugten Applikationen erweitern kann. Demzufolge finden Sie in Bodhi Linux auch keine mit Anwendungen überfrachteten Menübäume, sondern lediglich einige wenige Tools wie Synaptic zum Paketmanagement oder den Webbrowser Midori sowie das LX-Terminal, die für das individuelle Anpassen des Systems unentbehrlich sind.

Aufgrund der Basis Ubuntu mit ihrer gigantischen Software-Auswahl von mittlerweile über 31 000 Paketen fällt es auch Einsteigern leicht, das Betriebssystem um die erwünschten Programme zu erweitern. Zudem bleiben dem Bodhi-Anwender halbjährliche Installationsorgien wie bei Ubuntu erspart: Die Distribution orientiert sich an den LTS-Versionen des Vorbilds, die alle zwei Jahre erscheinen und drei Jahre lang gepflegt werden.

Nach dem Download des nur knapp 380 MByte großen ISO-Images [4] und dem Brennen auf eine CD begrüßt Sie Bodhi Linux beim ersten Start mit lediglich drei Einträgen im Bootmanager. In den meisten Fällen können Sie den ersten Eintrag zum Live-Betrieb auswählen. Der Ubuntu-Unterbau hat jedoch in den neueren Versionen gelegentlich Probleme mit der korrekten Ansteuerung älterer Grafikkarten, sodass Bodhi Linux alternativ auch den speziell für ältere Systeme gedachten Start im VESA-Modus gestattet.

Schon nach recht kurzer Ladezeit überrascht Enlightenment mit einem grafischen Menü, in dem Sie ein Startprofil auswählen können: Je nachdem, ob Sie die Distribution auf einem Desktop, Laptop oder Tablet testen oder installieren möchten, wählen Sie hier den passenden Eintrag aus. Weitere Profiloptionen, die sich auch an den grafischen Möglichkeiten der Hardware orientieren, bieten zusätzlich optische Effekte. Nach einem Klick auf die Schaltfläche Next unter dem Auswahlfenster offeriert das System in einem weiteren Schritt eine Reihe von Themes für den Desktop. Haben Sie sich für eines davon entschieden, erscheint die komplette Arbeitsoberfläche innerhalb von Sekundenbruchteilen.

Wundern Sie sich nicht, wenn Sie nun plötzlich fliegende Pinguine auf dem Display sehen: In diesem Fall haben Sie das Profil Fancy ausgewählt, das von Anbeginn an Bewegung auf den Bildschirm bringt. Der Desktop wirkt ansonsten aufgeräumt: Von Haus schwebt eine Analoguhr als Gadget auf der Arbeitsoberfläche, und unten mittig finden Sie die Dockleiste IBar (Abbildung 2). Sie zeigt die animierten Schaltflächen der Programmstarter vergrößert an, sobald Sie mit dem Mauszeiger darüber fahren.

Abbildung 2

Abbildung 2: Der E17-Desktop von Bodhi Linux wirkt sehr aufgeräumt.

Bodhi installieren

Im Live-Betrieb bekommen Sie eine gute Vorstellung davon, wie schnell das System arbeitet. Vor allem, wenn Sie alte Hardware nutzen, erweist sich Bodhi Linux als sehr agil. Sofort positiv bemerkbar macht sich die exzellente Integration der Desktopumgebung in das System: Enlightenment arbeitet äußerst stabil und ohne Hakeleien.

Wie bereits erwähnt stelle Bodhi Linux als Core-Distribution nur die nötigste Software von Haus aus bereit. Zusätzliche Programme müssen Sie jeweils aus den Repositories herunterladen, was erst eigentlich erst nach der Installation des Systems sinnvoll ist. Um Bodhi auf die Festplatte zu heben, gibt es in der Dockleiste die Schaltfläche Install Bodhi Linux. Dahinter verbirgt sich ein modifizierter Ubuntu-Installer, die nach den üblichen Abfragen nach Lokalisierung und Partitionierung das Betriebssystem auf die Platte packt.

Nach einem anschließenden Warmstart passen Sie das System zunächst optisch an Ihre Wünsche an, indem Sie im Menü Settings unterschiedliche Optionen ausprobieren. Diese setzt E17 in der Regel sofort ohne weiteren Neustart um, sodass Ihrer Experimentierfreude kaum Grenzen gesetzt sind.

In einem weiteren Schritt empfiehlt es sich, die Lokalisierung anzupassen, da Bodhi Linux von Haus aus nur die englische Sprache beherrscht. Hierzu klicken Sie im Menü Applications | Preferences auf die Auswahlfläche Language Support. Anschließend stellen Sie bequem grafisch die gewünschten Optionen ein. Da Bodhi hierzu jedoch Pakete aus dem Internet nachlädt, muss dazu ein Zugang ins Netz bestehen.

Nach diesem Prozedere sind die deutschen Maße in das System integriert. Um auch Enlightenment auch mit der deutschen Sprache vertraut zu machen, wählen Sie das Untermenü Settings | All | Language | Language Settings aus. Im sich öffnenden Dialog klicken Sie den Eintrag Deutsch an und bestätigen die Auswahl mit Apply. Künftig erscheinen die Menüs in deutscher Sprache – zumindest überwiegend.

Einstellungssache

Der Enlightenment-Desktop bietet zur Konfiguration ein Kontrollzentrum an, das Sie vom Startmenü aus über den Eintrag Einstellungen | Einstellungskonsole erreichen. Ähnlich wie bei anderen Desktopumgebungen finden Sie hier die wichtigsten Optionen zur Konfiguration des Systems zusammengefasst unter einer grafischen Oberfläche vor. Hier modifizieren Sie nicht Funktionen der Arbeitsoberfläche, sondern können auch Hardware-Einstellungen vornehmen, etwa die Bildschirmauflösung ändern oder Eingabegeräte konfigurieren.

Damit Sie in der Vielzahl an Optionen nicht den Überblick verlieren, gruppiert E17 die einzelnen Schalter dabei thematisch. Ein Klick auf die gewünschte Option verzweigt in ein detailliertes Untermenü in einem eigenen Fenster, in dem Sie die gewünschten Modifikationen vornehmen. Danach schließen Sie die Einstellungskonsole mit einem Klick auf die Schließen-Schaltfläche (Abbildung 3).

Abbildung 3

Abbildung 3: Die Einstellungskonsole als Schaltzentrale in E17.

Der Enlightenment-Desktop ist schon seit Jahren bekannt für seine zahlreichen Konfigurationsmöglichkeiten. Auch in Bodhi Linux können Sie aus der schon von Haus aus optisch ansprechenden Arbeitsoberfläche einen echten Hingucker machen, indem Sie neben Gadgets beispielsweise auch einen animierten Hintergrund nutzen. Die Distribution liefert erst einmal nur statische Desktops mit, doch im Internet finden sich zahlreiche animierte Hintergrundbilder [5]. Über das Untermenü Einstellungen | Alle können Sie zudem in jeweils separaten Dialogen das Aussehen der Fenster individuell konfigurieren, Themes ändern und anpassen, Systemmeldungen optisch und akustisch beeinflussen, Menü-Einträge hinzufügen oder auch neue Dockleisten anlegen und modifizieren.

Hilfestellung

Für Einsteiger steht und fällt die Akzeptanz eines Betriebssystems mit der Dokumentation. Daher liefert Bodhi Linux eine auch in deutscher Sprache verfügbare Hilfe mit, die weit über das übliche Maß hinausgeht und die es obendrein durch online erhältliche weitere Dokumentationen ergänzt.

Die lokal gespeicherten Hilfedateien finden Sie im Untermenü Bodhi Linux. Das Betriebssystem öffnet nach dem Anklicken des Eintrags Quick Start den Webbrowser Midori und zeigt die einzelnen Hilfetexte nach Themen gruppiert an. Allerdings liegen die Standard-Dateien in englischer Sprache vor, die deutsche Hilfe rufen Sie durch einen Klick auf die DE-Schaltfläche oben rechts im Fenster auf.

Als besonders nützlich erweisen sich hier die zahlreichen Erläuterungen zum Enlightenment-Desktop, der von Haus aus in deutscher Sprache eher schlecht dokumentiert ist. Bodhi Linux mindert dieses Manko, indem es die grundlegenden Konzepte und Möglichkeiten der Desktopumgebung dargestellt. Die Hilfe erläutert die einzelnen Stichpunkte reich bebildert und stellt zusätzlich Links bereit, die auf zugehörige Seiten im Internet verweisen (Abbildung 4).

Abbildung 4

Abbildung 4: Vorbildlich führt die Hilfefunktion in das System ein.

Härtetest

Die Entwickler von Bodhi Linux geben als Minimalkonfiguration einen lediglich mit 300 MHz getakteten PC mit 128 MByte RAM an [6]. Ein derart veraltetes Gerät allerdings findet sich in unserem Testpool nicht mehr. Ersatzweise testeten wir das System auf einem ebenfalls schon recht betagten Desktop, der auf einem mit 933 MHz getakteten Pentium III basiert und lediglich 512 MByte RAM mitbringt. Der integrierte Grafikchip des Rechners stammt aus der von vielen Linux-Distributionen nur schlecht unterstützten i810-Familie.

Trotz dieser Widrigkeiten ließ sich Bodhi Linux nicht nur problemlos bereits im ersten Anlauf mit Standardparametern auf dem Rechner installieren, sondern zeigte danach auch eine ansprechende Leistung. Enlightenment gab sich entgegen unseren Erwartungen selbst auf dieser recht leistungsschwachen Grafikhardware keinerlei Blöße: Die animierte Docking-Leiste IBar versah ebenso zuverlässig und ruckelfrei ihren Dienst wie diverse optische Schmankerl beim Wechsel der Arbeitsoberflächen, und selbst animierte Hintergründe bremsten den Desktop nicht merklich aus. Lediglich einige Compositing-Funktionen, die wir beim Test nachinstallieren wollten, weigerten sich wegen einer zu geringen unterstützten Farbtiefe mit der alten Grafikkarte zu kooperieren.

Auch im Betrieb zeigte sich das System erstaunlich stabil. Der in früheren Versionen notorisch absturzfreudige Webbrowser Midori lief in der vorliegenden Version stabil, auch die Installation und der Betrieb "fremder" Programme aus dem Gnome- und KDE-Fundus gelang problemlos. Bodhi Linux macht daher auch in Sachen Software-Integration einen runden Eindruck.

Fazit

Für Freunde des Enlightenment-Desktops und für Nutzer älterer Hardware, die nicht auf optisch anspruchsvolle Animationen am Rechner verzichten wollen, stellt Bodhi Linux eine sehr gute Alternative zu anderen schlanken Linux-Distributionen dar. Die exzellente Integration des E17-Desktops, der durch seine umfangreichen Konfigurationsoptionen auch Neugier weckt, in das Betriebssystem lässt Spaß an der Arbeit aufkommen.

Bodhi Linux arbeitet stabil und dank Enlightenment E17 zudem sehr flott. Das Betriebssystem lässt sich problemlos auch für produktive Zwecke einsetzen: Aufgrund des enormen Software-Fundus des Ubuntu-Basissystems und der zusätzlichen Bodhi-eigenen Repositories (Abbildung 5) findet sich für jeden Anwendungszweck ein passendes Programm.

b05-bodhi-repos.png

Bodhi ergänzt den Umfang der Canonical-Repositories um eigene Paketquellen.

Einziger Wermutstropfen: Die teilweise noch lückenhafte deutsche Lokalisierung von Bodhi Linux schlägt sich in teils zweisprachigen Menüs nieder. Mit der kontinuierlichen Weiterentwicklung von Enlightenment dürfte dieses Manko jedoch in absehbarer Zeit behoben werden. 

Infos

[1] Enlightenment E17: http://www.enlightenment.org

[2] Samsung fördert Enlightenment: http://tinyurl.com/lu0312-e17-samsung

[3] Unity Linux: Erik Bärwaldt, "Asketischer Sprinter", LU 04/2011, S. 8, http://www.linux-community.de/23118

[4] Bodhi Linux herunterladen: http://www.bodhilinux.com/download.php

[5] Animierte Hintergründe: http://art.bodhilinux.com/doku.php?id=animate_wallpapers

[6] Bodhi-Minimalkonfiguration: http://www.bodhilinux.com/system.php

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