Wisch und weg?

Editorial

19.01.2012

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

ich hoffe, Sie hatten angenehme Feiertage und sind gut ins neue Jahr gekommen. Vielleicht haben Sie die Zeit um Weihnachten ja genutzt, um sich intensiv mit einem neuen Smartphone oder Tablet zu beschäftigen. Unter deutschen Christbäumen dürften jedenfalls einige gelegen haben, meldet doch Googles Chef-Androide Andy Rubin, dass sich die Anmeldezahl der Android-basierten Geräte mit 3,7 Millionen in den Tagen um Weihnachten im Gegensatz zu normalen Tagen etwa verdreifacht hat [1].

Der Trend zum mobilen Leben hält also ungebrochen an. Die Hardware-Hersteller reagieren darauf mit einer breiten Palette an Endgeräten, von einfachen Modellen mit Basisfunktionen bis hin zu teuren Profi-Lösungen. Unser Schwerpunkt in dieser Ausgabe verschafft Ihnen hier einen kleinen Überblick. Nachhaltig geändert hat sich mit den Mobilgeräten – sei es nun Smartphone oder Tablet, Android- oder iOS-basiert – die Art, wie wir Computer bedienen: Wischen und Tatschen gehört zum guten Ton. Der komplette Neustart eines digitalen Ökosystems ermöglichte den klaglosen Bruch mit vielen Bedienparadigmen.

Tatsächlich erscheint die Eingabemethode in vielen Fällen geeignet, insbesondere angesichts der kleinen Bildschirmdiagonalen. Die daraus resultierende vergleichsweise klare Struktur der Software befördert zudem die Akzeptanz. Im Gegensatz zum klassischen PC gehören die betreffenden Geräte schließlich zur Kategorie Alltagsgegenstände, die ohne allzu umfangreiche Dokumentation auskommen sollten.

Bei den klassischen Linux-Distributionen und Software-Projekten zeichnet sich derzeit Unsicherheit ab, wie am besten auf die Trends aus der Mobilwelt zu reagieren sei. Ubuntu hat mit Unity einen eigenen Entwurf für eine Oberfläche für Mobilgeräte vorgelegt, Gnome 3 stößt in eine ähnliche Richtung – genauso wie KDE mit Plasma Active [2].

Doch nicht jeder findet Gefallen an der neuen Entwicklung auf den Desktops. Einem platzte jüngst gar der Kragen: Clement Lefebvre, Gründer und Chefentwickler von Linux Mint, forkte kurzerhand Gnome*3 und betreibt nun unter dem Namen "Cinnamon" ein Projekt, das die Techniken der neuen Generation mit einem bewährten Interface verbindet [3]. Bereits ins aktuelle Mint 12 hatte Lefebvre mit Mate einen Gnome-2-Fork integriert, der sich zu Gnome 3 kompatibel verhält [4]. Dass Lefebvre mit seiner Entscheidung nicht vollkommen falsch liegt, beweist der Zuspruch, den das System seitens der Anwender erfährt: Auf Distrowatch führt Linux Mint mittlerweile die Rangliste der gefragtesten Distributionen an – vor Ubuntu, das sich auf dem Weg nach unten befindet [5].

Immerhin hat die ganze Entwicklung auch ein Gutes: Android & Co. zwingen die Entwickler zunehmend dazu, über die Bedeutung des freien Betriebssystems auf dem klassischen PC nachzudenken. Vielleicht fällt in diesem Jahr ja doch die Entscheidung über Linux auf dem Desktop – allerdings anders, als ich mir das vor zehn Jahren noch ausgemalt hätte. Der PC – in welchem Format auch immer – bietet nämlich eine Menge spannender Möglichkeiten, die weit über die Fähigkeiten von Mobilgeräten hinausreichen. Diese neu zu entdecken, könnte ein guter Vorsatz für 2012 sein.

Herzliche Grüße,

Andreas Bohle

Stellv. Chefredakteur

Infos

[1] 3,7 Millionen Aktivierungen: http://tinyurl.com/lu0212-gplus

[2] Plasma Active: http://plasma-active.org

[3] Cinnamon: http://tinyurl.com/lu0212-webupd8

[4] Mate: http://matsusoft.com.ar/projects/mate/

[5] Distrowatch: http://distrowatch.com

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