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© Puskar, sxc.hu

Gewagter Sprung

Design-Ziele und Probleme in Gnome 3.0

19.01.2012 In einem harten Schnitt haben die Entwickler bei Gnome 3 mit Gewohntem gebrochen. Welche Ansätze stecken hinter den neuen Techniken, und wie nehmen die Developer die teils herbe Kritik auf?

Dass ein Desktop-Projekt über die Jahre hinweg überhaupt so viele Anhänger findet wie Gnome liegt zum Großteil am einfachen Bedienkonzept. Allerdings haben es die Gnome-Entwickler mit ihrem Paradigma des Vereinfachens anscheinend übertrieben, denn nicht nur der bisher engste Partner Ubuntu wandte sich ab: Auch prominente Linux-Protagonisten ließen kein gutes Haar an Gnome 3, darunter auch Linus Torvalds. Er hatte sich wiederholt negativ geäußert, zuletzt im Rahmen einer Diskussion auf Google Plus [1].

Viele Design-Entscheidungen fallen zugunsten der Abwärtskompatibilität. Allerdings bestätigen Ausnahmen die Regel: In diesem Zusammenhang sei an den ersten großen Bruch in der Gnome-Entwicklung im Zusammenhang mit Version 2.0 erinnert. Schon damals fielen viele Einstellungsmöglichkeiten dem Rotstift zum Opfer. Darüber hinaus rief das Projekt offiziell das Paradigma aus, vom Start weg möglichst optimale Einstellungen auszuliefern.

Damit geriet der Gnome ins Blickfeld des Ubuntu-Visionärs Shuttleworth und verschaffte sich ein Dauer-Abo als Standard-Desktop der am stärksten wachsenden Linux-Distribution. Dass so ein Dauerabonnement sich jedoch auch kündigen lässt, müssen die Gnome-Entwickler gerade schmerzlich erfahren.

Bislang erhielt die Entwicklung direkt oder indirekt durch Finanz- und Sachspenden oder durch das Beschäftigen der Hauptentwickler von Canonical einen nicht unerheblichen Schub. Auf der anderen Seite brauchen die Canonical-Entwickler jetzt nicht mehr mit den anderen Protagonisten der Gnome-Foundation, wie etwa der FSF oder Unternehmen wie IBM, Sun, Intel, HP, Novell, Red Hat, Nokia, Motorola und Google zu reden.

Neue Ziele

Da Gnome seit der Version 2.24 aus dem Jahr 2008 keine nennenswerten Innovationen mehr zu verzeichnen hatte – ganz anders als das im selben Zeitraum ungleich dynamischere KDE – wuchs unter den Benutzern gegen Ende des Jahrzehnts der Wunsch nach frischen Ideen für ein kommendes Major-Release.

Die lang erwartete und mit rund einem Jahr Verspätung im April 2011 fertig gestellte Version 3.0 kam dann allerdings sowohl in ihrer Kompromisslosigkeit beim Bruch mit bewährten Technologien als auch in Bezug auf das Festhalten beim Paradigma des Vereinfachens einer erneuten Zäsur gleich.

Indes drängt sich angesichts der Vehemenz, mit der die Entwickler ihren Kurs verteidigen, der Eindruck auf, dass es dem Projekt schlicht an Entwickler-Kapazitäten fehlt. Das würde zudem erklären, warum die Version so lang auf sich warten ließ.

Das Argument der Entwickler bezüglich der Design-Entscheidungen, die Gnome 2-Entwicklung hätte zuletzt stagniert und die Benutzer schielten auf andere Desktops mit mehr Sex-Appeal, sticht nicht unbedingt: Der Gnome-Nutzer ist von Haus aus eher konservativ. Wäre er das nicht, hätte er die Option zu einem Wechsel zu KDE oder Unity ja ohnehin.

Jedenfalls gehörte es zu den offiziellen Design-Zielen von Gnome 3, dem Desktop ein moderneres Aussehen zu verleihen. Dazu werteten die Entwickler nach eigenen Angaben gezielt Forschungsergebnisse zur Interaktion von Mensch und Computer aus und bezogen die Erfahrungen mit anderen Oberflächen in ihre Arbeit mit ein.

Doch kein Neuanfang?

Im Widerspruch dazu steht allerdings die Aussage der Gnome Foundation, Gnome 3 sei im Gegensatz zu KDE/Plasma kein Neuanfang, sondern eine "inkrementelle Weiterentwicklung". Etwaige unterschiedliche Ansichten innerhalb der Foundation sind aber keine Seltenheit, weil das Projekt traditionell unterschiedliche Arbeitsbereiche wie Design, Marketing, Usability oder Dokumentation auf verschiedene Teams verteilt.

Immerhin fallen einige der in Gnome 3.0 enthaltenen Änderungen so gravierend aus, dass Teile des neuen Desktops sich nicht mehr abwärtskompatibel zu Gnome 2 verhalten. Das zentrales Element von Gnome 3 bildet die in Javascript und C entwickelte Gnome-Shell: Sie ersetzt das Panel, den Desktop und den Fenstermanager durch ein Programm, in dessen Mittelpunkt so genannte Aktivitäten stehen.

Mit der Gnome-Shell verabschiedet sich der Desktop vom bisherigen Konzept der gestaffelten Fenster, und der Fenstermanager Metacity weicht dem Fork Mutter. Außerdem basiert Gnome 3 auf GTK+ 3.0 und bringt weitere neue Software-Bibliotheken und Technologien wie Geoclue (Geo-Lokalisierung), Libchamplain und Clutter mit. Bei Letzterem handelt es sich um ein grafischen Toolkit mit OpenGL-Beschleunigung, von dem die Gnome-Shell intensiven Gebrauch macht.

GTK+ 3.0 übernimmt eine Reihe von Funktionen der bisherigen (externen) Bibliothek Libgnome, außerdem sind Technologien wie D-Bus und Avahi besser integriert und sorgen für eine optimale Zusammenarbeit der Anwendungen untereinander.

Aus diesem Grund kennt die aktuelle Gnome-Version zum Beispiel keine Applets und keine konfigurierbaren Themen mehr. Ganz im Sinne der neuen Philosophie der Gnome-Shell gibt es auch kein Panel und keine Fensterliste mehr. Außerdem haben die Entwickler Knöpfe zum Minimieren und Maximieren im Titelbalken der Fenster "wegoptimiert" und die Möglichkeit entfernt, Dateien und Ordner auf dem Desktop abzulegen. Sämtliche Konfigurationsdialoge enthalten nur das Nötigste.

Unter der Lupe

Die Gnome-Shell, das zentrale Element des neuen Desktop-Konzepts, tritt im Normalbetrieb als schwarze Leiste am oberen Bildschirmrand in Erscheinung und entfaltet sich zu ihrer vollen Größe, sobald Sie mit dem Mauszeiger in die linke obere Ecke fahren. Alternativ klicken Sie auf Aktivitäten links oben oder aktivieren die Gnome-Shell mit Hilfe der Super-Taste (meist die linke Windows-Taste) oder über [Alt]+[F1].

Bei aktiver Gnome-Shell erscheint am linken Rand das Dash, ein Schnellstart-Bereich, und am rechten Bildschirmrand prangt ein Arbeitsflächen-Umschalter. Am oberen Bildschirmrand residieren vorerst nur die zwei Einträge Fenster und Anwendungen, mit denen Sie zwischen zwei speziellen Ansichten umschalten: Die Fenster-Ansicht präsentiert in der Mitte des Bildschirms sämtliche Fenster der aktiven Arbeitsfläche neben- und untereinander, die Ansicht Anwendungen dient zum Starten von Applikationen (Abbildung 1).

Abbildung 1

Abbildung 1: Zentrales Element der neuen Architektur ist die Gnome-Shell, derzeit mit einer Fenster- und einer Anwendungsansicht.

Für eine der kommenden Versionen planen die Entwickler außerdem die Journal-Ansicht als Quasi-Frontend zum geplanten Zeitgeist-Framework. Am unteren Bildschirmrand schlummert unaufdringlich eine Statusleiste, die nur ab und an durch dezente Hinweise aufwacht, etwa bei einem kritischen Akku-Füllstand oder beim Eintreffen einer Nachricht.

Dazu arbeitet die Statusleiste eng mit Gnome-Anwendungen wie Empathy zusammen, das beispielsweise über die Statusleiste Antworten entgegen nimmt. Der Musikplayer Rhythmbox vermag sich ebenfalls dezent in die neue Leiste einzuklinken und bietet so verschiedene Navigationsoptionen.

In jeder Ansicht zeigt die Gnome-Shell rechts oben ein Suchfeld, das beim Öffnen der Shell automatisch den Fokus erhält und schnell die zum Suchbegriff passenden Anwendungen, Dateien, Ordner oder Systemeinstellungen findet. Mit der neuen Gnome-Version 3.2 erweitert sich die Suche auf Personen.

Häufig benutzte Anwendungen verfrachten Sie für den schnellen Zugriff ins Dash, indem Sie sie mit Hilfe des jeweiligen Kontext-Menüs als Favorit kennzeichnen. Im Dash finden neben Favoriten minimierte Anwendungen Platz. Eine Fensterliste gibt es dagegen nicht mehr.

Die schwarze Leiste am oberen Ende der entfalteten Gnome-Shell enthält ganz rechts das Benutzermenü, in dem Sie den Dialog Systemeinstellungen aufrufen, den Benutzer wechseln, sich vom System abmelden oder seinen Online-Status setzen. Diesen berücksichtigt zum Beispiel Empathy automatisch. Der Eintrag Bereitschaft verwandelt sich übrigens durch Drücken von [Alt] in Ausschalten.

Links neben dem Benutzermenü gibt es noch Icons für die Einstellungen zur Barrierefreiheit und zur Hardware, wie dem Network Manager, der Regler für die Lautstärke oder den Bluetooth-Einstellungen.

Fenster und Arbeitsflächen

Gnome 3.0 sorgt beim ersten Kontakt in vielen Punkten für Ratlosigkeit. Besonders verwirrend: Fensterleisten besitzen in Gnome 3.0 keine Knöpfe zum Maximieren oder Minimieren mehr, denn laut Ansicht der Entwickler macht das Arbeitsflächen-Konzept von Gnome das Minimieren von Fenstern überflüssig.

Zweifelsohne nimmt dieses Konzept eine zentrale Rolle ein. Zwar kennen fast alle grafischen Benutzeroberflächen virtuelle Arbeitsflächen, doch bei Gnome 2 und KDE 3/4 bleibt es Ihnen überlassen, ob und in welchem Umfang Sie die gebotenen Technologien nutzen. Gnome 3 dagegen zwingt den Anwender zum Verwenden virtueller Arbeitsflächen. Diese funktionieren aber völlig anders als in KDE. So haben Sie keine Möglichkeit, die Anzahl der virtuellen Flächen selbst zu bestimmen, denn die Gnome-Shell erstellt virtuelle Arbeitsflächen bei Bedarf dynamisch und entfernt sie auch wieder.

Am unteren Ende der Arbeitsflächenliste am rechten Bildschirmrand in der entfalteten Gnome Shell finden Sie stets eine freie Arbeitsfläche. Sie haben die Möglichkeit, nach Belieben Programme aus dem Dash oder aus der Anwendungsansicht direkt auf eine freie Fläche zu werfen, um das korrespondierende Programm auf dieser virtuellen Arbeitsfläche zu starten (Abbildung 2).

Abbildung 2

Abbildung 2: Die Gnome-Shell macht intensiven Gebrauch von virtuellen Arbeitsflächen, die das System dynamisch erzeugt.

Übrigens gibt es für jede Software nur noch jeweils ein Icon. Hat eine Anwendung mehrere Fenster geöffnet, erkennen Sie das an einem kleinen nach unten zeigenden Pfeil am Icon. Verweilen Sie längere Zeit mit dem Mauszeiger darauf, klappt die Gnome-Shell ein Untermenü zum Auswählen des gewünschten Fensters auf.

Übrigens verwendet die Gnome-Shell grafische Effekte wesentlich dezenter als etwa Compiz oder Plasma, braucht aber selbstverständlich ebenfalls einen Grafiktreiber mit 3D-Unterstützung. Beim Start weist das System aber gegebenenfalls auf eine fehlende 3D-Unterstützung hin und lädt dann automatisch einen Fallback-Modus, der im Wesentlichen eine Oberfläche im Gnome2-Look mit dunkler Optik bietet [2].

Applets und Icons

Wie bereits erwähnt kennt Gnome 3 keine Applets mehr. Außerdem gibt es wie bei KDE SC 4 keinen Desktop im eigentlichen Sinn mehr, auf dem Sie Verknüpfungen ablegen dürften. Das inzwischen weit verbreitete Tweak-Tool [3] macht es möglich, die Kontrolle des Desktops wieder an den Dateimanager abzugeben und dann Objekte auf dem Desktop anzulegen (Abbildung 3).

Abbildung 3

Abbildung 3: Nur mit Hilfe des Tweak-Tools erhalten Fenster wieder Knöpfe zum Vergrößern und verkleinern.

Binden Sie einen Wechseldatenträger ein, startet eine aufpolierte Version des Dateimanagers Nautilus. Im Rahmen des Abbaus von Systemeinstellungen haben Sie aber keine Möglichkeit mehr, die Größe und Position der Elemente zu verändern. Auch das Aussehen der Oberfläche lässt sich nicht mehr über Themes anpassen, und die Schrift-Größe können Sie nur in groben Schritten vorgeben. Zudem hat sich die entsprechende Option bei den Einstellungen zur Barrierefreiheit versteckt.

Gnome 3.2

Seit Ende September 2011 ist das erste Gnome 3-Update mit der Nummer 3.2 verfügbar. Die Entwickler hatten Gelegenheit, auf zahlreiche Kritikpunkte aus der Community zu reagieren. So erlaubt es diese Version etwa, die Größe von Fenstern einfacher ändern, und in den Systemeinstellungen gibt es Verknüpfungen mit jeweils ähnlichen Einstellungen an anderen Orten.

So enthält etwa der Abschnitt Tastatur einen Verweis auf die Tastenbelegung. Im Gegensatz zu Gnome 3.0 beanspruchen Überschriften, Knöpfe und andere Steuerelemente nicht mehr viel vertikalen Bildschirmplatz, was vor allem der Bedienung auf kleinen Bildschirmen zugute kommt. Weiter enthalten Benachrichtigungen in der rechten unteren Ecke jetzt einen Zähler, damit Sie beispielsweise schneller erkennen, wie viele ungelesene Mails es gibt, ohne dazu erst das Mail-Programm zu öffnen.

Im Übrigen lassen sich Benachrichtigungen im Benutzermenü unabhängig vom Status einstellen. Außerdem haben die Entwickler die Hervorhebung bereits laufenden Anwendung deutlicher gestaltet. Weiter bleibt der Arbeitsflächenumschalter in der Übersicht mit voller Breite ausgefahren, sobald der Nutzer mehr als eine Arbeitsfläche verwendet.

Gnome 3.2 zeigt außerdem den Batterieladezustand mit einem Balken an. Die Desktop-Umgebung ist nun in der Lage, Online-Konten von Google & Co. als Speicherorte zentral zu verwalten, sodass sie automatisch in Anwendungen wie Dokumente, Kontakte, Empathy, Evolution und dem Kalender-Applet bereit stehen.

Sie haben richtig gelesen: In Gnome 3.2 sind Dokumente und Kontakte zwei neue Anwendungen. Die Anwendung Kontakte konzentriert sich gänzlich auf Personen mit dem Ziel, dem Nutzer stets eine Übersicht sämtlicher Personen bereitzustellen – unabhängig davon, aus welcher Datenquelle diese stammen. Das Programm Dokumente hingegen soll eine einfache und effektive Möglichkeit zum Suchen und Organisieren von Dokumenten bieten.

Darüber hinaus haben die Entwickler das Öffnen und Speichern von Dateien stark vereinfacht. So zeigt Gnome 3.2 beim Öffnen einer Datei in einem Programm stets eine Liste der zuletzt verwendeten Dateien. In ähnlicher Weise gibt es beim Speichern eine Liste zuletzt verwendeter Ordner.

Gespannt sein darf der Gnome-Fan auf die eine der am meisten diskutierten Neuerungen, dem Zeitgeist-Framework samt der auf diesem basierenden Journal-Ansicht. Es erschließt in Zukunft einen völlig neuartigen Zugang zu allen Daten, denn es identifiziert Daten und Dokumente nicht mehr mit Hilfe von Speicherorten, Pfaden, Ordnern oder Dateinamen, sondern ausschließlich mit Hilfe von Tags, wie etwa dem Datum der letzten Bearbeitung oder den Kontext, in dem Sie ein Dokument zuletzt bearbeitet haben.

Fazit

Angesichts der massiven Kritik, die Gnome 3 in den letzten Monaten auf sich zog, sollten sich jeder am Thema interessierte Nutzer unbedingt ein eigenes Bild machen und Gnome 3.2 ausprobieren. Am einfachsten geht das durch Installieren von Fedora 16, aber auch unter Ubuntu 11.10 lässt sich Gnome 3.2 problemlos aus den Paketquellen installieren.

Wer sich auf das neuen Gnome eine Zeit lang einlässt, der macht möglicherweise eine erstaunliche Erfahrung: Nach einigen Tagen erweisen sich viele Funktion wie das neue Arbeitsflächenkonzept als durchaus durchdacht. Wer die Arbeitsweise verinnerlicht, trauert den fehlenden Knöpfen zum Minimieren nicht nach, weil er sie einfach nicht mehr braucht. Abgesehen davon gibt es ja noch das erwähnte Tweak-Tool. Unter dem Strich erweist sich die neue Gnome-Shell keineswegs als Rückschritt, sondern wirkt auf jeden Fall durchdachter als Unity mit seinem Spielzeug-Look.

Ein großes Problem der Gnome-Shell stellt allerdings die mangelnde Flexibilität dar, denn was dem neuen Gnome insbesondere im direkten Vergleich mit KDE elementar fehlt, sind Konfigurationsmöglichkeiten: Der typische Linux-Anwender ist nämlich experimentierfreudig und außerdem Individualist. 

Infos

[1] Diskussion auf Google Plus: https://plus.google.com/106327083461132854143/posts/SbnL3KaVRtM

[2] Fallback-Modus: Mario Blättermann, "Weichenstellung", LU 12/2011, S. 74, http://www.linux-community.de/24373

[3] Tweak-Tool: http://live.gnome.org/GnomeTweakTool

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