Oberflächlich?

Editorial 01/2012

23.12.2011

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

in der Gewohnheit ruhe das einzige Behagen des Menschen, sagte schon Goethe, und den Beweis für dieses Bonmot treten dieser Tage einmal mehr die Linux-Desktops an.

Dabei hätten die Entwickler allesamt wissen können, was auf sie zu kommt, hat sich doch bereits vor Jahren KDE mit seiner Neukonstruktion KDE SC 4 bei vielen Anwendern in die Nesseln gesetzt und kräftig Prügel bezogen. Und das, obwohl sich das Projekt beim Überbürsten der Oberfläche und deren grundlegender Metaphern eigentlich weitgehend zurückhielt und sich die Neuerung weitgehend unter der Haube bewegten und bewegen. Flugs entstand ein Projekt, welches das eigentlich abgekündigte KDE 3 als Trinity Desktop Environment [1] weiter am Leben zu erhalten versucht – über Sinn und Erfolg dieses Ansinnens lässt sich freilich trefflich streiten [2].

Das Gnome-Projekt andererseits ist ja schon lange dafür berühmt – oder eigentlich mehr berüchtigt – dem Anwender gerne Entscheidungen abzunehmen und das Leben zu "erleichtern", indem es seine Oberfläche möglichst reduziert und Einstellungsmöglichkeiten gar nicht erst anbietet. Als besonderer Freund dieser Weltanschauung hat sich wiederholt Linus Torvalds geoutet, der die Gnome-Entwickler im Nebensatz gern auch mal als "Interface-Nazis" schilt. Auch die dritte Haupt-Inkarnation des GNU-Desktops findet nicht seine ungeteilte Zustimmung: Jüngst sorgte er für Furore, indem er in einem Thread auf Google+ Gnome 3 als Riesen-Saustall bezeichnete, der einfach nur lästig sei [3] – und die Bitte nachschob, ob das nicht jemand forken könne?

Immerhin haben sich mittlerweile die Wogen in der Gnome-Welt etwas geglättet, und sogar Linus hält inzwischen das um Addons wie das Gnome-Tweak-Tool und die Dock-Extension erweiterte Gnome 3.2 für "fast benutzbar" [4]. Trotzdem produziert das neue Gnome nach wie vor Unbehagen bei vielen Anwendern, hämische Satiren seitens spitzer Federn [5] und ernsthafte Umgehungsversuche seitens diverser Distributionen. Manche davon liefern schlicht weiterhin Gnome 2 aus – nicht wirklich ein zielführender Ansatz. Wie mit Trinity bei KDE gibt es denn auch mit Mate [6] bei Gnome einen Fork der alten Desktop-Version für Umsteige-Unwillige.

Kreativer zur Sache geht da Linux Mint, das in der Version 12 mit den Mint Gnome Shell Extensions auf Gnome-3-Basis dem Anwender eine Gnome-2-ähnliche Oberfläche spendiert. Dabei handelt es sich in meinen Augen um einen sehr vielversprechenden Ansatz – aber sehen Sie es sich selbst an, Sie finden Mint 12 auf der DVD zu diesem Heft. Für gesteigert Erregung sorgt das neue Linux Mint allerdings in der Ubuntu-Welt, wo Canonical bekanntlich mit der selbstgestrickten Oberfläche Unity die Brücken sowohl zu Gnome wie auch KDE gänzlich abgebrochen hat und dafür nicht eben die ungeteilte Zustimmung der Anwender findet.

Die stimmen offenbar mit den Füßen ab und desertieren scharenweise zum Ubuntu-basierten Linux Mint, wie insbesondere die Zahlen von Distrowatch.org nahelegen. Dort hat sich Linux Mint im Besucherinteresse seit der Einführung von Unity raketenartig nach oben katapultiert und lässt das klassische Ubuntu in der Beliebtheit mittlerweile weit hinter sich [7]. Das beunruhigt manche Geister in der Ubuntu-Community inzwischen derart, dass sie offen dazu aufrufen, Nachrichten zu diesem Thema zu unterdrücken und die Statistiken von Distrowatch zu verfälschen [8].

Statt krampfhaft auf neu erfundene Desktop-Paradigmen zu schielen und die Wünsche der Anwender zu ignorieren, sollten die Desktop-Entwickler lieber Bewährtes verbessern, als Hypes nachzulaufen – egal wo. Auch Microsoft ist im Begriff, in die selbe Falle zu tappen: Für Windows 8 prognostizieren die Marktforscher von IDC jetzt schon einen Verkaufsflop, sollte Redmond unverändert auf seiner Kachel-Oberfläche Metro beharren und Nutzer klassischer Desktops ignorieren [9].

Herzliche Grüße,

Jörg Luther

Chefredakteur

Infos

[1] Trinity Desktop Environment: http://www.trinitydesktop.org

[2] Trinity vs. KDE 4: http://tinyurl.com/lu0112-byfield

[3] Torvalds – "Einfach lästig, forken": http://tinyurl.com/lu0112-torvalds-fork

[4] Torvalds – "Fast benutzbar": http://tinyurl.com/lu0112-torvalds-tweak

[5] Satire "Gnome 3 am Ende": http://www.knetfeder.de/linux/index.php?id=98

[6] Mate Desktop Environment: http://matsusoft.com.ar/projects/mate/

[7] "Lies and statistics": http://tinyurl.com/lu0112-dw-weekly-434

[8] "Noise from California": http://randall.executiv.es/fix-fondleslab

[9] IDC sieht Win8-Flop: http://tinyurl.com/lu0112-idc-w8

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