Als sich die Gnome-Entwickler vor mehr als zwei Jahren dazu entschlossen, das bisherige WIMP-Paradigma über Bord zu werfen und etwas völlig Neues in Angriff zu nehmen, da nahm zunächst kaum jemand Notiz davon. Allzu fern lag noch der Tag, an dem dies auf den Bildschirmen der Benutzer Realität werden sollte.

Die Grundidee der neuen Gnome-Shell basierte auf diversen Usability-Tests, die Arbeitsabläufe vereinfachen und den Benutzer weniger von den eigentlichen Aufgaben ablenken sollten. Letzteres erreichte man mit der weiteren Einschränkung der Konfigurationsmöglichkeiten – aber das war für alte Gnome-Hasen nichts wirklich Neues, sondern schon vom Versionssprung von Gnome 1 zu 2 bekannt. Die damalige Entwicklung demonstrierte aber auch, dass dies niemanden davon abhielt, die designierte Schlichtheit zu umgehen und für reichlich Farbe und Abwechslung auf dem Desktop zu sorgen.

Erst als die Entwickler im Herbst 2010 das Release von Gnome 3 um ein halbes Jahr nach hinten verschoben, geriet das neue Design ins Blickfeld der Öffentlichkeit – und gleichzeitig ins Kreuzfeuer von Benutzern und Entwicklern [1]. Dafür sorgte nicht zuletzt Ubuntus Unity-Desktop, der einen ähnlich revolutionären Umbruch vollzieht und aus diesem Grunde ebenfalls unter Beschuss stand und noch immer steht.

Ende Juli 2011 schließlich meldete sich kein Geringerer zu Wort als Linus Torvalds selbst [2], der sich normalerweise in Bezug auf grafische Oberflächen eher bedeckt hält. Er bezeichnete die Querelen um Gnome 3 als "unholy mess", was sich wahlweise diplomatisch als "heilloses Durcheinander" oder dem O-Ton angemessener als "Riesensaustall" übersetzen lässt. Die angepriesenen Vorteile von Gnome 3 erschließen sich Linus offenbar nicht so recht, vielen anderen Gnome-Fans ergeht es ähnlich. Letztendlich ist Linus offenbar auf XFCE umgestiegen, was er zwar als Rückschritt gegenüber Gnome 2 bedauert, aber als "bedeutenden Fortschritt" gegenüber Gnome 3 ansieht.

Austauschbar?

Gnome 2 zeichnete sich unter anderem durch Modularität aus, die Integration durchaus nicht ausschloss. Es war ohne viel Aufhebens möglich, Kernkomponenten wie den Dateimanager Nautilus oder den Fenstermanager Metacity durch andere Programme zu ersetzen. Gnome ließ sich auf eine beinahe "nackte", aber trotzdem noch funktionierende Sitzung reduzieren, wenngleich das in Punkto Integration nicht viel Sinn ergibt. Aber gerade der Austausch des Fensterverwalters war recht üblich, auch bei den Distributoren, wo vielfach Compiz das etwas funktionsarme und nur minimal konfigurierbare Metacity ersetzte.

Zwar wehren sich die Gnome-Meritokraten entschieden gegen Zugeständnisse an Benutzerwünsche, doch trotz des zarten Alters der neuen Gnome-Shell steht schon jetzt eine kaum noch überschaubare Zahl an Erweiterungen bereit. Das war abzusehen – und von den Entwicklern durchaus gewünscht, denn die für solche Erweiterungen verwendete Programmiersprache Javascript sollte neue Mitstreiter an Bord holen und hat es auch getan. Aber viele der Plugins führen die eigentlichen Ziele der Hauptentwickler ad absurdum und präsentieren dem Benutzer wahlweise den gewohnten Gnome-2-Standardlook, holen verborgene Features hervor oder bringen ganz einfach wieder den Spaß an Gnome zurück.

Tatsächlich erweist sich Gnome 2 als recht zählebig, unter anderem auch im Ausweichmodus der neuen Gnome-Shell. Dabei handelt es sich um eine Art Ersatz-Session, die immer dann zum Zug kommt, wenn das System aufgrund von Hardware- und Treiberproblemen nicht in der Lage ist, die Gnome-Shell zu starten. Das betrifft erfahrungsgemäß viele Rechner mit einem Alter von fünf oder mehr Jahren, die ansonsten ihren Dienst noch klaglos verrichten. Die Gnome-Shell lässt sich auf ihnen nicht nutzen, da Fensterinhalte und die Ausklappmenüs des oberen Panels nur schwarze Flächen zeigen – ein altes Leiden, das wohl nie mehr geheilt wird [3].

Nach dem Start im Ausweichmodus gibt der Gnome-Desktop eine Warnmeldung aus. Der Benutzer landet in einer Arbeitsumgebung, die Gnome 2 weitgehend ähnelt (Abbildung 1). Dem ehemals dreiteiligen Menü oben links fehlt der Eintrag System: Ihn ersetzt nun im Wesentlichen ein rechts oben befindliches Benutzermenü. Außerdem erscheinen keinerlei Arbeitsflächensymbole. Der Dateiverwalter Nautilus, für die Anzeige der Dateien und Datenträger auf dem Desktop verantwortlich, startet nicht mehr automatisch. Dabei handelt es sich wohl um ein Zugeständnis an die Gnome-Shell als optisches Vorbild.

Abbildung 1: Gnome 3 im Ausweichmodus direkt nach dem Start.

Ansonsten fehlt es eigentlich an nichts – abgesehen von den bekannten vielfältigen Konfigurationsmöglichkeiten für GTK- und Symbol-Themen, die Sitzungsverwaltung und Ähnliches. Das noch recht junge Gnome-Tweak-Tool [4] springt hier in die Bresche (Abbildung 2). Zwar lässt es Vorschauen auf die Themen vermissen, versieht aber sonst seinen Dienst recht zuverlässig.

Falls auf Ihrem System die Gnome-Shell automatisch startet und Sie trotzdem den Ausweichmodus testen wollen, öffnen Sie in den Systemeinstellungen den Punkt System-Information. Im Unterpunkt Grafik finden Sie die entsprechende Einstellung: Klicken Sie den Schalter hinter Erzwungener Ausweichmodus an, sodass er EIN anzeigt. Nach der nächsten Anmeldung finden Sie sich in der gewünschten Umgebung wieder.

Wandlungsfähig

Um den frugalen Ausweich-Desktop etwas aufzumöbeln, bietet es sich an, Metacity durch einen leistungsfähigeren Fenstermanager zu ersetzen – beispielsweise durch Fluxbox [5]. Das erledigen Sie am einfachsten und zuverlässigsten durch Abschießen von Metacity.

In der Datei ~/.fluxbox/startup finden Sie fast am Ende die Zeile exec fluxbox – hier stellen Sie einfach ein killall metacity && voran. Zusätzlich erstellen Sie noch eine .desktop-Datei, die das System automatisch nach jeder Anmeldung ausführt. Am einfachsten klappt das mit dem Befehl gnome-session-properties, der die altbekannte Anwendung zum Verwalten der Startprogramme aufruft. Hier geben Sie einfach startfluxbox als Befehl ein, fügen einen aussagekräftigen Namen hinzu und speichern den Starter – fertig.

Eine weitere .desktop-Datei brauchen Sie, um dem Arbeitsflächenhintergrund wieder etwas Leben einzuhauchen. Wichtig: Rufen Sie dazu Nautilus mit dem Parameter --no-default-window auf, damit der Dateiverwalter nach der Anmeldung wie gehabt zunächst erst einmal kein Fenster öffnet, sondern sich auf die Anzeige der Symbole beschränkt.

Dem ersten Start steht nun nichts mehr im Wege. Das Bildschirmfoto in Abbildung 2 zeigt allerdings keineswegs das, was Sie nach der ersten Anmeldung vorfinden: Sie sehen ein Beispiel für ein Gnome 3, das kaum noch als solches zu erkennen ist. Das Fluxbox-"Slit" ersetzt die untere Leiste (siehe Kasten "Dockapps für Gnome?"). Im Gegenzug schrumpfte das Menü auf Symbolgröße, Fensterliste und Arbeitsflächenumschalter wanderten nach oben. Hier sind Ihrer Fantasie und der Umsetzung Ihrer Vorlieben keinerlei Grenzen gesetzt.

Abbildung 2: Auch das ist Gnome 3: Ausweichmodus mit Fluxbox und Windowmaker-Dockapps.

Dockapps für Gnome?

Im Zug der Portierung auf die neue Plattform kamen dem Panel in Gnome 3 einige Applets abhanden. Dazu gehören neben der "Schublade" auch zahlreiche Applets von Drittanbietern, die nicht auf die neue Panel-API migriert wurden und wohl auch nie migriert werden. Für den Hausgebrauch genügt das Gebotene zwar, doch ausgefeilte System- und Netzwerkmonitore, ausklappbare Systemstarter oder gar Spiele finden Sie hier nicht.

Erfreulicherweise unterstützt Fluxbox aber von Haus aus Windowmaker-Dockapps. Diese kleinen Progrämmchen gibt es zu Hunderten in einem Software-Pool [9], aber meist auch als fertig geschnürte Pakete für Ihre Distribution. Insbesondere die Nutzer von Debian und dessen Derivaten sowie von OpenSuse und Archlinux werden hier meist in den Paketquellen fündig. Obwohl meist nicht mehr weiterentwickelt, lassen sich die Dockapps auch auf aktuellen Systemen kompilieren und betreiben. Damit ergänzen Sie bequem fehlende Funktionen des Panels.

Ein Beispiel für eine solche Dockleiste in Fluxbox zeigt Abbildung 4. Von oben nach unten sehen Sie Wmnet für zwei Netzwerkschnittstellen, Cputnik, Wmblob, Wmcalc, Wmsun, Pclock, Wmtop und Wmweather.

Abbildung 4: Eine Fluxbox-Dockleiste mitsamt etlichen Applets.

Damit Sie die Applets nach jeder Anmeldung wieder so vorfinden, wie Sie sie bei der letzten Abmeldung hinterlassen haben, tragen Sie die entsprechenden Startbefehle in die Datei ~/.fluxbox/startup ein. Es empfiehlt sich, die Befehle nach dem Aufruf von Fluxbox in der Form aus Listing 2 hinzuzufügen. Dies ist sinnvoller als die in der Datei selbst beschriebene Vorgehensweise: Fluxbox braucht eine kurze Atempause, bevor es die Kontrolle über Dockapps übernimmt.

Die Reihenfolge der Dockapps legt die Datei ~/.fluxbox/slitlist fest, die Fluxbox bei jedem Abmelden neu schreibt. Wollen Sie hier etwas ändern, lassen Sie entweder über das Kontextmenü der Dockleiste die Applets reihum die Plätze wechseln oder bearbeiten die Datei direkt. Letzteres setzt allerdings voraus, dass Fluxbox gerade nicht läuft.

Listing 2

exec fluxbox &
fbpid=$!
sleep 1
{
        wmCalClock -24 &
        wmtop &
        wmnet -w &
        wmeyes -w &
} &
wait $fbpid

Stolperfallen

Fluxbox wurde von dessen Entwicklern nicht speziell dafür geschaffen, um es unter Gnome zu betreiben – folglich gilt es noch einige Klippen zu umschiffen. Glücklicherweise lässt sich das Verhalten dieses Fenstermanagers in weiten Grenzen konfigurieren.

Das Gnome-Panel der dritten Generation verfügt nach wie vor über ein Kontextmenü, das man aber seltsamerweise nicht mehr über einen simplen Rechtsklick erreicht. Stattdessen muss man zusätzlich [Alt] drücken, aus welchen Gründen auch immer. Allerdings fängt Fluxbox dieses Tasten/Mauskürzel ab und fokussiert das Panel, um wie bei einem gewöhnlichen Fenster die Größe ändern zu können. Genügen Ihnen zu diesem Zweck die üblichen Anfasser, dann löschen Sie einfach die entsprechende Zeile (Listing 1) in der Datei ~/.fluxbox/keys oder kommentieren sie aus.

Listing 1

OnWindow Mod1 Mouse3 :MacroCmd {Raise} {Focus} {StartResizing NearestCorner}

Ein Schnellstartfenster gehört auf jeden Desktop. Fluxbox liefert zwar eines mit, das aber den Namen nicht wirklich verdient: Das mikroskopisch kleine, blasses Eingabefeld verschwindet optisch fast unter dem Fenstertitel und tut nichts weiter, als eingegebenen Text anzunehmen und nach dem Drücken der Eingabetaste das entsprechende Programm zu starten. Es gibt weder eine Chronik noch einen Auswahldialog, über den Sie die gesuchte Datei finden könnten.

Der originale Schnellstarter von Gnome schlägt das Fluxbox-Pendant um Längen, doch er lässt sich nicht einfach über den Aufruf einer Binärdatei starten. Abhilfe schafft die Datei gnome-panel-control aus dem Openbox-Paket Ihrer Distribution: Sie finden sie in Ubuntu und Debian in einem separaten Paket gleichen Namens, bei Opensuse und Fedora im Paket openbox-gnome. Folgender Eintrag in der Datei ~/.fluxbox/keys wirkt Wunder:

# open a dialog to run programs
Mod1 F2 :Exec gnome-panel-control --run-dialog

Ebenso funktioniert das Tastenkürzel zum Öffnen des Desktop-Kontextmenüs nicht wie gewohnt: Drücken Sie [Strg]+[F10], dann versucht Fluxbox zur zehnten Arbeitsfläche zu springen – selbst dann, wenn es diese gar nicht gibt. Abhilfe erzielen Sie auch hier, indem Sie die korrespondierende Zeile in ~/.fluxbox/keys löschen:

Control F10 :Workspace 10

Allgemein empfiehlt es sich, Fluxbox vor dem Einbau in Gnome zunächst einem Trockenlauf zu unterziehen. Starten Sie direkt über dessen Sitzungseintrag in GDM einfach den "nackten" Fensterverwalter, um zumindest die benötigten Konfigurationsdateien in Ihrem persönlichen Ordner anlegen zu lassen.

Bei der Gelegenheit sollten Sie Fluxbox auch gleich für die neue Umgebung vorbereiten: Platzieren Sie die Toolbar so, dass sie später unter dem Panel verschwindet, und weisen Sie ihr die gleiche Höhe zu. Das klappt auch auf grafischem Weg über einen Rechtsklick und das Aktivieren der entsprechenden Einträge im Toolbar-Menü. Die Toolbar einfach auszublenden, erweist sich als wenig empfehlenswert: Fluxbox schiebt neu geöffnete Fenster dann gern unter das Gnome-Panel. Die verborgene Toolbar wirkt hier wie eine natürliche Barriere.

Falls Ihnen nun noch ein grafisches Werkzeug zum Wechsel des Fluxbox-Themas fehlt, dann werfen Sie doch einen Blick auf Fluxstyle ([6], Abbildung 3). Fertige Pakete dafür sind rar, doch es lässt sich dank Python-GTK-Basis recht einfach installieren. Fluxstyle berücksichtigt alle Fluxbox-Themen im Systemordner (meist /usr/share/fluxbox/styles) und in Ihrem persönlichen Ordner in ~/.fluxbox/styles. Hat der Ersteller des Themas daran gedacht, ein Vorschaubild mitzuliefern, zeigt Fluxstyle es vorab an.

Abbildung 3: FluxStyle ermöglicht bequemen Themenwechsel.

Ein brauchbares allgemeines grafisches Konfigurationswerkzeug für Fluxbox fehlt allerdings. Das betagte Fluxconf wird seit langem nicht mehr gepflegt [7]. Da hilft nur, ersatzweise zu einem Texteditor Ihrer Wahl zu greifen. Eine Fülle von Informationen zu den möglichen Einstellungen liefert das (allerdings nur teilweise deutschsprachige) Fluxbox-Wiki [8].

Frohe Zukunft?

Darf man dem prominenten Gnome-Entwickler Vincent Untz glauben, bleibt der Ausweichmodus über die gesamte Lebensdauer von Gnome 3 erhalten. Wie er am Ende aussehen wird, ist allerdings momentan noch nicht abzusehen. Auch die Zahl der potenziellen Benutzer lässt sich angesichts einer zu erwartenden Fluktuation zu XFCE und LXDE keineswegs abschätzen: Mit den gerade neu erschienenen Versionen von Ubuntu und Fedora schlägt der neue Desktop ja gerade erst bei der Masse der Benutzer auf.

Insgesamt rief der Umbruch bei Gnome angesichts der Meldungen in diversen Mailinglisten und Diskussionsforen und der verfügbaren Erweiterungen bislang eher passive bis positive Reaktionen der Benutzer hervor – von Linus Torvalds einmal abgesehen. Auch wenn die Gnome-Shell letztendlich wohl die Oberhand behalten wird, gibt es mehr als einen Grund, in Form des Ausweichmodus eine Hintertür offen zu halten. 

Der Autor

Mario Blättermann war hartnäckiger Computer-Ignorant, bis er auf die Möglichkeiten des Internets stieß. Da das zeitgleich mit dem ersten großen Linux-Hype Ende der Neunziger Jahre passierte, lässt ihn seither auch die freie Software nicht mehr los.

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