Alles mobil

Liebe Leserinnen und Leser,

gerade erst hat das KDE-Projekt mit Version 4.7 einen wichtigen Schritt in Richtung mobile Geräte gemacht [1]. In dem Umfeld tummeln sich mittlerweile alle wichtigen Desktop-Projekte: Ubuntu machte mit Unity den Anfang [2], dann kam die Gnome-Shell [3] und nun KDE. Freie Desktops auf Smartphone und Tablet, das hört sich erstmal gut an, aber ist es auch realistisch?

Es erscheint zumindest fraglich, denn der Markt ist derzeit recht gut aufgeteilt. So bescheinigen Marktforscher dem Betriebssystem Android allein bei den Smartphones einen Marktanteil von etwa 50 Prozent [4]. Den Rest teilen sich RIM (Blackberry), iOS (Apple), Windows und eine Gruppe von weiteren Mitspielern, die unter 5 Prozent ausmacht. Weder der Apple- noch der RIM-Anteil des Kuchens dürfte für freie Projekte Potenzial bieten, und das Android-Segment hat ein ganz eigenes Desktop-Ökosystem.

Zudem kämpfen die Akteure hier im Augenblick mit einem ganz anderen Problem, denn Microsoft spielt wie immer ein doppeltes Spiel: Der Konzern arbeitet nicht nur an einem eigenen System für mobile Geräte [5], sondern verdient auch ein hübsches Sümmchen durch angedrohte Patentklagen gegen die Produzenten von Mobilgeräten mit Android [6]. Hauptleidtragender ist der Hersteller Samsung, der alleine von den 50 Prozent Android-Geräten ein gutes Drittel verkauft [7]. Da geht's um viel Geld.

Für die Hardware-Hersteller hat sich der Einsatz von Android bislang als teurer Spaß entpuppt, und Google steht derzeit mit dem Rücken zur Wand, weil es bei einigen Patentgeschäften den Kürzeren gezogen hat. Selbst, wenn das Unternehmen das Blatt noch wendet, werden die Hersteller womöglich eine Lehre aus dem Ganzen ziehen und sich künftig vorher genau anschauen, was sie sich auf die Geräte holen und wer hinter der Software steht.

So gern ich es sehen würde, angesichts dieser Szenarien kommen mir Zweifel, ob die freien Projekte auf Mobilgeräten durchstarten. Selbst Canonical hat trotz des finanziellen Hintergrunds von Mark Shuttleworth mit Unity bislang keinen Fuß in diesem Markt in die Tür bekommen. Am Ende wäre also womöglich viel Arbeit umsonst getan.

Die wahren Verlierer sind derzeit aber die Anwender, die sich einen stabilen und komfortablen Desktop alter Machart wünschen. Je nachdem, wie die Distributoren nun Gnome und KDE integrieren, bei Unity ist die Sache klar, wartet auf solche Anwender künftig in vielen Fällen viel Handarbeit.

Sollten die großen Distributionen auf die Mobile-Optik setzen, fiele es mir außerdem schwer, einem Einsteiger eine Empfehlung auszusprechen. Systeme, wie PCLinuxOS XFCE-Edition auf der aktuellen Heft-DVD verfolgen zwar weiterhin das klassische Desktop-Schema, haben aber bei Weitem nicht so eine große Community wie Ubuntu, OpenSuse oder Fedora. Schlagen die einen Kurs Richtung Mobile-Desktop ein, könnte sich das allerdings in Zukunft ändern. Gut, dass es freie Alternativen gibt.

Infos

[1] KDE 4.7: "Plasma wird plattformunabhängiger", Linux Magazin Online, 28.07.2011, http://www.linux-magazin.de/NEWS/KDE-SC-4.7-Plasma-wird-plattformunabhaengiger

[2] Ubuntu 11.04 mit Unity: "Oberfläche mit vielen Schönheitsfehlern", Zdnet, 29.04.2011, http://www.zdnet.de/magazin/41552224/ubuntu-11-04-unity-oberflaeche-mit-vielen-schoenheitsfehlern.htm

[3] Gnome-Shell: "Gnome 3.0 im Überblick", Christoph Langner, LinuxUser 07/2011, S. 30, http://www.linux-community.de/23681

[4] Marktanteil Android: http://www.linuxfordevices.com/c/a/News/Canalys-August-1-report/

[5] Windows 8 mit neuem Interface: http://www.golem.de/1106/83921.html

[6] Microsoft verdient an Android mit: http://www.guardian.co.uk/technology/blog/2011/may/31/microsoft-htc-licensing-response

[7] Microsoft klagt gegen Samsung: http://www.silicon.de/technologie/software/0,39044013,41554602,00/android_microsoft_fordert_patentgebuehren_von_samsung.htm

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