Bereits vor seiner endgültigen Einführung hat Unity ziemlichen Staub aufgewirbelt. Einige der Vorwürfe an Ubuntus neuen Desktop sind sicher berechtigt, über andere lässt sich diskutieren – so etwa über die Frage nach den Hardware-Anforderungen. Um vernünftig zu laufen, braucht Unity eine funktionierende 3-D-Beschleunigung. Es kooperiert dazu mit fast allen Grafikchips der letzten fünf Jahre, was durchaus noch vertretbar wäre. Andererseit zwingt es den Anwender aber in fast allen Fällen zum Einsatz proprietärer Treiber, mit den freien Grafiktreibern kommt es nur im Ausnahmefall zurecht.
Während Neueinsteiger aber meist schnell akzeptieren, was sie vorfinden, warten die meisten Probleme im Umgang mit Unity vermutlich auf Profis und fortgeschrittene Nutzer: Diese haben den klassischen Gnome-Desktop meist unter erheblichem Zeitaufwand an ihre Bedürfnisse angepasst. Nun funktionieren plötzlich bestimmte Tastaturkürzel nicht mehr und fehlen einzelne Elemente und Features, während sich andere nicht ändern lassen.
Lückenhaft?
So sahen es jedenfalls viele Early Adopters, die Unity bereits im Vorfeld ausprobierten und dann sehr schnell ablehnten. Kein Wunder: Der Desktop fiel anfangs durch permanente Abstürze und langsame Reaktionszeiten auf. Beliebte Tastenkombinationen wie [Alt]+[F2] funktionierten nicht, einige Dateien und Programme ließen sich über das Dash (siehe Abschnitt "Klebstoff") nicht aufrufen, zudem fehlte dort eine wie auch immer geartete Kategorisierung.
Mittlerweile haben die Entwickler auf fast alle Kritikpunkte reagiert, ein paar Verhaltensauffälligkeiten des Desktops gibt es aber noch immer. Diese Liste ist sicherlich subjektiv gefärbt, dennoch dürften die folgenden Details im Alltagsbetrieb für Verwirrung sorgen.
Zunächst fehlen die Gnome-Applets. Dabei handelt es sich um die nützlichen Hilfsanwendungen für das Panel. Wer also über einen Systemmonitor die CPU- und Netzwerkauslastung im Auge behält, muss sich nach einer neuen Lösung umschauen (etwa Gkrellm oder Conky). Auch Zeichenpaletten und Wörterbücher ließen sich zuvor wunderbar in das Panel integrieren. Die Applets kommen vermutlich auch nicht nachträglich zurück, weil das globale Menü nun ihren Platz besetzt – Kollisionen wären die Folge.
Voll im Bild
Unter Unity arbeiten Sie quasi stets im Vollbildmodus, die Menüs der meisten Anwendungen tauchen dabei ganz oben im Panel auf. Das bleibt unglücklicherweise auch so, wenn Sie die Fenster verkleinern. Um die Menüpunkte aufzurufen, müssen Sie die Maus auf das Panel bewegen, was anfangs verwirrt. Wollen Sie zum Beispiel die Einstellungen eines Programms aufrufen, schauen Sie zuerst in dem verkleinerten Fenster nach dem Menü und ziehen vielleicht sogar die Maus dorthin. Dann fällt Ihnen ein, dass das Menü sich ja im Panel befindet – dort ist es aber (noch) nicht zu sehen. Erst wenn Sie den Mauszeiger über das Panel schubsen, erscheinen die Menüpunkte. Apple-Nutzer kennen das nicht anders, eingefleischte Linux- und Windows-Nutzer müssen sich daran erst gewöhnen.
Auch Freunde des Systembereichs enttäuscht Unity: Nur noch wenige Anwendungen (etwa Skype, Java-Anwendungen, Mumble) landen dort (Abbildung 1). Das lässt sich jedoch ändern, indem Sie eine Whitelist ergänzen (siehe Kasten "Whitelist"). Beim Unity-Starter – dem Panel auf der linken Seite – ist das schon schwieriger. Über den CompizConfig Einstellungs-Manager verkleinern Sie die Icons des Starters und so die komplette Leiste. Der Starter lässt sich allerdings nicht auf eine andere Stelle verpflanzen, weil Mark Shuttleworth ihn nahe beim Ubuntu-Logo links oben halten will [1]. Vermutlich gibt es bald einen Hack für Fans anderer Lösungen – Shuttleworth hat prinzipiell nichts dagegen, will aber keine Entwickler darauf ansetzen.
Neben seinen Schwächen bringt der Desktop aber auch zahlreiche handfeste Vorteile mit. Vor allem die Tastaturkürzel funktionieren mittlerweile eindrucksvoll. Wer sie erlernt, kann seinen Arbeitsprozess im Vergleich mit dem klassischen Gnome deutlich beschleunigen.
Whitelist
Über den Befehl gsettings, den Sie in ein Terminal eintippen ([Strg]+[Alt]+[T]), schalten Sie den Systembereich für einzelne Anwendungen frei (Listing 1). Ergänzen Sie die eckigen Klammern zum Beispiel um ,'Opera'.
Listing 1
gsettings set com.canonical.Unity.Panel systray-whitelist "['JavaEmbeddedFrame', 'Wine','Skype','Dropbox']"



