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Fremdes Biotop

Linux-Applikationen unter Windows nutzen mit Cygwin

16.06.2011
Cygwin bringt die bekannten und beliebten Tools aus der Linux-Welt auf Windows. So arbeiten Sie mit gewohnten Programmen und nutzen Skripte plattformübergreifend.

Wer länger mit Linux arbeitet, gewöhnt sich schnell an die Möglichkeiten, die das freie Betriebssystem bietet. Doch auch Windows-Anwender kommen leicht in den Genuss einiger Linux-Schmankerl – dank Cygwin.

Dessen Installation gestaltet sich relativ einfach. Nach dem Download der Installationsdatei von der offiziellen Webseite [1] und einem beherzten Doppelklick auf setup.exe bestätigen Sie den Warnhinweis. Es öffnet sich ein Assistent, der Sie komfortabel durch die Installation leitet. Arbeiten noch andere Anwender mit dem System, haben Sie die Wahl, ob Sie Cygwin für jeden Benutzer bereit stellen möchten (All Users, die empfohlene Voreinstellung), oder nur für den aktuell Angemeldeten.

Wurzelbehandlung

Das Erkennen des Wurzelverzeichnisses, wie unter Windows häufig genannt, bereitet mitunter Probleme. Auf unserem Testsystem mit Windows 7 Ultimate in der 64-Bit-Edition war bereits der X2go-Client installiert, der seinerseits eine Cygwin-Umgebung bereitstellt. Der Assistent wollte zunächst diese Instanz aktualisieren. Um das zu verhindern, galt es, den Pfad händisch auf C:\Program Files (x86)\Cygwin umzustellen. Das Setup moniert Leerzeichen, was Sie aber geflissentlich ignoriert dürfen – immerhin lautete der voreingestellte Wert ebenso.

Im nächsten Schritt legen Sie das Verzeichnis fest, in dem Sie heruntergeladene Pakete zwischenspeichern wollen: Cygwin bietet ganz wie von Linux gewohnt Software in Paketen an, die Sie vor der Installation aus dem Internet laden. Um die Installation auf einem Online-Rechner zu starten, wählen Sie die Option Install from Internet, die die Pakete zudem lokal zwischenspeichert. Um lediglich die Dateien für einen Dritt-PC herunterzuladen, wählen Sie Download Without Installing. Auf dem entsprechenden Computer installieren Sie über Install from Local Directory die vorab geladenen Pakete.

Dann folgt noch die Wahl des Proxy-Servers. In den meisten Fällen wählen Sie hier Direct Connection; im Zweifelsfall lohnt sich ein Versuch der Option Use Internet Explorer Proxy Settings. Von der eigentlichen Paketauswahl trennt Sie nun noch die Wahl des geeigneten Mirrors, das heißt, eines Spiegel-Servers, der die gewünschten Dateien bereitstellt. Erfahrungsgemäß beschleunigt die Wahl eines Mirrors im eigenen Land den Download.

Paketdienst

Haben Sie diese Hürden gemeistert, die sich übrigens umständlicher anhören, als sie eigentlich sind, steht der Weg frei zur Paketauswahl (Abbildung 1). Die Pakete verteilen sich dort auf verschiedene Gruppen, zudem wählt Cygwin eine Basiskonfiguration aus, die ein solides Grundsystem bereitstellt.

Abbildung 1: Aus dem großen Angebot an Software wählt Cygwin bereits eine solide Grundkonfiguration aus.

Um weitere Programme einzurichten, bedienen Sie sich einfach des Wahlschalters neben dem Paketnamen innerhalb der aufgeklappten Gruppen. Dieser nimmt verschiedene Zustände an: Skip überspringt das Paket, installiert es also nicht. Ein Klick darauf genügt um das Programm zur Installation vorzusehen: Dann zeigt der Installer die Versionsnummer statt Skip an. Gibt es mehrere Releases, wie beispielsweise bei Mutt die Versionen 1.4 und 1.5, wechseln Sie diese mittels Mausklick. Um zusätzlich zur Binärversion eines Pakets die dazugehörigen Quelldateien zu auf dem Rechner einzurichten, klicken Sie auf Src.

Bei Bedarf installieren Sie nicht nur einzelne Pakete, sondern komplette Gruppen. Standardmäßig steht neben dem Gruppennamen Default für die Standardauswahl. In dieser Variante wandern nur grundlegende Pakete auf die Platte. Ein Klick genügt, um zum Modus Install zu wechseln, der sämtliche Pakete der Gruppe installiert. Haben Sie schon Pakete ausgewählt oder installiert, stehen zusätzlich die Funktionen Reinstall (erneute Installation) und Uninstall (Deinstallation) zur Auswahl.

Für den Anfang belassen Sie es einfach bei der Vorgabe und klicken auf Weiter. Sogleich startet der Download, was je nach Internetanbindung eine gewisse Zeit beansprucht – auf dem Testsystem war binnen drei Minuten alles erledigt. Zum Abschluss wählen Sie noch, wo überall Sie eine Verknüpfung zu Cygwin haben möchten.

Das war's – zumindest fast, denn im Test meldete sich nun ein Windows-eigener Assistent, der wissen wollte, ob die Software wirklich korrekt installiert sei (Abbildung 2). Diese Nachfrage quittieren Sie getrost mit Das Programm wurde richtig installiert. Löschen Sie die Datei setup.exe jedoch nicht, da Sie diese später zum Nachinstallieren von Paketen benötigen.

Abbildung 2: Windows will es genau wissen: Alles korrekt installiert?

Kaltstart

So aufwändig die Installation scheint, so unauffällig platziert sich Cygwin im System. Lediglich ein Eintrag im Startmenü und ein Desktop-Icon zeugen von seiner Existenz. Ein Klick auf eines der Symbole öffnet die Konsole (Abbildung 3). Schnell sehen Sie, dass es sich dabei um eine Bash handelt, die einige bekannte Linux-Kommandos wie uname beherrscht.

Abbildung 3: Bash-Feeling unter Windows – dank Cygwin.

Dabei bildet Cygwin nach Möglichkeit Befehle und Funktionen aus der Unix-Welt auf Windows ab: Das schon erwähnte uname beispielsweise gibt Systeminformationen von Windows zurück. Das Homeverzeichnis liegt physikalisch in C:\Programme (x86)\Cygwin\home\Benutzer, nicht etwa im Windows-Benutzerverzeichnis. Selbst das Proc-Dateisystem steht bereit.

Der Kernel in /boot hingegen fehlt – verständlich, denn bei Cygwin handelt es sich nicht um eine Virtualisierungssoftware. Sie arbeiten also nicht mit einem Linux-Kernel, sondern mit entsprechenden Programmen, die nativ unter Windows laufen. Schnittstellen wie das Proc-Dateisystem bildet Cygwin durch eine Kompatibilitätsschicht nach. Am ehesten gleicht Cygwin den MacPorts [2], durch die zahlreiche Linux-Applikationen unter Mac OS X bereit stehen.

Ein mount verrät Ihnen, welche Laufwerke eingebunden sind: /usr/bin und /usr/lib kommen aus den entsprechenden Unterverzeichnissen im Cygwin-Wurzelverzeichnis, das seinerseits gemountet ist, und das Laufwerk C: finden Sie unter /cygdrive/c – mit der Möglichkeit zum lesenden und schreibenden Zugriff.

Besonders komfortabel: Später angeschlossene Laufwerke, wie USB-Festplatten, bindet Cygwin zur Laufzeit automatisch ein. Selbst Netzwerkfreigaben via Samba/CIFS stellen die Software vor keine Probleme. Sie sprechen diese nach dem Schema //Server/Freigabe an. Der Befehl

$ mount //srv/pool /home/max/share

bindet beispielsweise die freigegebenen Dateien des Fileservers srv im Home-Verzeichnis des Benutzers max ein.

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