Editorial 07/2011

Tatort: Armonk

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

Oracle darf derzeit wohl als Lieblingsfeind der Open-Source-Gemeinde gelten. Waren die Kalifornier nach der Übernahme von Sun ohnehin schon durch den Abschuss diverser Projekte ins Visier der Community geraten, verscherzten sie sich anschließend durch den despektierlichen Umgang mit OpenOffice, einem erklärten Kronjuwel der freien Software, auch noch die letzten Sympathien.

Zunächst hielt Oracle die OOo-Beteiligten beharrlich über den weiteren Fortgang des Projekts im Ungewissen und ignorierte stur jeden Vorstoß, die Rechte an der Bürosuite der Community zu übertragen. In der Not gründete die OOo-Gemeinde schließlich eine eigene Stiftung, The Document Foundation (TDF), und forkte den Code, um endlich die Entwicklung sinnvoll weiterzuführen. Die Masse der Projektbeteiligten wanderte flugs zur TDF ab, die Distributoren wechselten scharenweise zu LibreOffice. Oracle zog daraufhin Mitte April die Notbremse und kündigte an, OOo nun doch zum rein communitybasierten Projekt zu machen [1]. Damit erntete es freilich erst recht Kopfschütteln: Das hätte man auch gleich so machen können und damit den Fork von vornherein vermieden.

Für gelinde Irritation sorgte auch, dass Oracle nicht klar angab, an welche Community das Projekt nun gehen sollte, und Gesprächsangebote der TDF weiter ignorierte. Anfang Juni schließlich platzte die Bombe: Oracle will OpenOffice.org nicht etwa mit LibreOffice wiedervereinigen, sondern stattdessen an die Apache Software Foundation (ASF) übergeben [2] – und damit das Schisma in einer der wichtigsten Open-Source-Anstrengungen zementieren. Die ASF ihrerseits zeigt sich von dem Vorhaben übrigens nur gedämpft begeistert und will erst einmal ausgiebig prüfen, ob OpenOffice überhaupt zu ihr passt [3].

Open-Source-Enthusiasten, die angesichts dieses Irrsinns jetzt Oracle zum Teufel wünschen, verfluchen zwar keinen Falschen, verkennen aber dennoch den wahren Strippenzieher des Trauerspiels. Der nämlich lässt sich unschwer anhand von Ermittlungstechniken identifizieren, die jeder Krimi-Freund kennt: Wem nutzt es, und wo gibt es Verbindungen? Oracle scheidet als Nutznießer aus, denn es hat seinerseits jede kommerzielle Weiterverwendung von OOo ausgeschlossen.

Doch es gibt eine weitere große Firma, die starkes kommerzielles Interesse an OpenOffice zeigt: IBM. Dessen Bürosuite Lotus Symphony, intern firmenweit im Einsatz und laut IBM weltweit bei über 12 Millionen Anwendern in Betrieb, basiert auf OpenOffice. Und sie ist Closed Source und proprietär lizenziert: Dank der bisherigen Sun/Oracle-Lizenzbestimmungen muss IBM keinen Code an OpenOffice.org zurückgeben. Das funktioniert nur dann weiterhin, wenn OpenOffice auch künftig unter einer entsprechenden Lizenz steht.

Hier finden sich nun Nutzen wie Verbindung: Ginge der OpenOffice-Code an die TDF, unterläge er dort der LGPLv3 – Derivate müssten also den Code offenlegen. Dagegen stünde OOo bei der ASF unter der Apache Software License (ASL), die Closed Source erlaubt. IBM bevorzugt seit langer Zeit die ASL und beteiligt sich als Gold-Sponsor bei der Apache Software Foundation. Da verwundert es wenig, dass die Übergabe von OOo an die ASF in IBM-Kreisen geradezu Euphorie auslöst [4]. Der Verdacht liegt nahe, dass Big Blue bei der Angelegenheit die Finger im Spiel hat.

IBM – das neue Oracle? So weit würde ich nicht gehen, aber: Big Blue tut weder sich noch der Community einen Gefallen, indem es um eines vermeintlichen Kontrollgewinns willen eine wesentliche Komponente des Open-Source-Ökosystems nachhaltig spaltet. Das schadet letztendlich gleichermaßen OpenOffice wie LibreOffice, und schlimmer noch, es nützt nur der Konkurrenz aus Redmond.

Beste Grüße,

Jörg Luther

Chefredakteur

Infos

[1] Oracle gibt OOo frei: http://tinyurl.com/lu1107-oracle

[2] OOo soll zur Apache Software Foundation: http://tinyurl.com/lu1107-ooo

[3] Gedämpfte Freude bei der Apache Software Foundation: http://tinyurl.com/lu1107-asf

[4] Hurra bei IBM (Auswahl): http://tinyurl.com/lu1107-robweir, http://tinyurl.com/lu1107-edbrill, http://tinyurl.com/lu1107-bobsutor

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