Aufpoliert

Dunkelkammer für Pixelkünstler

Fotografen versuchen aus einem Motiv die bestmögliche Qualität herauszuholen. Aktuelle Spiegelreflex-Geräte sowie hochpreisige Kompaktkameras nehmen Bilder im Rohdatenformat (RAW) auf, die Daten nach dem Digitalisieren ohne Kompression und weitere Veränderungen auf die Speicherkarte schreiben. Dieses Format eignet sich am besten für nachträgliche Manipulationen am Bild.

Auf Basis dieser RAW-Bilder entwickeln kommerzielle Programme wie Adobe Lightroom oder Apple Aperture unter Mac OS X oder Windows die Aufnahme digital und optimieren so Farben, Tonwerte oder Schärfe verlustfrei. Zu diesen Tools gibt es in der Linux-Welt proprietäre sowie freie Alternativen, die sich einer breiten Userbasis erfreuen (siehe Tabelle "Bildverwaltungsprogramme").

Bildverwaltungsprogramme

Name Lizenz Preis
Rawtherapee [7] GPLv3
Darktable [8] GPLv3
Bibble [9] Proprietär 99,95 US-Dollar
Lightzone [10] Proprietär 99,95 US-Dollar

Das unter der GPL entwickelte Photivo [1] versucht nun nicht ein weiterer vollständiger Lightroom-Clone mit Fotomanager und Bildbearbeitung zu sein, sondern konzentriert sich stattdessen darauf, die besten freien Algorithmen zum Entrauschen, Schärfen oder Einfärben in einem Programm zu vereinen. Dabei versteht sich Photivo nur als ein Baustein im Workflow zwischen Bildverwaltungen wie Digikam, F-Spot oder Shotwell und Programmen wie Gimp und Co.

Photivo (Abbildung 1) beherrscht neben dem Import von RAW-Bildern das Laden von allen anderen gängigen Bitmap-Formaten. Sie haben daher die Möglichkeit, mit "normalen" Aufnahmen zu arbeiten. Optimale Voraussetzungen zum Entwickeln bietet jedoch nur das RAW-Format. Die einzelnen Filter arbeitet die Software in einer nicht-destruktiven Pipeline ab. Dies bietet die Möglichkeit, beliebig viel auszuprobieren und bei Missfallen einzelne Filter abzuändern oder wieder zu deaktivieren, ohne dass es zu Qualitätsverlusten kommt.

Abbildung 1

Abbildung 1: Photivo braucht viel Platz auf dem Bildschirm.

Aufgrund der hohen Anzahl an Filtern und Optionen fällt die Lernkurve beim Einsatz von Photivo jedoch recht steil aus. Anfänger finden auf der Homepage allerdings eine ganze Reihe von Tutorials [2], die anhand konkreter Beispiele die Arbeitsweise von Photivo erklären. Dennoch bleibt es dem Laien nicht erspart, sich in zahlreiche Begriffe aus der Fotografie und Bildmanipulation einzuarbeiten.

Photivo einrichten

Derzeit arbeiten die Entwickler sehr aktiv an der Software. Aktuelle Setups für Windows und Mac OS X laden Sie bei Bedarf über Google Code herunter [3]. Für Linux-Anwender stehen Paketquellen für Debian- und Ubuntu-Systeme sowie OpenSuse-Installationen bereit [4]. An der selben Stelle finden Sie außerdem auch Informationen zum Übersetzen des kompletten Programms aus dem Sourcecode. Unter Ubuntu bekommen Sie Photivo über die persönliche Paketquelle des Entwicklers (Listing 1).

Listing 1

$ sudo add-apt-repository ppa:dhor/myway
$ sudo apt-get update
$ sudo apt-get install photivo

Nach der Installation öffnen Sie Photivo entweder über das Anwendungsmenü der Desktop-Umgebung oder über das Kontextmenü von Nautilus oder Dolphin beim Rechtsklick auf eine Bilddatei. Allerdings ist die Installation noch nicht vollständig beendet: Um Bilder zwischen Gimp und Photivo hin- und herzusenden, gilt es noch zwei Plugins einzurichten. Das eine, PtGimp, landet automatisch bei der Installation von Photivo über die Paketquellen in /usr/lib/gimp/2.0/plug-ins/ und steht somit automatisch auch für Gimp bereit.

Das zweite Skript müssen Sie jedoch von Hand installieren. Laden Sie die dazu die Datei mm extern photivo.py aus dem Netz herunter [5], setzen Sie für das Skript das Execute-Bit. Anschließend kopieren Sie das Skript an die richtige Stelle. Im letzten Schritt müssen Sie noch Tkinter als Schnittstelle zwischen Tk und Python installieren. Üblicherweise findet sich die Software auf einem modernen System. Auf einem Debian- oder Ubuntu-System sollten die Befehle aus Listing 2 zum Ziel führen.

Listing 2

$ wget http://photivo.googlecode.com/hg/mm%20extern%20photivo.py
$ chmod +x "mm extern photivo.py"
$ mv "mm extern photivo.py" ~/.gimp-2.6/plug-ins/
$ sudo apt-get install python-tk

Danach haben Sie die Möglichkeit, über das Gimp-Symbol am unteren Bildschirmrand das aktuelle Bild inklusive seiner Filter und Exif-Daten an Gimp schicken (Abbildung 2), um es dort weiter zu bearbeiten. Möchten Sie das Bild wieder in Photivo zurückholen, so reichen Sie es ohne zu speichern über Filter | MM-Filters | Export to Photivo weiter. Beide Anwendungen ergänzen sich so auf elegante Weise.

Abbildung 2

Abbildung 2: Mit einem Knopfdruck übergeben Sie ein Bild aus Gimp direkt zu Photivo und zurück.

Die Vielfalt der Filter und die Möglichkeit, zahlreiche Filter nacheinander einzusetzen, führt dazu, dass Photivo viel Rechenpower voraussetzt. Für Besitzer schwächerer Rechner lohnt es sich daher, die Optionen links unten im Fenster genauer anzusehen (Abbildung 3). Dort legen Sie bei Bedarf fest, dass Photivo das Vorschaubild nicht in Originalgröße berechnet, wodurch das Arbeiten mit dem Programm deutlich flüssiger vonstatten geht. Alternativ deaktivieren Sie das automatische Berechnen der Vorschau komplett und starten das Berechnen aller Filter von Hand.

Abbildung 3

Abbildung 3: Verfügt Ihr Rechner nicht über genügend Leistung, schalten Sie das automatische Berechnen der Vorschau aus.

Im Einsatz

Zum Einstieg in Photivo bietet sich das Erstellen eine Fake-HDR-Bildes aus einer herkömmlichen Einzelaufnahme an. Mit dem englischsprachigen Tutorial [6] zaubern Sie sehr schnell erstaunliche Resultate auf den Bildschirm (Abbildung 4), so dass die Motivation, sich in das Programm einzuarbeiten, nicht all zu schnell verfliegt. Selbst wenn Ihr Englisch nicht das Beste sein sollte, fällt es nicht schwer, dem Tutorial aufgrund der Bildschirmfotos zu folgen.

Abbildung 4

Abbildung 4: Mit Photivo erzeugen Sie in wenigen Minuten eine Fake-HDR-Aufnahme.

Suchen Sie für das HDR-Bild am besten eine etwas überbelichtete Aufnahme heraus. Achten sie jedoch darauf, kein stark überbelichtetes Bild zu verwenden. Folgen Sie dann Schritt für Schritt der Anleitung. Damit Sie die entsprechenden Filter schneller finden, empfiehlt es sich, Photivo über die Einstellungen auf Englisch umzustellen. In den letzten Schritten gilt es ein bisschen zu experimentieren und die Farben, mit denen Sie das Bild zusätzlich eingefärbt wollen, entsprechend dem Motiv zu wählen.

Fazit

Photivo bietet gerade für erfahrene Fotografen und Pixelkünstler viele Funktionen, die Sie so umgesetzt nicht in anderen Programmen finden. Durch die Möglichkeit zum Austausch mit Gimp gestaltet sich der Workflow zwischen Bildbearbeitung und digitalem Entwickler fast aus einem Guss. Allerdings benötigt das Bearbeiten von etlichen MByte großen RAW-Bildern mit zahlreichen Filtern einen Rechner mit ausreichend Speicher und entsprechend dimensionierter CPU, sonst gerät die Arbeit sehr zäh. 

Der Autor

Christoph Langner arbeitet für die PTV AG Karlsruhe in Karlsruhe im Bereich des Testmanagements und ist seit Jahren im Bereich der Open Source Software aktiv. Sie finden sein Blog rund um GNU/Linux auf http://linuxundich.de.

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