MIDI-Komponieren mit Ardour3

Vorab eine Anmerkung: Ardour3 wird momentan noch in rasendem Tempo weiterentwickelt. Wenn Sie diesen Artikel lesen, können sich bereits einige Details in der Oberfläche oder im Zusammenspiel der Werkzeuge geändert haben. Dabei dürfte es sich vor allem um Fortschritte in Sachen Funktionalität und leichtere Bedienung handeln. Eine aktuelle Darstellung der MIDI-Funktionen von Ardour3 finden Sie auf der Ardour-Webseite [2].

In Ardour3 gelangen MIDI-Noten per Aufnahme von einem Keyboard oder durch direktes Einzeichnen mit dem Mauszeiger in eine Spur Ihres Projekts. Dabei geht Ardour3 methodisch deutlich andere Wege als traditionellere Editoren wie Rosegarden oder Muse. Den wichtigsten Unterschied stellt der Umgang mit den auf der Spur für die Noten angelegten Regionen dar. Jede solche Region repräsentiert einen Abschnitt einer Komposition, der sich grob mit einem Notenblatt vergleichen lässt. Die Regionen an sich lassen sich schneiden, verschieben und kopieren. Der größte Unterschied zu anderen Editoren: Kopien von MIDI-Regionen bleiben miteinander verbunden. Ändern Sie die Noten in einer kopierten Region, geschieht das selbe auch in allen anderen Kopien des gleichen Originals und im Original selbst. Elektronik-Musiker bekommen so eine Möglichkeit, ein Loop an beliebigen Punkten der Zeitlinie einzusetzen und durch Ändern in nur einer Kopie nach Bedarf anzupassen. Möchten Sie lieber klassisch-linear komponieren, klicken Sie eine kopierte Region mit der rechten Maustaste an und wählen MIDI | Fork (Abbildung 8). Damit entsteht eine neue, eigenständige Region. Dort stehenzunächst die gleichen Noten stehen wie im Original, diese lassen sich aber unabhängig von den anderen Kopien bearbeiten.

Abbildung 8: Das Kontextmenü der Regionen präsentiert sich reich befüllt. Viele der Einträge bleiben für MIDI-Regionen allerdings wirkungslos. In der Ardour3-Final wird sich das Rechtsklickmenü stärker an die aktuelle Situation anpassen.

Ardour3 enthält keinen separaten Editor für MIDI-Regionen. Stattdessen lassen sich die MIDI-Spuren sehr weit aufzoomen und besitzen eine eigene Klavierleiste. Sie bearbeiten die Noten also direkt in den Spuren. Für die Aufnahme von Noten sieht Ardour3 vier verschiedene Methoden vor:

  • Direktes Einzeichnen mit dem Mauszeiger in einer Region,
  • Einzeichnen mit Hilfe eines Step-Editors mit Klaviatur,
  • Eintrag per Hand in einen Listeneditor, und
  • Aufnahme von einer Notenquelle wie etwa einem MIDI-Keyboard.

Für das direkte Einzeichnen und den Listeneditor legen Sie zunächst eine neue Region in einer MIDI-Spur an. Dazu schalten Sie für das Standard-Zeigerwerkzeug das Notensymbol ein (Auswahl der Mausmodi, links oben). Ein Linksklick an einer leeren Stelle in der Spur erzeugt dann eine neue Region. Da der so gewählte Werkzeugmodus für das Bearbeiten existierender Noten gedacht ist, müssen Sie das Notensymbol wieder ausschalten, wenn Sie die Region verschieben oder deren Größe ändern möchten (Druck auf [E]). Ein Klick die Note und auf das Stiftsymbol ([E],[R]) in der Auswahl der Mausmodi verwandelt den Mauszeiger in einen Zeichenstift, neben dem die Tonhöhe der aktuellen Note aufleuchtet, sobald Sie den Zeiger auf eine MIDI-Region bewegen.

Ein Linksklick zeichnet die Note mit einer Standard-Anschlagstärke und Länge. Die Länge lässt sich durch Halten der Maustaste und Ziehen verändern. Zum Ändern der Anschlagstärke klicken Sie bei gedrücktem Notensymbol ([O]) auf das Handsymbol und kehren so in den Bearbeitungsmodus des Mauszeigers zurück. Jetzt lassen sich bestehende Noten markieren, [Strg]+[Pfeil oben]/[Pfeil unten] ändert die Anschlagstärke. Das Entwicklerteam von Ardour legt größten Wert auf Bedienbarkeit per Tastatur. Alle beschriebenen Aktionen lassen sich auch nur per Tastenkombination also ganz ohne Maus ausführen.

Eine weitere Methode zur Noteneingabe bietet der Step-Editor (Abbildung 9), der sich hinter einem Rechtsklick auf den roten Rec-Enable-Knopf im Kopf der Spur versteckt. Im oberen Teil des Fensters wählen Sie Notentypen aus, die Sie dann durch Klick in die Klaviatur darunter eintragen. Dabei legt Ardour3 automatisch eine neue Region an. Rechts oben finden Sie die Auswahl für den Arbeitspunkt, an dem dies geschieht. Steht sie auf Playhead, beginnt die neue Region an der Stelle, an welcher der Play-Cursor gerade steht. Setzt Sie den Arbeitspunkt in eine bestehende Region, fügt der Step-Editor die Noten dort ein. Mit dem Nummernfeld im Spurkopf lassen sich außerdem verschiedene Ebenen in einer Region anlegen, die Sie dann nach Bedarf ein- und ausschalten. Im Step-Entry-Werkzeug lässt sich für jede Note auch ein MIDI-Kanal auswählen. Ardour3 kann also aus einer Region heraus Noten an verschiedene MIDI-Kanäle schicken.

Abbildung 9: Der Step-Editor sieht etwas wie ein E-Piano aus und lässt sich mit angeschlossener MIDI-Tastatur auch genau so bedienen.

Ardour3 kann MIDI-Signale auch mit Ports im Jack-MIDI-System austauschen. Über Window | MIDI-Connection Manager rufen Sie den neuen Verbindungsmanager (Abbildung 10) von Ardour auf. Hier sehen Sie die aktiven Ports, welche die Soundkarte, USB-Keyboards und MIDI-Software bereit stellen. So schicken Sie Noten aus Ardour auch an externe MIDI-Synthesizer, die als Hardware oder Software am System angemeldet sein können. Intern lassen sich LV2-Instrumente als Plugins in MIDI-Spuren einbinden. Zum Testzeitpunkt waren allerdings die Module aus einer aus dem aktuellen SVN gebauten CALF-Suite [3] die einzigen LV2-Instrumente, die sich tatsächlich ohne gravierende Probleme in Ardour3 benutzen ließen.

Abbildung 10: Der neue Verbindungsdialog von Ardour3 zeigt alle am System angemeldeten Ports an. Im Matrixsystem links lassen sich mit Linksklick Knotenpunkte anlegen, die die Ports miteinander verkabeln. Das bedeutet wesentlich weniger Klicks und Drehungen am Mausrad als noch bei Ardour2.

Goldmaster

Was den Erscheinungstermin von Ardour 3.0 angeht, hält sich Paul Davis an das Debian-Prinzip: "Es wird veröffentlicht, wenn es fertig ist". Im April 2011 läuft Ardour3 soweit, dass es sich gut ausprobieren lässt. Von der Produktionsreife ist es aber noch ein Stück entfernt. Abstürze kommen zwar inzwischen selten vor, aber immer noch viel zu häufig für produktive Arbeit – und gelegentlich nehmen dabei die Projektdateien Schaden. Manchmal lässt sich auch ein mit einem bestimmten Build erstelltes Projekt sich mit einer späteren Version nicht mehr öffnen.

Allerdings macht das Projekt auch rasante Fortschritte. Innerhalb weniger Tage verschwinden massive Probleme, 30 Bugs beseitigten die Entwickler schon in den ersten zwei Wochen des März 2011. Und das waren nur von Nutzern gemeldete Bugs – selbstverständlich beheben die Entwickler auch Probleme, die sie selbst finden. Dem gegenüber stehen ebenfalls rund 30 im gleichen Zeitraum gemeldete Probleme und Wünsche. Das Projekt hält also Schritt mit der Rate der Fehler, die bekannt werden.

Die Neuerungen, die jetzt noch in Ardour3 einfließen, betreffen vor allem Detailverbesserungen und neue Bedienelemente für bereits vorhandene Funktionen. Die für die neue Generation angekündigten Neuerungen haben die Entwickler prinzipiell komplett umgesetzt. Ungereimtheiten und offensichtliche Fehlstellen an der Oberfläche gibt es nicht mehr. So bleibt abzuwarten, wie lange die Aufräumarbeiten auf der Baustelle des mächtigen Flaggschiffs der Linux-Audio-Welt noch dauern. Die ersten Testflüge der Alphaversionen im offenen Userspace lassen hoffen, dass Ardour3 noch in diesem Jahr den Linienbetrieb aufnimmt. 

Community Corp. – Finanzierung a la Ardour

Ardour sieht schon auf den ersten Blick nicht wie ein Hobby-Projekt aus. Ehrfurcht gebietende 80 MByte umfasst ein SVN-Auszug, das meiste davon handgeschriebener Quelltext. Dabei wird Ardour aber im Wesentlichen von nur einem Hauptentwickler programmiert: Paul Davis (Abbildung 11) arbeitet in Vollzeit an Ardour und erwirtschaftet damit seinen Lebensunterhalt. Der wird allerdings nicht nach verbreitetem Strickmuster von einem Großunternehmen im Linuxgeschäft finanziert, sondern direkt von den Nutzern von Ardour.

Abbildung 11: Paul Davis bei einem Vortrag in Barcelona 2008 (Foto: Paco Riviere). Die Spenden der Nutzer finanzieren auch Spesen, wie die Kosten für Teilnahme an Kongressen.

Knapp 300 Abonnenten zahlen zwischen 4 und 50 US-Dollar monatlich, rund 2300 US-Dollar kommen zusätzlich durch Spenden herein. Das ergibt ein Brutto-Einkommen von etwa 4500 Dollar monatlich. Davis akzeptiert diesen Wert als Untergrenze, weist allerdings auch darauf hin, dass er sich einen anderen Vollzeitjob suchen würde, sollte die Summe auf Dauer darunter bleiben. Die vielen weiteren Entwickler, die Beiträge zu Ardour leisten, akzeptieren ausdrücklich, dass die Spenden an das Projekt komplett in dessen Infrastrukturkosten und den Unterhalt des Chefprogrammierers fließen. Selbst Audio-Programmierer, die nicht direkt an Ardour beteiligt sind, bitten Spender zuweilen darum, eigentlich für sie selbst bestimmte Spenden lieber an Ardour zu schicken.

Für die Mac-OS-X-Version von Ardour bietet Ardour.org fertig lauffähige Installationspakete an. Vor dem Download muss der Nutzer eine Spende in selbst gewählter Höhe via Paypal überweisen. Abonnenten bekommen das Vollpaket ohne zusätzliche Spende. Eine Demoversion des Mac-Pakets mit leicht eingeschränkten Fähigkeiten lässt sich auch kostenlos herunterladen. Davis will auch für Linux Ardour3 in einer solchen sofort startbereiten Binärversion auf gleiche Weise anbieten. Dieses Gebaren mag befremdlich erscheinen, weil freie Software meist auch als Binärpaket kostenlos bleibt. Das Vertriebskonzept bedeutet aber nicht, dass das Ardour-Projekt vom Prinzip freier Software abwiche: In jedem Fall bleibt der Download der Quelltexte für den Eigenbau GPL-konform frei zugänglich. So stellt es auch kein lizenzrechtliches Problem dar, Ardour in Linux-Distributionen zu integrieren.

Glossar

Digitale Audio-Workstation

Eine DAW vereint diverse Software, welche die Funktionalität von Tonbandmaschinen und Mischpult in einem traditionellen Tonstudio nachbildet. Ein solches virtuelles Studio lässt sich durch Plugins für Effekte und Klangsynthese erweitern und bietet deutlich mehr Möglichkeiten für den Schnitt von Audio-Material als traditionelle Hardware.

Gate

Ein Gate (engl.: Tor, Pforte) erlaubt es, eine Lautstärke zu bestimmen, ab der eine Audio-Aufnahme stumm geschaltet wird. In Gesangsaufnahmen enthalten die Pausen zwischen den einzelnen Worten oft sehr leise Geräusche, besonders das Atmen des Interpreten. Ein Gate setzt solche leisen Geräusche automatisch auf Null, womit die ganze Aufnahme sauberer wirkt.

LADSPA

Linux Audio Developer's Simple Plugin API. Eine freie Schnittstelle für Audio-Effekte und Filter unter Linux. LADSPA-Plugins kommen beispielsweise für Effekte wie Hall, Chorus oder Delay zum Einsatz. LADSPA ersetzt unter Linux proprietäre Systeme wie VST von Steinberg.

Regionen

Ardour bearbeitet Klangdateien nicht direkt, sondern verwaltet Anweisungslisten für deren Abspielen. Regionen nennt man die Abschnitte in den Spuren, die jeweils für eine solche Anweisungsliste stehen. Sie sehen wie Schnipsel von klassischen Tonbändern aus und zeigen eine grafische Darstellung des Sounds. So lassen sich Audio-Ressourcen in einem Projekt nach Bedarf klonen und schneiden, ohne die ursprünglichen Aufnahmen tatsächlich manipulieren zu müssen.

Pianoroll-Editor

Das Werkzeug zeigt eine Art Notenblatt. Ein Streifen an dessen linkem Ende enthält eine Piano-Tastatur. Klicks darauf lassen die entsprechenden Töne erklingen, im Notenblatt bearbeiten Sie die (meist als Balken dargestellten) MIDI-Noten in einem Matrixsystem oder tragen neue ein.

LV2

Der Nachfolger von LADSPA. Mit LV2 lassen sich anders als mit LADSPA auch Noten und Controller-Events an virtuelle Klangerzeuger wie Synthesizer und Sampler schicken. Außerdem ermöglicht es individuelle grafische Oberflächen der einzelnen Plug-Ins.

VST

Virtual Studio Technology. Ein Schnittstellenstandard, der Anfang der 1990er Jahre von der Firma Steinberg für Windows entwickelt und als proprietäre Freeware angeboten wurde. VST lässt sich in Audio-Programme einbauen, die dann als sogenannter Plugin-Host Effekte und Klangerzeuger aus Windows-DLL Bibliotheken laden können.

Infos

[1] Ardour: http://ardour.org

[2] Neue MIDI-Funktionen: http://ardour.org/a3_features_midi

[3] CALF Audio-Plugins: http://calf.sourceforge.net

[4] Ardour-Bugtracker: http://tracker.ardour.org

[5] Ardour-Mailinglisten: http://ardour.org/support#mlists

Der Autor

Hartmut Noack arbeitet in Berlin als Dozent, Autor und Musiker. Er fand schon immer, dass freie Software und selbst gemachte Musik gut zusammenpassen. Wenn er nicht gerade vor seiner Linux-Audio-Workstation sitzt, treibt er sich auf Webservern herum. Auf seinem eigenen (http://lapoc.de) stehen einige CC-lizenzierte Ergebnisse seiner Arbeit mit freier Musiksoftware zum Download bereit.

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