Wer Hilfe und Heilung sucht, der geht zum Arzt. Der Ablauf einer Konsultation erweist sich für den Patienten als einfach: Eine Krankenkassenkarte und gegebenenfalls ein 10-Euro-Schein reichen in vielen Fällen aus. Doch was passiert auf der anderen Seite der Rezeption beziehungsweise des Arztschreibtisches?
Ein Besuch in einer Facharztpraxis im Saarland holt es ans Licht. Der Arzt, ein Orthopäde, hat sich für Linux entschieden, als er seine Arztpraxis eröffnete, und sich vorgenommen, seine internen Arbeitsabläufe und das Verwalten der Patientenkartei komplett papierlos zu bewältigen. Damit stellte sich natürlich die Frage, welche Praxisverwaltungssoftware (PVS) komplett unter Linux lauffähig ist.
Entwicklungshürden
In medizinischen Bereich reicht es nicht aus, sich einfach eines Produkts aus einem Open-Source-Projekt zu bedienen, denn Arztpraxen und insbesondere die für die Abrechnungen zuständige Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) stellen bestimmte Forderungen an Praxisverwaltungssoftware, die Open-Source-Projekte nicht ohne Weiteres erfüllen, zum Beispiel beim Thema Abrechnung [1]. Neben dem Verwalten der Patientendaten gehören zu einer zeitgemäßen Praxissoftware auch der Zugriff auf Datenbanken für Arzneimittel, die Möglichkeit, Formulare auszudrucken sowie zu guter Letzt eine Software zum Abrechnen der Kosten.
Arzneimitteldatenbanken stehen als separate Produkte bereit, die sich in eine Praxissoftware eingearbeitet lassen. Ein Programm zum Abrechnen zu entwickeln, stellt jedoch eine nicht zu unterschätzende Aufgabe dar. Daher reicht es also nicht aus, sich als Arzt eines Tools wie zum Beispiel GNUmed [2] zu bedienen, das selbst kein entsprechendes Modul beinhaltet. Wie kompliziert die Situation in Deutschland ist, beschreibt der Kasten "Fallstrick Gesundheitssystem".
Fallstrick Gesundheitssystem
Warum gestaltet sich das Entwickeln einer Abrechnungssoftware so schwierig? Die KBV hatte mit Beginn der EDV-Abrechnung 1988 die Aufgabe, das Datenformat für den Transfer der Daten von Arztpraxen und Kliniken zur kassenärztlichen Vereinigung zu definieren (Abbildung 1). Das klingt soweit erst einmal gut. Die bundesweite KBV fasst allerdings lediglich als Dachverband die kassenärztlichen Vereinigungen der einzelnen Bundesländer zusammen (etwa die KV Bayern [3]), die ebenfalls Anforderungen definieren.
Jede Arztpraxis sieht anders aus, und dementsprechend müssen Ärzte aus einer breiten Auswahl an Praxisverwaltungssystemen die richtige Wahl für ihre Praxis treffen – eine Entscheidung mit großen Auswirkungen. Neu eingerichtete Systeme müssen viele Jahre jeden Tag betriebsfähig sein, und regelmäßige Updates gehören zum Pflichtprogramm. Dafür sorgen schon allein neue Medikamentendaten, neue Praxistechnik und Änderungen im Abrechnungsverfahren.
Um die quartalsweise Abrechnung zu erstellen und an die zuständige KV zu übermitteln, gilt es die Praxissoftware immer auf dem aktuellsten Stand zu halten. Daher müssen Änderungen in den Abrechnungsverfahren immer rechtzeitig bereit stehen. Der letzte große Wurf stand zum 1. Januar 2011 an: Bereits im Juli 2009 hatte die KVB beschlossen, eine Online-Abrechnung einzuführen [4], die mit der Abrechnung für das erste Quartal 2011 zum Einsatz kommt.
Angesichts der verschiedenen Anforderungen haben sich die Softwareanbieter darauf verlegt, ihre Produkte entsprechend der Funktionen zu modularisieren. Dabei entsprechen die Module den Anforderungen der KBV, die den Begriff Praxisverwaltungssystem (PVS) genau definiert hat. Ein PVS besteht demnach aus zwei Teilen: Der erste Teil kümmert sich um das Verwalten der Patientendaten, der zweite Teil um die besagte elektronische Abrechnung.
Die KBV regelt zudem genau die Situation, wenn eine Praxissoftware weitere Funktionen beinhaltet, die nicht Teil des PVS sind, aber mit diesem zusammenarbeiten. Wenn diese Funktionen mit dem PVS zusammenspielen, handelt es sich per Definition nicht mehr um ein PVS, sondern um ein "Kombisystem", das aus dem PVS und mindestens einem Subsystem besteht.
Praxiseinsatz
In der orthopädischen Facharztpraxis geht nichts ohne Linux. Das Herzstück bildet ein Linux-Server, auf dem OpenSuse in der derzeit aktuellen Version zum Einsatz kommt und der das Praxisverwaltungssystem Data Vital der Firma CompuGroup Medical Arztsysteme beherbergt (siehe Kasten "Firmenporträt"). In jedem Arztzimmer, im Empfang und im Labor stehen entsprechende Terminals bereit, von denen der jeweilige Anwender zentral auf dem Server arbeitet (Abbildung 2). Historisch bedingt läuft auf den Terminalrechnern noch Windows XP. Praktisch benötigt das System aber keine Funktionen des Betriebssystems. Die Devise lautet ganz einfach: Never touch a running system.
Firmenporträt
Das Unternehmen CompuGroup Medical Arztsysteme [5] gehört zur CompuGroup Medical AG, die außer Data Vital noch weitere Produkte aus dem medizinischen Sektor vertreibt. Die Internetseiten der KBV geben Auskunft darüber, wie häufig die Software der einzelnen Anbieter zum Einsatz kommt. Im Bereich der ADT-Abrechnungen (Abrechnung per Datenträger) platziert sich die CompuGroup Medical AG derzeit mit knapp 30 000 Installationen als Marktführer. Dabei handelt es sich aber nicht nur um Data-Vital-Installationen, denn das derzeitige Spitzensystem ist das hauseigene Produkt Medistar. Data Vital steht immerhin mit 1768 Installationen auf dem 17. Platz von insgesamt 181. In der Liste firmiert es unter dem alten Produktnamen "David". Alle Zahlen stammen vom 31.12.2009 [6].
Während sich die Arzthelferinnen am Empfang um neue Patienten oder um das Archivieren von Labor- und Fremdarztberichten kümmern, ruft sich der Arzt im seinem Zimmer die Warteliste auf und entscheidet, wen er als Nächstes aufruft. Ein integriertes Terminmanagement arbeitet vorgeschaltet vor die Warteliste, so dass die Arzthelferinnen nicht vergessen, wer für den laufenden Tag noch eingeplant ist.
Über das System hat der Arzt jederzeit Zugriff auf die Patientenakte, um sich vorzubereiten, selbst dann, wenn der Patient bereits in einem anderen Zimmer wartet. Diese Akte enthält neben eigenen Berichten zum Patienten auch Unterlagen, die er von anderen Ärzten oder medizinischen Einrichtungen erhalten hat. Liegen diese nicht in digitaler Form vor, gelangen Sie via Einscannen in die elektronische Patientenkartei. Dementsprechend gehört der Scanner zu den wichtigsten Arbeitsgeräten in der papierlosen Praxis, um neue Dokumente zu digitalisieren. Ein gutes Dokumentenmanagement ist also auch eine Funktion, die eine Praxissoftware bereitstellen muss.



