Ubuntu 10.04.1

Als letzter Proband kam Ubuntu "Lucid Lynx" in der bereits fehlerbereinigten Variante vor. Wie bei Ubuntu üblich, lief die Installationsroutine ohne Probleme durch. Nach dem Neustart erkannte Ubuntu ohne weitere Einstellungen Display inklusive Stift und ließ sich sofort damit steuern. Patzer leistete sich die Distribution jedoch beim Energiemanagement: Hier trat der gleiche Effekt beim Parken der Festplattenköpfe auf wie bei Fedora. Die Entwickler wären gut beraten, endlich ihre Hausaufgaben zu machen und durch entsprechende Modifikationen das unsinnige Herunterfahren der Festplatten abzustellen.

Ein weiteres, Ubuntu-typisches Manko liegt in der nach einer Standard-Installation unvollständigen Sprachunterstützung. Dieses Problem mag bei einem stationär betriebenen und per DSL-Anschluss mit dem Internet verbundenen Rechner noch tolerabel sein; bei Mobilsystemen mit UMTS/HSPA-Zugang ist die Nachinstallation der Sprachdateien aus dem Netz jedoch eine Zumutung, da die drahtlosen Internet-Zugänge in nahezu allen Fällen vom Datenvolumen her kontingentiert sind (Abbildung 3).

Abbildung 3: Unvollständige Lokalisation unter Ubuntu erfordert umfangreiches Nachinstallieren.

Infolge der unvollständigen Lokalisation herrscht in den Applikationsmenüs ein Chaos, einige liegen nur in englischer Sprache vor. Zudem patzt Ubuntu durch teils falsche Providereinstellungen beim HSPA-Internet-Zugang, so dass speziell Anfängern eine Verbindung ins Internet nur mit erheblichem Aufwand gelingt.

Ein weiteres Manko liegt in der fehlenden Webcam-Software. Zwar erkennt das Setup die im Lenovo X200t eingebaute Chicony-Webcam korrekt und lädt mit uvcvideo das entsprechende Modul. Eine passende Applikation zum Einsatz der Webcam suchen Sie jedoch vergebens. Als einzige Distribution im Test hatte Ubuntu 10.04.1 zudem Probleme mit dem in den Lenovo-Tablet-PC integrierten Kartenleser: Eingelegte SD-Karten ließen sich nicht im laufenden Betrieb korrekt aus dem System entfernen, sondern produzierten nachvollziehbar beim Aushängen eine Fehlermeldung (Abbildung 4).

Abbildung 4: Beim Aushängen von Wechseldatenträgern schlampt Ubuntu gelegentlich.

Die Installation des FBReaders ebenso wie die der Cheese-Webcam-Software erledigen Sie unter Ubuntu 10.04.1 immerhin komfortabel über das Software-Center, das die zahlreichen Abhängigkeiten direkt korrekt auflöst und somit Einsteiger nicht vor unüberwindbare Hürden stellt.

Fazit

Der Distributionstest auf dem Lenovo X200t-Tablet-PC offenbart teils sehr große Defizite beim Zusammenspiel von Hard- und Software sowie der Ausstattung mit aufgabenspezifischer Software. Als Testsieger geht eindeutig Mandriva 2010.1 Spring durchs Ziel, dicht gefolgt von OpenSuse 11.3. Die beiden Distributionen können Sie nahezu ohne Einschränkungen mit dem Tablet-PC nutzen. Bei OpenSuse erfordern dazu lediglich die Einstellungen zu den Energiesparoptionen noch etwas manuelle Nacharbeit.

An dritter Stelle folgt – mit deutlichem Abstand – Ubuntu "Lucid Lynx". Während auch Linux-Neulinge die fehlende Software zum Ansteuern der Webcam noch leicht in den Repositories finden, nerven die völlig überzogenen Einstellungen zum vermeintlichen Energiesparen der Festplatte. Diese Problematik ist umso ärgerlicher, weil die Bugs bereits seit vielen Ubuntu-Versionen bekannt, aber immer noch nicht zuverlässig behoben wurden [5]. Da das ständige Parken der Festplattenköpfe den Verschleiß der Platte auf Dauer drastisch erhöht, heißt es unter den gegebenen Umständen: Einsteiger, Hände weg von Ubuntu.

Fedora 13 und Linux Mint Debian Edition schließlich eignen sich in den getesteten Varianten auf dem Tablet-PC überhaupt nicht für den Einsatz mit dem Stift. Die beiden Kandidaten hinterlassen bestenfalls den Eindruck einer Software im frühen Betastatus. Defizite in diesem Ausmaß tragen nicht nur dazu bei, die Mär von der angeblichen Untauglichkeit des freien Betriebssystems als Allrounder auf dem Desktop zu zementieren, sondern schrecken zusätzlich potentielle Interessenten vom Wechsel zu Linux ab. Den Entwicklern wäre daher dringend anzuraten, endlich ihre Hausaufgaben zu erledigen. Wie es deutlich besser geht, zeigen eindrucksvoll die beiden Testsieger. 

Glossar

IPS

In Plane Switching. Technologie, bei der die Elektroden im Display parallel in einer Ebene angeordnet sind. Dadurch verringert sich die Blickwinkelabhängigkeit des Kontrastes und die Schaltzeit des Bildschirms.

Infos

[1] IP-Web GmbH: http://www.ip-web.de

[2] FBReader: http://www.fbreader.org

[3] Infos zu nicht-unterstützten Komponenten: http://reactivated.net/fprint/wiki/Unsupported_devices

[4] Bugs im LMDE-201012-Installer: https://bugs.launchpad.net/linuxmint/+bug/694177

[5] Festplattenproblematik unter Ubuntu: http://wiki.ubuntuusers.de/Notebook-Festplatten-Bug

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Kommentare
Sehr hilfreich Artikel
Peter (unangemeldet), Freitag, 25. August 2017 10:22:35
Ein/Ausklappen

Sehr guter Artikel. Er spricht die typischen Linux-Schwaechen an, wird an keiner Stelle unsachlich und hilft, die größeren Probleme sicher zu umschiffen. Das gibt's in keinem Linux-Forum.



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