Editorial 05/2011

Krisenfest

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

im zwanzigsten Jahr seiner Geschichte sieht sich Linux vor eine ganze Reihe von Herausforderungen gestellt. Die letzten sechs Monate wimmelten von Ereignissen, die jedem Anhänger des freien Betriebssystems im Besonderen die Stirn in Sorgenfalten legen.

Da wäre zum einen die Übernahme von Sun durch Oracle, in deren Folge durch Ausgrenzung der Community zahlreiche freie Projekte – darunter MySQL, Hudson, OpenOffice.org und sogar Java – zumindest zeitweilig ins Wackeln gerieten. Bei OOo führte das sogar zur spektakulären Abspaltung der Community in die Document Foundation und zum Fork in LibreOffice. Nicht lange darauf geriet Novell unter den Hammer und wechselte für brutto 2,2 Milliarden Dollar den Besitzer, was nicht nur Sorgen um die Zukunft des 2004 von der Mega-Company zugekauften Suse Linux GmbH und deren Community-Varianten OpenSuse wach werden ließ: Schnell wurde klar, dass ein wesentlicher Teil des Deals aus dem Verkauf hunderter Novell-Patente an eine Investorengruppe unter Microsofts Führung besteht.

Für einen weiteren Paukenschlag sorgte Nokia. Statt wie erwartet die nächste Generation seiner Mobiltelefone mit dem Linux-basierten Maemo/Meego und Qt-basierter Software zu befeuern, vollzog der finnische Riese über Nacht eine Kehrtwende: Windows Phone 7 löst bei Nokia nun Linux komplett ab, Qt (das auch für KDE als Basis dient) verkauften die Finnen kurz darauf. Weltweit Schlagzeilen machte schließlich jüngst die Meldung, dass das Auswärtige Amt nach acht Jahren Linux-Einsatz komplett zurück zu Windows XP (!) und proprietären Lösungen wie MS Office wechselt. Diese Rolle rückwärts begründete das deutsche Außenministerium laut eines durchgesickerten internen Papiers mit mangelnder Akzeptanz bei den Anwendern, Inkompatibilitäten beim Dokumentenaustausch und zu hohen Kosten – obwohl man bisher immer angab, mit Linux zweistellige Millionensummen eingespart zu haben.

Unser Schwesterblatt Linux-Magazin hat die Ereignisse in seiner aktuellen Ausgabe 05/2001 zu einem sehr lesenswerten Schwerpunkt kompiliert [1] und geht darin ausführlich der Frage nach, ob und wieweit Novell, Oracle, Nokia & Co. Linux' Kronjuwelen gefährden. Ist Linux in einer – möglicherweise lebensbedrohlichen – Krise?

Was die Geschehnisse rund um Oracle und Novell betrifft, genügt schon ein Blick auf die Heft-DVDs dieser Ausgabe: Das frisch erschienene OpenSuse 11.4 erinnert qualitativ an die besten Tage von Suse, LibreOffice 3.3 zieht in Sachen Funktionen und Features schon jetzt deutlich am Oracle-gebremsten OpenOffice 3.3 vorbei. Beide Projekte demonstrieren damit – das eine nach dem Freischwimmen von Novell, das andere nach der Trennung von Oracle – dass die Einflussnahme von Konzernen freie Software eher hemmt als fördert.

Was die Novell-Patente angeht: Damit will sich Microsoft wohl eher für die laufenden und künftigen Patentkriege rund um Smartphones und Tablets absichern, als Linux anzugreifen, mit dem man ja mittlerweile via Novell/Suse in Redmond ein gutes Geschäft macht. Nokia hat sich mit dem Wechsel zu Windows so offensichtlich ins Knie geschossen, dass die Börsenkurse nach der Entscheidung teils dramatisch einbrachen. Die neuesten Vorhersagen [2] prognostizieren für den Mobilfunktmarkt von 2015: Android – 40 Prozent, Windows Phone – 20 Prozent.

Kein Grund zur Sorge um Linux also – das wächst und gedeiht, vor allen Dingen im immer wichtiger werdenden Mobilbereich. Anlass zu Kopfschmerzen gibt da eher das Auswärtige Amt: Von Aspekten wie der Kostenfrage und offenen Dokumentenformat einmal ganz abgesehen, erscheint es in der Cyberwar-Ära schon aus Sicherheitsgründen höchst seltsam, vom quelloffenen und gut abschottbaren Linux auf ein notorisch von Attacken aller Art heimgesuchtes Betriebssystem wie Windows zu wechseln. Man kann nur hoffen, dass es dem AA nicht irgendwann so geht wie dieser Tage dem Landratsamt Gotha: Das musste Anfang April tagelang zusperren [3], weil die gesamte (Windows-)IT aufgrund einer Wurm-Infektion ausfiel. Sie wissen schon: Mit Linux wär …

Herzliche Grüße,

Jörg Luther

Chefredakteur

Infos

[1] Linux-Magazin 05/2001: http://tinyurl.com/lu1105-lm1105

[2] IDC-Smartphone-Studie: http://tinyurl.com/lu1105-smartphone

[3] Wurm im LRA Gotha: http://tinyurl.com/lu1105-gotha

LinuxCommunity kaufen

Einzelne Ausgabe
 
Abonnements
 
TABLET & SMARTPHONE APPS
Bald erhältlich
Get it on Google Play

Deutschland

Kommentare

Infos zur Publikation

LU 12/2016: Neue Desktops

Digitale Ausgabe: Preis € 5,99
(inkl. 19% MwSt.)

LinuxUser erscheint monatlich und kostet 5,95 Euro (mit DVD 8,50 Euro). Weitere Infos zum Heft finden Sie auf der Homepage.

Das Jahresabo kostet ab 86,70 Euro. Details dazu finden Sie im Computec-Shop. Im Probeabo erhalten Sie zudem drei Ausgaben zum reduzierten Preis.

Bei Google Play finden Sie digitale Ausgaben für Tablet & Smartphone.

HINWEIS ZU PAYPAL: Die Zahlung ist ohne eigenes Paypal-Konto ganz einfach per Kreditkarte oder Lastschrift möglich!

Aktuelle Fragen

Drucker Epson XP-332 unter ubuntu 14.04 einrichten
Andrea Wagenblast, 30.11.2016 22:07, 2 Antworten
Hallo, habe vergeblich versucht mein Multifunktionsgerät Epson XP-332 als neuen Drucker unter...
Apricity Gnome unter Win 10 via VirtualBox
André Driesel, 30.11.2016 06:28, 2 Antworten
Halo Leute, ich versuche hier schon seit mehreren Tagen Apricity OS Gnome via VirtualBox zum l...
EYE of Gnome
FRank Schubert, 15.11.2016 20:06, 2 Antworten
Hallo, EOG öffnet Fotos nur in der Größenordnung 4000 × 3000 Pixel. Größere Fotos werden nic...
Kamera mit Notebook koppeln
Karl Spiegel, 12.11.2016 15:02, 2 Antworten
Hi, Fotografen ich werde eine SONY alpha 77ii bekommen, und möchte die LifeView-Möglichkeit nu...
Linux auf externe SSD installieren
Roland Seidl, 28.10.2016 20:44, 1 Antworten
Bin mit einem Mac unterwegs. Mac Mini 2012 i7. Würde gerne Linux parallel betreiben. Aber auf e...