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© Pete Saloutos, 123rf.com

Fit für die Zukunft?

Die Neuerungen in OpenSuse 11.4

21.04.2011
Der Wind im Distributionsmarkt wird rauer. Bringen die Nürnberger mit OpenSuse 11.4 ein Release, das bei den Anwendern ankommt, oder verlieren sie weiter Marktanteile?

Wer sich von der Mitte März erschienen OpenSuse 11.4 [1] dramatische Änderungen versprochen hat, der sieht sich enttäuscht: Die meisten Modifikationen verbessern das System nur im Detail. Wie immer bringt die Distribution die derzeit aktuellste Software mit. Sie setzt auf den Kernel 2.6.37 und KDE 4.6 als Standarddesktop, bringt aber auch Gnome 2.32, XFCE 4.8 und LXDE 0.5 mit. Als Installationsmedien gibt es DVDs für 32- oder 64-Bit-Systeme, Live-CDs für KDE und Gnome sowie eine Netzwerk-Installations-CD. Auch der Build-Service [2] unterstützt die aktuelle OpenSuse-Version, sodass Sie eine eigene darauf basierende Distribution erstellen können – beispielsweise mit Enlightenment oder komplett ohne GUI.

Getreu dem Codenamen "Celadon" (eine chinesische Keramikart) erscheint OpenSuse 11.4 in einem grauen Grün. Der Splash-Screen und das Hintergrundbild orientieren sich am aktuellen KDE-4.6-Design. Wem das nicht gefällt, der findet im Paket kdeartwork4-wallpapers interessante Alternativen, konservative Suse-Fans greifen zu gos-wallpaper. Für ein einheitliches Aussehen von KDE- und Gnome-Anwendungen finden Sie im Build-Service zum Beispiel fertige Pakete des Symbolthemas Faenza (Abbildung 1) für KDE und Gnome.

Abbildung 1: Das Icon-Theme Faenza bringt frischen Wind auf den KDE- und Gnome-Desktop, gehört allerdings nicht zum Standardumfang von OpenSuse 11.4.

Up to date

Wie gewohnt bringen Sie auch OpenSuse 11.3 per zypper dup ohne Neuinstallation auf den aktuellen Stand von OpenSuse 11.4. Dabei gilt es unbedingt als erstes das Paket rpm aufzufrischen. Dazu passen Sie zunächst die Repositories an und geben danach folgende Befehle in der Shell ein:

$ sudo zypper refresh
$ sudo zypper install rpm
$ sudo zypper dup

Um künftig lästige Versionswechsel zu vermeiden, können Sie nach dem Upgrade auf das Rolling-Release-Repository Tumbleweed von Greg Kroah-Hartmann umsteigen, das für einen stets topaktuellen Kernel und laufend brandneue, aber dennoch geprüfte Software garantiert. Damit bietet es eine stabile Zwischenlösung gegenüber Factory (allerneueste Pakete) und der jeweils aktuellen OpenSuse-Version.

Um Tumbleweed zu benutzen, fügen Sie zuerst über Zypper das nötige Repo hinzu (Listing 1, Zeile 1). Dann setzen Sie die Priorität des Repos und führen Schließlich ein Upgrade sämtlicher Pakete durch (Listing 1, Zeilen 2 bis 4). Dabei müssen Sie auch den Schlüssel des Repos akzeptieren. Anschließend bekommt Ihr OpenSuse-System zukünftig sukzessive für die Nachfolgeversion bestimmte Pakete.

Listing 1

$ sudo zypper ar -f http://download.opensuse.org/repositories/openSUSE:/Tumbleweed/standard/ tumbleweed
$ sudo zypper mr -p 50 tumbleweed
$ sudo zypper refresh
$ sudo zypper dup

Gut gemacht

OpenSuse 11.4 nimmt als erste Mainstream-Distribution LibreOffice (in Version 3.3.1) an Bord. Dank der Firefox 4 Beta 12 (Abbildung 2) bringt OpenSuse einen recht schnellen Standardbrowser mit, der zudem auch das per GPU beschleunigtes Videoplayback unterstützt und von Haus aus WebM-kodierte Filme und Audiodateien abspielt.

Abbildung 2: Als Standardbrowser verwendet OpenSuse Firefox 4 Beta, den das automatisch Update aber nach der Installation direkt auf die stabile Variante hebt..

Die Grafikseite wartet mit einigen positiven Überraschungen auf. So kommen die meisten Notebooks mit integrierter ATI/AMD-Grafik problemlos mit den freien ATI-Treibern klar. Auch der Intel-Treiber verrichtet seine Arbeit auf den meisten Systemen besser. Dank des Kernels 2.6.37 reagiert das System auch mit "nur" 1 GByte RAM für einen KDE-Desktop erfrischend flott. Der bereits bekannte Bug mit den proprietären Nvidia-Treibern auf 32-Bit-Systemen [3] dürfte bei Besitzern entsprechender Grafikkarten aber eher für Unmut sorgen.

Unter der Haube erfuhr auch das Paketmanagement-Werkzeug Zypper einige Verbesserungen. So lädt es die RPM-Dateien jetzt über das Backend MultiCurl herunter und unterstützt dabei auch Verbindungen über Zsync und Metalink. Dadurch benötigt oft weniger Dateien zum Download.

KDE 4.6

Als Standard-Desktop verwendet OpenSuse nach wie vor KDE. In Version 4.6 räumten die Entwickler zahlreiche Baustellen auf und sorgten an einigen Punkten für eine bessere Bedienung. Dazu gehören unter anderem die Akku-Anzeige, die jetzt wieder eine Zeitangabe enthält. Das Netzwerkmanager-Frontend wurde ebenfalls überarbeitet, verwaltet aber wegen eines Bugs bislang noch keine 3G-Verbindungen. Auch der Indizierer Nepomuk, der eine semantische Suche ermöglicht (Abbildung 3), verrichtet seine Dienste nun ressourcenschonender.

Abbildung 3: Die semantische Suche via Nepomuk funktioniert unter KDE 4.6 zum ersten Mal so, wie der Anwender es erwartet.

In vielen Bereichen klappt auch das Zusammenspiel von KDE- und Gnome-Programmen besser. So starten KDE-Anwendungen wie Digikam unter Gnome nun deutlich schneller und beanspruchen weniger Hauptspeicher. Generell benötigt der KDE-Desktop nach dem Systemstart knapp 1 GByte RAM, Gnome kommt mit 600 MByte aus.

Die KDE-Anwendungen nutzen in Version 11.4 das Gstreamer-Backend von Phonon. Dadurch steht zum Beispiel in Amarok der MP3-Support ohne zusätzliche Pakete zur Verfügung. Konqueror erlaubt das Nutzen der WebKit-Layout-Engine. Laut offiziellem Feature-Announcement gilt sie eigentlich als Standard, unsere Testinstallation setzt aber weiterhin auf KHTML. Um die Engine zu ändern, öffnen Sie das Menü Einstellungen | Konqueror einrichten und setzen dann auf im Reiter Allgemein den Eintrag Standard-Webbrowser-Modul auf WebKit.

Bei der PIM-Software Kontact nutzt OpenSuse 11.4 weiterhin das traditionelle KMail ohne Akonadi-Anbindung. Damit müssen Sie zwar auf einige Features verzichten, wie etwa den Abgleich von Adressen und Kontakten mit Google Mail, bekommen aber im Gegenzug eine stabile Programmversion.

Starker Gnome-Desktop

Die Optik des Gnome-2.32-Desktops in OpenSuse 11.4 wirkt auf den ersten Blick dröge, doch lässt sich damit sehr gut und schnell arbeiten. Gnome-Fans installieren das System am geschicktesten über die Live-CD zu installieren oder wählen bei der Installation von DVD gleich den Gnome-Desktop aus. Bei einer nachträglichen Installation kommt es sonst unter anderem zu Problemen mit dem Login-Manager.

OpenSuse bietet neben Novells F-Spot nun auch Shotwell als Fotoverwaltung für Gnome an und stellt die neueste Banshee-Version 1.9.3 bereit. Der Musikplayer mausert sich immer mehr zum Multimedia-Talent und spielt auch Videos ab. Ein erster Blick auf die Gnome-Shell (Abbildung 4) überraschte positiv, eine entsprechende Live-CD planen die Nürnberger für das finale Release von Gnome 3.0.

Abbildung 4: Gerüstet für die Zukunft: OpenSuse 11.4 bringt eine Vorabversion der Gnome-Shell mit.

Die meisten Neuerungen auf dem Gnome-Desktop erfuhr das Mail-Programm Evolution, dessen frühere Versionen an vielen Bugs, einem umständlichen Setup und langsamen Mail-Abruf krankten. Die zahlreiche Bugfixes der in OpenSuse 11.4 enthaltenen Version 2.32.1 machen den Gnome-Mailer vor allem bei IMAP-Zugriff zu einer echten Alternative. So war im Test das Erstindizieren eines Folders mit rund 25 000 E-Mails nach nur knapp 2 Minuten erledigt – doppelt so schnell wie bei älteren Versionen und auch nicht langsamer als bei Kontact unter KDE. Auch das Einrichten eines Kontos fällt nun leichter: Um etwa einen Google-Account einzubinden, genügt die Angabe von E-Mail-Adresse und Kennwort. Die restlichen Einstellungen erledigt Evolution automatisch.

Nach immer wartet Evolution aber auf den kompletten Inhalt eines Ordners, bevor es die Header-Dateien anzeigt, was speziell beim Indizieren größerer Mailboxen lästig fällt. Eine laufende Anzeige während des Einlesens beherrscht von den drei großen Mailprogrammen Evolution, KMail und Thunderbird zurzeit nur letzterer. Er ist in Version 3.1.7 mit dabei und bietet zwar den schnellsten IMAP-Support, benötigt dafür wesentlich mehr Systemressourcen als seine Kontrahenten Evolution und Kontact.

Übliche Schwachstellen

OpenSuse 11.4 bringt zwar viele aktualisierte Programme mit, zeigt aber zumindest auf dem Desktop keinerlei Innovationen. Zudem gilt auch bei dieser Version, dass einige Regressionen den Weg zurück ins System fanden. So klappt zum Beispiel unter KDE die Netzwerkverbindung über 3G nicht, von einem flackerfreien Bootvorgang ist OpenSuse weiter entfernt denn je. Auch auf den eigentlich geplanten Umstieg von SysV-Init auf das schnellere Systemd verzichteten die Entwickler, immerhin steht die Software aber für Testwillige in den Repositories bereit.

Der Hardware-Sammeldienst Smolt, der Informationen über die benutzte Hardware an eine zentrale Datenbank übermittelt, quittiert seinen Dienst unter KDE mit der Information, dass HAL fehlt. Dieser wurde aber in Version 11.4 entfernt und durch Udev & Co. ersetzt. Schließlich nervt auch das für die Installation von Online-Updates benutzte KPackageKit (Abbildung 5) mit doppelten Passworteingaben und unnötigen Dialogen. Abhilfe dürften in den meisten Bereichen die Online-Updates bringen.

Abbildung 5: Zwar sieht das KPackageKit-Frontend hübsch aus, allerdings nervt es mit zahlreichen Passwortabfragen.

Beim Netzwerkmanager fährt OpenSuse eine zweigleisige Strategie: So bringt es einerseits den veralteten, aber funktionierenden KNetworkManager mit, andererseits aber auch das neue KDE-Miniprogramm, das Sie im Paket plasmoid-networkmanagement finden. Achten Sie bei der Installation von OpenSuse auf einem Notebook darauf, das WLAN-Modul eingeschaltet zu haben. Ist die WLAN-Karte bei der Installation nicht aktiv, dann richtet OpenSuse den Netzwerkmanager nicht ein. Sie müssen dann die WLAN-Verbindung umständlich über YaST konfigurieren beziehungsweise über die Netzwerkeinstellungen von YaST zunächst zum Netzwerkmanager zurückwechseln.

Fazit

In den meisten Bereichen erfüllt OpenSuse 11.4 die Erwartungen, die der Anwender an eine aktuelle Linux-Distribution stellt. Auch der Hardware-Support bereitete in ersten Tests keinerlei Schwierigkeiten. Dennoch trüben auch bei dieser Version ein paar unschöne Fehler aus älteren Tagen sowie der eher langwierige Bootvorgang das sonst durchaus positive Bild. Die meisten Fehler dürften die kommenden Online-Updates beheben. Am Bootvorgang müssen die Entwickler aber noch feilen. Mit dem Rolling-Release-Repo Tumbleweed geht das OpenSuse-Projekt den richtigen Schritt in die Zukunft. 

Glossar

WebM

Von Google angestoßener, lizenzkostenfreier Standard zur Verbreitung von Mediendateien, auf Basis des Video-Codecs VP8, des Audio-Codecs Vorbis und des Matroska-Containerformats. WebM ist als HTML5-Videostandard vorgesehen und wir bereits von Mozilla und Opera unterstützt.

Infos

[1] OpenSuse: http://opensuse.org/de/

[2] OpenSuse-Build-Service: https://build.opensuse.org

[3] Bereits bekannte Bugs: http://en.opensuse.org/openSUSE:Most_annoying_bugs_11.4

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