Editorial

Klare Ansage

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

im Vorfeld von Ubuntu 11.04 sorgte Canonical immer wieder für Schlagzeilen – zuletzt im Zusammenhang mit der Ablösung des bisherigen Mediaplayers Rhythmbox durch Banshee: Der nämlich bringt zum Einkauf von MP3-Musikstücken einen Link in den Amazon-Store mit, für jeden Klick darauf erhält das Banshee-Projekt einen Centbetrag aus Amazons Affiliate-Programm. Dabei kommt inzwischen eine ganz erkleckliche Summe zusammen, rund 1000 US-Dollar im Monat [1], die Banshee komplett als Spende an die gemeinnützige Gnome Foundation durchreicht [2].

Bei Canonical, das mit dem Ubuntu One Music Store ein Konkurrenzangebot betreibt, weckte die potenzielle Einnahmequelle offensichtlich Begehrlichkeiten. Für das künftig in Ubuntu enthaltene Banshee gäbe es zwei Möglichkeiten, ließ Canonical dessen Entwickler wissen: Entweder stimmten sie der Abgabe von 75 Prozent der erzielten Amazon-Affiliate-Umsätze an Canonical zu, oder man werde den Amazon-Store in Banshee deaktivieren [3]. Die Banshee-Entwickler entschieden sich für die Deaktivierung: So wären die Affiliate-Codes unverändert geblieben, was den Benutzern die Möglichkeit gegeben hätte, den Shop manuell zu reaktivieren und weiter den vollen Bonus der Gnome Foundation zukommen zu lassen.

Wohlgemerkt: Die MIT-Lizenz des Banshee-Projekts hätte jegliche Änderungen auch ganz ohne Nachfrage erlaubt, formaljuristisch war Canonicals Ansinnen völlig in Ordnung. Trotzdem kam es in der Open-Source-Szene nicht gut an. Zu sehr roch Canonicals 75 Prozent für uns oder Nichts für euch nach Übervorteilung – zumal, wie viele Kommentatoren anmerkten, selbst Apple in seinem App Store "nur" 30 Prozent berechne. Als wäre das nicht genug, setzte Canonical wenig später noch eins drauf: Man teilte den Banshee-Entwicklern mit, das erste Angebot sei fälschlicherweise erfolgt – Canonical werde auf jeden Fall den Amazon-Store in Banshee aktiviert lassen und 75 Prozent der Umsätze kassieren. Wahl gäbe es da keine, aber dafür werde man die verbleibenden 25 Prozent direkt an die Gnome Foundation durchreichen und außerdem beim eigenen Ubuntu One Music Store genauso verfahren [4]. Nun kochte die Erregung erst recht hoch, begleitet von dem Vorwurf, Ubuntus Umgang mit Banshee sei zwar wohl legal, im Umgang eines Open-Source-Projekts mit einem anderen aber unmoralisch.

An dieser Stelle wurde es Mark Shuttleworth offensichtlich zu bunt, er zog die Notbremse: Ubuntu, machte er in einem Blog-Posting [5] unmissverständlich klar, ist ein kommerzielles Produkt der Firma Canonical, dessen Zweck das Erzielen von Umsätzen über Bezahldienste darstellt. Von anderen kommerziellen Linux-Desktops wie Red Hats RHEL oder Suses SLED unterscheide es sich lediglich dadurch, dass Canonical es kostenfrei zur Verfügung stelle, statt Lizenzgebühren zu verlangen. Diesem Geschäftsmodell folgend, werde man grundsätzlich wo immer möglich aus der Software der freien Upstream-Projekte Gewinn für Canonical erwirtschaften, sei jedoch ebenso grundsätzlich bereit, diesen dann mit den Projekten zu teilen.

Ubuntu ist keine Community-Distribution, sondern ein Produkt, mit dem eine Firma Umsatz erzielen will. Das ist nichts, was ein unvoreingenommener Beobachter nicht schon längst gewusst hätte. Trotzdem war diese Klarstellung überfällig, denn noch nicht einmal alle an Ubuntu Beteiligten haben diese Tatsache und ihre Konsequenzen bisher so richtig begriffen, wie Shuttleworth in dem Posting selbst ausdrücklich betont. Spätestens jetzt liegen die Karten aber offen auf dem Tisch, ist jedes Missverständnis ausgeräumt, sind die Fronten geklärt. Und das ist gut so.

Herzliche Grüße,

Jörg Luther

Chefredakteur

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