E-Books erfreuen sich stetig wachsender Beliebtheit, und so verwundert es kaum, dass sich inzwischen viele E-Book-Reader am Markt tummeln und um die Gunst der zahlungswilligen Kundschaft buhlen. Doch Kindle, Oyo und Co. weisen einige gravierende Nachteile auf: Neben den bei der Anschaffung entstehenden Kosten eignen sie sich meist nur für einige wenige, in vielen Fällen proprietäre Formate. Zudem decken die Shops der Anbieter bei weitem nicht das gesamte literarische Spektrum ab, sondern beschränken sich auf jene Titel, die den meisten Umsatz und Gewinn versprechen. Doch es geht auch ohne teure Hardware und beschränktes Literaturangebot: Mit einem Linux-PC, der Reader-Software Lucidor (http://lucidor.org) und freien Inhalten bleiben Sie wesentlich flexibler und sparen obendrein Geld.

Lucidor einrichten

Lucidor steht auf der Webseite des Projekts in Form vorkompilierter RPM- oder DEB-Paket sowie als Quellcode zum Download bereit. Mit einer Paketgröße von lediglich 1,1 MByte fällt die Software recht kompakt aus. Sie setzt einen installierten Firefox-Browser ab Version 3.0 und die XULRunner-Laufzeitumgebung voraus.

Zwar integriert sich Lucidor sehr gut in das Gnome- und XFCE-Biotop, legte jedoch im Test weder unter Fedora 13 noch unter Mandriva 2010.1 einen Starter in einem Anwendungsmenü an. Sie müssen das Programm also entweder im Schnellstart-Fenster ([Alt]+[F2]) manuell oder durch Anlegen eines eigenen Starters in einem Anwendungsmenü aufrufen.

Bibliotheken

Lucidor präsentiert sich in einem sehr einfach gehaltenen Programmfenster: Eine herkömmliches Menü fehlt ebenso wie eine Schalterleiste. Stattdessen erreichen Sie die wichtigsten Funktionen über Links auf der Startseite. Der Eingangsbildschirm schlägt außerdem bereits verschiedene, teils ungewöhnliche Titel zur Lektüre vor (Abbildung 1).

Abbildung 1: Extrem aufgeräumt und sofort nutzbar: Die Oberfläche von Lucidor.

Beim Öffnen eines E-Books teilt sich das Programmfenster in zwei Bereiche: Rechts zeigt Lucidor das geöffnete Werk an, links in Listenform das Inhaltsverzeichnis mit verlinkten Kapitelüberschriften. Mit deren Hilfe navigieren Sie schnell im Text des E-Books. Das Umschlagen der Seiten erfolgt durch die mittig am oberen Fensterrand angeordneten grünen Schalter in Pfeilform.

Damit Sie nicht mühsam im Internet die einzelnen Quellen für E-Book-Projekte zusammensuchen müssen, bringt Lucidor bereits eine stattliche Anzahl entsprechender Adressen mit. Dort finden Sie E-Book-Kataloge im freien Openpub-Format und Werke als EPUB-Dateien. Die Werksammlungen erreichen Sie durch Anklicken des Links Bibliothek öffnen auf der Startseite der Software. Anschließend klicken Sie auf die Schaltfläche Persönliche Bibliothek und rufen dann in der geöffneten Liste die gewünschte Adresse auf.

Dabei bietet Lucidor die Option, in der Bibliothek Inhalte nach unterschiedlichen Kriterien auszuwählen. Als Kriterien stehen meist Sprachvarianten und Themenbereiche zur Verfügung, viele Anbieter katalogisieren ihre Datenbestände jedoch mit weiteren Suchbegriffen. Diese Kriterien führt das linke Navigationsfenster der Software auf. Sie lassen sich miteinander kombinieren, so dass Sie eine sehr feine Vorauswahl treffen können.

Sofern Sie bereits auf der lokalen Festplatte bereits eine eigene Bibliothek angelegt haben, erreichen Sie diese über den selben Dialog durch einen Klick auf Persönliche Bibliothek. Eigene Fachbibliotheken fügen Sie durch einen Klick auf Manage collections hinzu, sodass die Suche bei großen Buchbeständen nicht zur unendlichen Geschichte ausartet. In den Bestandslisten der einzelnen Bibliotheken nehmen Sie in aller Regel zusätzlich eine Auswahl nach Metadaten vor, sofern die jeweilige Bibliothek das unterstützt. Entsprechende Meldungen zeigt Lucidor kontextsensitiv in einem gelben Balken an, der sich horizontal im Programmfenster über dessen gesamte Breite erstreckt.

Haben Sie das gewünschte Werk gefunden, laden Sie es – sofern frei verfügbar – sofort aus dem Internet herunter und integrieren es in Ihre persönliche Bibliothek. Lucidor bietet dazu einen kleinen Einstellungsdialog, der die Pfade für die lokale Ablage der EPUB-Dateien, Angaben zur Internet-Verbindung und einige optionale Anpassungen abfragt. Sie erreichen den Dialog im Programmfenster durch einen Klick auf die oben rechts befindliche Schaltfläche Datei |Vorgaben (Abbildung 2). Sind die von Ihnen gesuchten Werke nicht frei verfügbar, so erhalten Sie im Suchfenster einen entsprechenden Link angezeigt, der auf eine Informationsquelle und Bezugsmöglichkeiten zu dem gewählten Buch verweist. Folgen Sie diesem Link, so öffnet Lucidor in einem weiteren Tab die entsprechende Website.

Abbildung 2: Viel kann man bei Lucidor nicht einstellen, doch die gebotenen Optionen reichen völlig aus.

Die auf der lokalen Festplatte abgelegten Werke öffnen Sie dagegen durch einen Klick auf die Schaltfläche Datei oben rechts im Programmfenster und einem weiteren Klick auf den Menüpunkt Öffnen. Das Programm geleitet Sie sodann durch einen herkömmlichen Dateidialog und zeigt das Buch mitsamt dem Inhaltsverzeichnis im zweigeteilten Fenster an. Sofern das E-Book Grafiken oder Bilder enthält, erscheinen diese ebenfalls auf dem Display.

Da sich die Software strikt an die EPUB-Spezifikation hält, kann es bei nicht ganz standardkonformen E-Books, bei denen der Ersteller beispielsweise eingescannte Vorlagen mit Kommentaren versehen hat, zu entsprechenden Warnmeldungen kommen. Lucidor visualisiert diese in einem über die gesamte Fensterbreite reichenden gelben Balken. Die Meldungen haben jedoch meist lediglich informativen Charakter und verschwinden nach wenigen Sekunden automatisch. Alternativ entfernen Sie den Warnbalken durch einen Klick auf das graue runde Schließen-Symbol ganz rechts.

Teamwork

Lucidor bringt zur Anzeige von Online-Inhalten und zur Anlage eigener Kataloge im EPUB-Format zwei Geschwister namens Lucifox und Lucicat mit. Lucicat übernimmt das Katalogisieren von Buchbeständen im freien OPDS-Format. Daher eignet es sich insbesondere für Nutzer, die spezifische Inhalte auf einem Webserver selbst anbieten wollen. Lucifox startet automatisch, sobald Sie Online-Inhalte aufrufen. Es ermöglicht die korrekte Anzeige von Dateien im EPUB- und OPDS-Format. Da Lucifox auch einfache Webbrowser-Funktionen zur Verfügung stellt, können Sie mit Lucidor gegebenenfalls auch im Internet surfen (Abbildung 3).

Abbildung 3: Auch als einfacher Webbrowser macht Lucidor eine gute Figur.

Möchten Sie die öffentlich zugänglichen Kataloge im OPDS-Format auf Neuzugänge hin überwachen, folgen Sie auf der Startseite von Lucidor dem Link Browse Catalogs und wählen dann per Mausklick auf die Stern-Schaltfläche oben links einen entsprechenden Datenbank-Anbieter aus. Im Lucidor-Browser erscheinen dann die entsprechenden Inhalte mit weiteren Unterkategorien und Verlinkungen. Alternativ steuern Sie die Online-Kataloge via Links | Kataloge oben rechts im Programmfenster an.

Dank des modernen Bedienkonzepts von Lucidor müssen Sie bei der Suche oder der aus Lektüre mehreren Quellen nicht unterschiedliche Programmfenster offen halten. Jedes E-Book und jeden Kataloge halten Sie jeweils in einem eigenen Reiter geöffnet. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich bei den aufgerufenen Inhalten um Online- oder Offline-Datenbestände handelt.

Neue Reiter öffnen Sie durch einen Klick auf Neuer Tab direkt rechts vom letzten geöffneten Reiter. Lucidor geleitet Sie im neuen Register zunächst auf die Startseite, so dass Ihnen das volle Funktionsspektrum zur Verfügung steht. Möchten Sie aus Lucidor heraus Recherchen im Web anstellen oder auch einfach nur im Netz surfen, rufen Sie im neuen Tab durch Anklicken des Links Durch das Web browsen oder alternativ von jeder Seite aus via Links | Web die Browserfunktion mittels Lucifox aufrufen. Die Software präsentiert dann weitgehend standardkonform die jeweiligen Seiteninhalte (Abbildung 4).

Abbildung 4: Auch mehrere geöffnete Reiter mit unterschiedlichen Inhalten bringen Lucidor nicht aus der Fassung.

Thematisches und Erweitertes

Durch die enge Anlehnung an den Mozilla-Webbrowser können Sie Lucidor auch mit Firefox-Erweiterungen und Themes ausstatten, die der Software ein neues Erscheinungsbild und zusätzliche Funktionen verleihen. Den entsprechenden Dialog erreichen Sie über Datei | Add-ons. Im Test gelang es allerdings nicht, die von Mozilla für Firefox bereitgestellten Erweiterungen direkt im Webbrowser von Lucidor herunterzuladen und zu installieren, hierzu erwies sich der Umweg über Firefox selbst als unumgänglich.

Ähnlich holperig gestaltet sich der Umgang mit Extensions (Dateiendung .xpi), die Sie nach dem Herunterladen über einen herkömmlichen Dateidialog in Lucidor ein binden. Das klappt jedoch in vielen Fällen nicht, weil zwischen Extensions für Lucidor und jenen für den Webbrowser einige Inkompatibilitäten bestehen. Somit lässt sich auch diese Funktion derzeit nur eingeschränkt nutzen.

Im Gegensatz zu vielen anderen Applikationen bringt Lucidor eine ausführliche Dokumentation mit, die Sie direkt im Hauptfenster über den Link Handbuch konsultieren oder alternativ via Links | Handbuch öffnen. Da das Handbuch als EPUB vorliegt, lässt es sich auch wie jedes andere E-Book lesen: Sie sehen im rechten Teil des Programmfensters den aufgerufenen Kontext und blättern links im Inhaltsverzeichnis. Durch einen Klick oben links auf die Schaltfläche Suchen gelangen Sie zu einer einfachen Suchfunktion. Einziger Nachteil der insgesamt sorgfältig verfassten Dokumentation: Derzeit liegt sie nur in englischer Sprache vor.

Fazit

Der E-Book-Reader Lucidor glänzt vor allen Dingen durch die übersichtliche Oberfläche sowie die standardkonforme Darstellung der Inhalte. Die Möglichkeit, unterschiedliche Quellen in jeweils eigenen Reitern anzuzeigen und obendrein auch noch im Web zu surfen, macht das stabil laufende Programm auch interessant für Vielleser oder Anwender, die E-Books für das Quellenstudium nutzen. Einsteiger profitieren von der großen Zahl bereits vorkonfigurierter E-Book-Anbieter: So lassen sich auch ohne stundenlanges Suchen schnell spannende Inhalte aufstöbern. Diesen Pluspunkten stehen auf der Minus-Seite lediglich die noch nicht vollständige deutsche Lokalisierung sowie einige experimentelle Funktionen zur Anlage eigener E-Books gegenüber. Beide schmälern den positiven Gesamteindruck von Lucidor jedoch nicht. 

Glossar

OPDS

Open Publishing Distribution System. Freies Katalogformat für das Erfassen und Bereitstellen digitaler Inhalte beliebiger Formate auf unterschiedlichen Geräten. OPDS basiert auf HTTP und Atom.

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