Editorial

Time to change

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

eigentlich hatte ich ja erwartet, für mein letztes Editorial zum neuen Kurs bei Canonical [1] reichlich Prügel zu bekommen. Erwartungsgemäß goutieren echte Ubuntu-Fans meinen blasphemischen Angriff auf ihre heilige Kuh nicht, auch wenn es selbst im entsprechenden Track [2] auf Ubuntuusers.de zustimmende Beiträge gab. Wirklich überrascht hat mich aber, wie viele von Ihnen mir zu dem Thema persönlich geschrieben haben, und dass Ihre Zuschriften ohne jede Ausnahme zustimmend ausfielen. Weil in jeder der Mails die Frage nach der von mir gewählten Distributions-Alternative gestellt wurde, möchte ich mich an dieser Stelle dazu outen: Mein neuer Desktop heißt Linux Mint Debian Edition oder kurz LMDE [3].

Mein Hauptanliegen bei der Suche nach meiner persönlichen Ubuntu-Ablösung war, nach Möglichkeit bei Apt als Paketverwaltung zu bleiben. Das funktioniert nach meiner Erfahrung deutlich besser und schneller als die Konkurrenz, zudem bietet sich damit direkter Zugriff auf den wohl umfassendsten Software-Pool des Planeten. Debian Stable allerdings ist mir in Sachen Software-Versionen zu rückständig. LMDE dagegen basiert ähnlich wie Ubuntu auf Debian Testing, in das bis auf Freeze-Perioden vor einem Release ständig neue Versionen einfließen.

Das wiederum erlaubt ein Rolling Release, bei dem regelmäßige Versionsaktualisierungen entfallen können, weil die Software laufend frisch bleibt – eine sehr angenehme Sache. Ebenfalls sehr gut gefallen hat mir an Mint, dass dessen Entwickler den Basisfundus mit eigenen Verwaltungswerkzeugen und einer gut angepassten Gnome-Oberfläche ausstatten. Während das erste LMDE-Release im letzten September noch als Experiment deklariert war, hat das Projekt inzwischen diese Einschränkung fallen lassen und liefert auch eine (ursprünglich nicht vorgesehene) 64-Bit-Version der Distribution aus. Wie es der Zufall will, können Sie mit dieser Ausgabe LMDE gleich selbst einmal ausprobieren, denn vor kurzem erschien ein neuer Snapshot der Distribution, den wir auf die Heft-DVD dieser Ausgabe gepackt haben. Einen Artikel dazu finden Sie auf Seite 8.

Neben dem Betriebssystem wechselt dieser Tage auf meinem Desktop ein zweiter großer Software-Brocken die Herkunft: LibreOffice ersetzt künftig das bisherige OpenOffice. Diese Entscheidung war anders als die gegen Ubuntu von keinerlei Bauchschmerz angekränkelt. Das liegt nicht zuletzt an den praktisch nicht mehr existenten Kommunikationsmöglichkeiten zu OpenOffice.org: Oracle hat seinen Angestellten offenbar untersagt, sich zu Angelegenheiten von OOo Dritten gegenüber zu äußern.

Nicht bei Oracle Angestellte scheint es bei dem Projekt andererseits so gut wie nicht mehr zu geben: Die haben quasi en bloc zur Document Foundation und LibreOffice gewechselt. Der "Fork" fühlt sich dadurch von außen besehen bis auf die geänderten Namen ganz wie das frühere OpenOffice.org an. Was sich andererseits hinter dem Ereignishorizont der Oracle-Fassaden abspielt, bleibt völlig verborgen. Da wirkt der Name "OpenOffice" wie ein schlechter Witz.

Egal, das gerade noch rechtzeitig für die Heft-DVD dieser Ausgabe erschienene LibreOffice 3.3 [4] präsentiert sich als solides Bürosoftware-Paket mit zahlreichen nützlichen neuen Features. Praktisch alle gängigen Distributionen werden in ihren nächsten Releases ohnehin Oracles Office-Paket gegen das der Document Foundation austauschen. Ich habe schon jetzt gewechselt und kann LibreOffice nur wärmstens empfehlen.

Herzliche Grüße,

Jörg Luther

Chefredakteur

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