Toter Gaul?

Editorial

20.01.2011

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

Mit der Ankündigung der für Ubuntu in der nächsten Zukunft geplanten Neuerungen ließ Mark Shuttleworth Ende letzten Jahres zwei wahre Bomben platzen: Zum einen installiert Ubuntu ab Version 11.04 "Natty Narwhal" statt wie bisher Gnome eine eigene Benutzeroberfläche namens Unity, die es bislang nur als Netbook-Desktop zu sehen gab. Zum anderen will Shuttleworth so bald wie möglich den X-Server durch den alternativen Display-Server Wayland ersetzen (der allerdings momentan noch in den Kinderschuhen steckt).

Sieht man genauer hin, dann zeigen beide Innovationen in ein und dieselbe Richtung: Weg vom Desktop, hin zu mobilen Geräten. So präsentiert sich Unity in Sachen Layout und Bedienung ganz für kleine Bildschirme und Touchscreens hin optimiert, sprich: für Netbooks, Tablets und eventuell irgendwann sogar Smartphones. Das modular strukturierte Wayland wiederum gibt sich wesentlich leichtgewichtiger als der monolithische X-Server, was insbesondere den Einsatz auf leistungsärmerer Hardware erleichtert. Für den klassischen Desktop andererseits verheißen jedoch weder Unity noch Wayland Gutes.

Die neue Oberfläche setzt zwingend 3D-Beschleunigung voraus, nagelt eine nicht konfigurierbare Starterleiste mit monströs großen Icons am linken Bildschirmrand fest, glänzt nicht eben durch Stabilität und erhält in Sachen Usability von Rezensenten durch die Bank nur schlechte Noten. Zudem haben viele Anwendungen Schwierigkeiten in Mac-Manier mit der aus dem Fenster an den oberen Bildschirmrand verlegten Menüleiste. Mit der Ablösung des X-Servers durch Wayland dürften sich solche Probleme potenzieren: Da letzteres ein völlig anderes Darstellungsparadigma verfolgt, müssen alle Anwendungen dafür einzeln angepasst werden. Um X-Anwendungen überhaupt darstellen zu können, setzt Wayland eine zusätzliche Kompatibilitätsschicht voraus. Die Netzwerktransparenz des X Window System geht komplett verloren, man kann sich also keine Anwendungsfenster von entfernten Rechnern mehr auf den eigene Bildschirm holen.

Es macht den Eindruck, als solle aus Ubuntu salopp gesprochen das "Android für Tablets" werden: Die angekündigten Neuerungen machen nur auf den trendigen Mobilgeräten Sinn – von denen verspricht Mark Shuttleworth sich ganz offenbar eine Rekapitalisierung seiner Investitionen in Ubuntu. Das sei ihm von Herzen gegönnt, falls es denn funktioniert. Der unvermeidbare Umkehrschluss lautet aber, dass der Ubuntu-Mäzen den Linux-Desktop als toten Gaul abgeschrieben hat. Und damit liegt er meiner bescheidenen Meinung nach völlig falsch.

Per Fingertapsen auf dem Bildschirm lässt sich nicht kreativ mit einem PC arbeiten, sondern nur passiv Vorgefertigtes konsumieren. Mit zugegeben komplexen, aber auch flexiblen Lösungen wie dem X-Server geht viel von dem Charme verloren, der Unix-basierte Systeme von der Betriebssystemkonkurrenz unterscheidet. Eben diese Kreativität und Flexibilität sind es aber, die Linux für die meisten Anwender überhaupt erst interessant machen. Wenn sich meine Interessen darauf beschränken, Apps herunterzuladen und mit Hühnern nach Schweinen zu schießen, warum sollte ich dann ausgerechnet Ubuntu gegenüber Android, iOS oder Windows Phone 7 den Vorzug einräumen?

Behält Ubuntu die von Mark Shuttleworth favorisierte Linie bei, dürfte sich so mancher Desktop-Anwender schon bald dazu gezwungen sehen, sich nach einer Distributions-Alternative umzusehen. Mindestens einen User hat Ubuntu bereits jetzt verloren: mich.

Herzliche Grüße,

Jörg Luther

Chefredakteur

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