Windowmanager verwalten die Fenster der Applikationen. Unter Linux setzen sie auf die Struktur des X-Window-Systems auf, funktionieren grundsätzlich aber auch mit einem anderen Unterbau – wie etwa beim Quartz Compositor von Apple. Der modulare Aufbau des X-Window-Systems erlaubt es jedoch, Komponenten auszutauschen und durch ähnliche Software mit neuen oder anderen Features ersetzen, so auch den Windowmanager.
Die Vielfalt der Windowmanager für Linux gliedert sich grob in zwei Kategorien: Die Stacking-Windowmanager wie KWin (KDE), Metacity (Gnome) oder XFWM4 (XFCE) spielen sehr gut mit der Maus zusammen, positionieren Fenster frei und überlagern diese auf dem Desktop, so dass diese einen virtuellen Stapel (engl.: "stack") bilden.
Die andere Gruppe, die Tiling-Windowmanager, bedienen Sie optimalerweise über die Tastatur. Bei Positionieren verhindern diese das Überlappen von Fenstern weitgehend. Zu den typischen Vertretern gehören WMII2, Ratpoison, Awesome und Xmonad. Auf den ersten Blick bieten sie kaum Komfort, punkten aber bei der Effizienz und stehen daher besonders bei erfahrenen Nutzern hoch im Kurs.
Tiling-Windowmanager passen das Layout automatisch an die momentane Anzahl der Fenster an, wodurch diese die jeweils maximal mögliche Größe erhalten. Teilweise erlauben diese Fenstermanager über sehr aufwändige Konfigurationen zusätzliche Features, die manchmal mehr bieten als Metacity oder andere Stacking-Windowmanager. Das setzt aber oft ein erhebliches Einarbeiten in die Optionen voraus.
Das Beste zweier Welten
Das Beste aus beiden Welten verbinden – das gehört zu den erklärten Zielen von Bluetile [1]. Er möchte ein einfacher Tiling-Windowmanager sein, der ohne große Konfiguration funktioniert und dabei neben einer durchgängigen Tastenbedienung ausgereiften Maus-Support bietet. Das Programm findet sich noch nicht in allen Repositories, daher stellen die Entwickler Links zu verschiedenen Paketen bereit (siehe Kasten "Installation").
Installation
Auf der Homepage des Bluetile-Projekts stehen neben dem Quellcode des Programms Links zu verschiedenen Archivpaketen bereit. So enthält beispielsweise Debian "Sid" Bluetile direkt im Repository; für Ubuntu 10.04 "Lucid Lynx" sowie 10.10 "Maverick Meerkat" gibt es 32- und 64-Bit-Archive. In manchen Fällen moniert das Paketsystem fehlende Abhängigkeiten: Es fehlen die Bindings für Haskell zu Gtk und Glade. Unter Ubuntu 10.04 ließ sich das Paket aber reibungslos installieren.
Als Zielgruppe visieren die Entwickler die Anwender an, die einen Tiling-Windowmanager ausprobieren möchten, um herauszufinden, ob so etwas wie TWM ihnen beim Arbeiten nutzt, die aber nicht viel Zeit und Aufwand beim Einrichten investieren möchten, sondern schnell mit dem Ausprobieren beginnen wollen [2].
Bluetile setzt voraus, dass Sie sich im Umgang mit dem Computer wohlfühlen und aktiv virtuelle Desktops verwenden oder zumindest von deren Existenz wissen. Mehr bedarf es aber für den Umgang zum Beispiel mit Gnome auch nicht. Daher eignet sich Bluetile durchaus dazu, Metacity direkt zu ersetzen [3].
Erste Schritte
Sie starten Bluetile in einem Terminal. Das Programm übernimmt die Kontrolle, wozu es den laufenden Windowmanager beendet, ihn sich aber merkt. Bereits geöffnete Fenster bleiben zwar erhalten, Bluetile vergisst jedoch, auf welchem virtuellen Desktop diese sich befanden und ordnet alle auf dem ersten virtuellen Desktop neu an (Abbildung 1). Von diesem verschieben Sie sie aber relativ unkompliziert mit der Maus im Arbeitsflächenumschalter oder einem ähnlichen Pager-Applet auf einen der voreingestellt zehn neuen virtuellen Desktops.
Zusätzlich öffnen sich zwei neue Fenster: Ganz links ein vertikales Panel und ein interaktives Hilfefenster (Welcome to BlueTile!) in der Bildschirmmitte. Letzteres enthält einige grundlegende Informationen und einen Schalter mit der Beschriftung Open a few windows, mit dem Sie einen einfachen Demomodus starten. Ein Klick auf die Schaltfläche Let's start tiling! schließt das Fenster.
Direkt nach dem Start simuliert Bluetile einen Stacking-Windowmanager und ordnet die Fenster überlappend an. Jetzt kommt das Panel ins Spiel: Es enthält ein eigenes Pager-Applet (Wrkspc). Darunter stehen vier Standardlayouts für die Fenster bereit, versehen mit den Buchstaben A, S, D und F.
Beim ersten Start ist das Layout A aktiv; die Fenster erscheinen im Stacking-Modus. Über die Schaltfläche S ordnen Sie ein großes Fenster horizontal oben an und den Rest darunter nebeneinander (Abbildung 2). Analog – aber vertikal orientiert – funktioniert das Layout D (Abbildung 3). Wenn es darum geht, ein bestimmtes (das momentan aktive) Fenster zu maximieren, ist der F-Modus ("Fullscreen") richtig (Abbildung 4). Jeder virtuelle Desktop darf dabei ein eigenes Layout erhalten.
Beim ersten Start unter Ubuntu 10.04 verhakte sich die Software mit den Keybindings von Gnome. So öffnete [Windows]+[S] das Menü zum Abmelden oder Ausschalten oben rechts im Panel. Erst ein Restart von Bluetile sorgte dafür, das alle Tastenkombinationen wie gewünscht funktionierten. Außerdem vervielfachte sich die Anzahl der voreingestellten Desktops des Gnome-Pager-Applets. So entstanden auf dem Testsystem scheinbar 40 Arbeitsflächen, doch nur 10 davon (jede vierte) ließ sich anspringen. Da steckt der Teufel anscheinend noch im Detail.
Möchten Sie bei den voreingestellten Layoutmodi, die einen Hauptbereich und einen Bereich für die verkleinerten Fenster vorsehen, das Hauptfenster austauschen, reicht es aus, mit der Maus das gewünschte Fenster an der Titelleiste in den großen Bereich zu ziehen. Sofort tauschen beide ihre Position. Ebenfalls mit der Maus verändern Sie die Fenstergrößen horizontal wie vertikal, wobei dies alle nebeneinander liegende Fenster beeinflusst.



