Editorial

F…ork you!

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

"Das Volk hat das Vertrauen der Regierung verscherzt. Wäre es da nicht doch einfacher, die Regierung löste das Volk auf und wählte ein anderes?", karikierte Bert Brecht einmal die Attitüde des DDR-Regimes gegenüber dem Arbeiteraufstand vom 17. Juni 1953. Dieses Wort kam mir jüngst mehrfach wieder in den Sinn. Nein, weder wegen 20 Jahren Deutscher Einheit, noch wegen der aktuellen Ereignisse in Stuttgart – obwohl man sich des Verdachts kaum erwehren kann, der baden-württembergischen Landesregierung täte etwas Brecht-Lektüre recht gut. Vielmehr hat sich binnen kürzester Zeit bei gleich zwei prominenten Open-Source-Projekten das "Volk" selbst aufgelöst, weil es mit seiner "Regierung" nicht mehr klar kam, und nahm die Dinge in die eigene Hand – neuhochdeutsch nennt man das bekanntlich einen Fork.

Der erste Fork kam am 18. September bei Mandriva: Nach der Übernahme des maroden französischen Distributors durch einen russischen Investor, massiven Entlassungen und der mehrfachen Weigerung des Unternehmens, einen klaren Kurs für die Zukunft zu benennen, gründete sich als Basis für eine künftige Community-Distribution das Projekt Mageia [1]. Zu dessen Stamm gehören nicht weniger als 10 Ex-Mitarbeiter von Mandriva (darunter das Release- und Qualitätsmanagement), mehr als 30 bisherige Mandriva-Kontributoren und Übersetzer sowie die Exponenten der Benutzergemeinschaften aus Deutschland, Frankreich, Griechenland und der Türkei – der Erfolg des Forks ist damit praktisch vorprogrammiert. Einen ausführlichen Bericht dazu lesen Sie ab Seite 31 in dieser Ausgabe [2].

Nach ebenso langen wie fruchtlosen Versuchen, mit Oracle über die konkrete Zukunft von OpenOffice ins Gespräch zu kommen, gründeten am 28. September zahlreiche Protagonisten der OOo-Community eine Stiftung namens The Document Foundation (TDF, [3]), die künftig die Entwicklung der freien Bürosuite weiter vorantreiben soll. Die Einladung zur Mitwirkung lehnte Oracle mit der Bemerkung ab, man wünsche dem neuen LibreOffice ja alles Gute, habe aber schließlich eine gesunde Softwarebasis, die eingeführte Marke OpenOffice und 100 Millionen Anwender. Danke fürs Gespräch, aber egal: Bereits in der ersten Woche ihres Bestehens verzeichnete die TDP 80 000 Downloads der LibreOffice-Beta, baute 45 Mirrors in 25 Ländern auf und erhielt 80 Codebeiträge in Form von Patches und Commits von 27 Entwicklern [4]. Google, Novell und Red Hat haben ihre Zusammenarbeit bereits zugesagt, Canonical will in Ubuntu 11.04 LibreOffice statt OpenOffice ausliefern.

Sie merken schon, in Sachen Forks bin ich parteiisch. Das hat vermutlich familiäre Gründe, schließlich hat mein Urahn Martin Luther schon die katholische Kirche geforkt. Ich finde aber, auch ganz sachlich betrachtet haben die zitierten Vorfälle alle ein fatales Strickmuster [5] gemeinsam. Ob Paris, Redwood Shores oder Stuttgart: In jedem Fall wären die Verantwortlichen besser beraten gewesen, das konstruktive Gespräch mit der Basis zu suchen, statt schlicht den Mittelfinger zu erheben (beziehungsweise den Polizeiknüppel). Wer nicht kommuniziert, der provoziert den Fork – im Ländle dürfte der spätestens bei den Wahlen im März erfolgen …

Herzliche Grüße,

Jörg Luther

Chefredakteur

Infos

[1] Mageia-Projekt: http://www.mageia.org

[2] Hintergrundbericht zu Mageia: Wolfgang Bornath, "Magische Momente", LU 11/2010, S. 31, http://www.linux-community.de/artikel/22182

[3] The Document Foundation: http://www.documentfoundation.org

[4] TDF in Zahlen: http://www.documentfoundation.org/contact/tdf_numbers.pdf

[5] Politisches Handeln wider das eigene Interesse: Barbara Tuchman, "Die Torheit der Regierenden", Fischer-Taschenbuch-Verlag, ISBN 3-596-15394-8, siehe auch: http://de.wikipedia.org/wiki/Die_Torheit_der_Regierenden

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