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© Kovik, sxc.hu

Das Community-Projekt Mageia und Mandriva Linux

Magische Momente

Nach vielen Querelen haben sich freie Entwickler und ehemalige Mandriva-Mitarbeiter im Projekt Mageia zusammengeschlossen, um gemeinsam in einem Fork Mandriva Linux in neue Fahrwasser zu bringen.

Der 19. September markiert einen Wendepunkt in der Geschichte der heute als Mandriva Linux bekannten Distribution: Mehrere ehemalige Mitarbeiter von Mandriva SA gaben die Absicht bekannt, eine nicht kommerzielle Organisation gründen zu wollen, die die Distribution Mandriva Linux in einem Fork als freies Community-Projekt weiterführen möchte [1].

Die Gründe für diesen Schritt reichen bis ins Jahr 2005 zurück: Damals erschien zeitgleich zu Restrukturierung der angeschlagenen Mandriva SA (siehe Kasten "Von Mandrakesoft zu Mandriva") der Mitbewerber Ubuntu auf dem Markt. Während dieser stetig an Popularität gewann, gelang es Mandriva nicht, einen positiven Trend bei den Geschäften einzuleiten. In der Community mehrte sich zudem Kritik am Management des Unternehmens.

Geschäftspolitik und Kommunikation stießen auf den Widerwillen der Benutzer und freien Entwickler. Einen der Höhepunkte in dieser Krise, in deren Zusammenhang Mandriva sich von seinem Community-Managern trennte, markiert der Rauswurf von Unternehmens-Mitgründer Gael Duval. Neben ihm mussten auch der bekannte Community-Leiter Adam Williamson und andere in der Gemeinschaft bekannte freie Mitarbeiter ihre Schreibtische räumen [2].

Trotz zahlreicher Einschnitte in verschiedenen Geschäftsbereichen schritt der Niedergang von Mandriva SA unaufhaltsam voran. Im Frühjahr 2010 stand das Unternehmen vor dem Aus, und die ersten Verhandlungen mit interessierten Käufern begannen. Der aussichtsreichste Interessent Linagora stand letztendlich vor der Wahl, das ganze Unternehmen zu übernehmen oder die Insolvenz abzuwarten und die für ihn interessanten Teile zu erwerben. Linagora entschied sich für die letztere Variante.

Kurz vor der unvermeidlichen Insolvenz des Unternehmens Mandriva SA zog der langjährige Hauptinvestor Occam Capitals ein As aus dem Ärmel: Ein neuer Investor versprach frisches Geld. Es handelte sich dabei um einen auf Zypern aufgelegten Fond, hinter dem russisches Kapital steht. Als Eigentümer trat der russische Investor NGI auf, dem bereits Pingwinsoft gehört und der auch Interesse an der russischen Distribution Alt Linux zeigte.

In der Folge fiel die Mandriva-Tochter Edge-IT, bei der die meisten Entwickler angestellt waren, dem Rotstift zum Opfer – mit schwerwiegenden Folgen: Die meisten Schlüsselpersonen der Distribution verloren so ihren Arbeitsplatz. Einigen bot Mandriva zwar neue Verträge an, doch die überwiegende Mehrheit stand auf der Straße. Im Verlauf der vergangenen Monate hatte sich eine Dissonanz zwischen dem Management und dem überwiegenden Teil der Entwickler aufgebaut, die in dieser Situation offensichtlich nicht zu überbrücken war. Damit stand der Fork als letzte Möglichkeit im Raum.

Von Mandrakesoft zu Mandriva

Die Geschichte von Mandriva SA beginnt 1998 mit der Idee von Gael Duval, eines jungen französischen Informatikstudenten, der das damals führende Linux-System Red Hat mit der aktuellen Benutzerumgebung KDE zusammenführte. Er nannte das Ergebnis Linux Mandrake nach der Comicfigur "Mandrake the Magician". Dem entsprechend zeigte das erste Logo der Distribution auch diesen kleinen Zauberer. Geblieben ist davon bis heute der geschweifte Stern im Logo von Mandriva Linux und Mandriva SA.

Direkt nach dem Start 1998 entwickelte sich das Unternehmen Mandrakesoft recht gut. Das System nabelte sich zügig von Red Hat ab und verschaffte sich mit den DrakTools und dem Mandrake-Kontrollzentrum sein Alleinstellungsmerkmal. Auszeichnungen von Fachzeitschriften und auf Veranstaltungen weckten das Interesse US-amerikanischer Investoren. So erhielt Mandrakesoft Geld, aber dafür saß der Investor auf dem Chefsessel.

In der Folge weitete sich das Unternehmen auf verschiedenen Geschäftsbereichen aus, größtenteils in den USA. Zahlreiche Fehlentscheidungen und das Platzen der Dotcom-Blase läuten aber den Sinkflug des einstigen Stars ein. 2003 beantragte Mandriva Gläubigerschutz. Die Umstrukturierung des Unternehmens sowie der massive Support der Benutzer sorgten für ein Ende der Aufsicht im Frühjahr 2004. Dem Unternehmen blieben neun Jahre, um die Schulden zu tilgen.

In der Folgezeit wuchs die Firma unter dem damaligen CEO François Bancilhon wieder: Zunächst übernahm Mandriva die französische Firma Edge-IT, im Frühjahr 2005 folgte der wichtigste Schritt in die Zukunft von Mandrakesoft: die Übernahme des brasilianischen Linux-Anbieters Conectiva. In diesem Zusammenhang beendete Mandrakesoft einen jahrelangen Rechtsstreit mit dem Inhaber der Rechte am Maskottchen "Mandrake the Magician" (Hearst-Gruppe) und änderte seinen Namen in Mandriva. Entsprechend wurden auch alle anderen Vorkommen von Mandrake in Mandriva geändert, die Distribution hieß ab April 2005 Mandriva Linux.

Neue Hoffnung

Bereits in den Jahren 2000, 2003 und 2007 gab es immer wieder Bestrebungen seitens der Community, das System nach dem Vorbild von Red Hat und Fedora zu entwickeln. Die mit der Distribution verbundenen Mitarbeiter und die freiwilligen Entwickler boten daher dem Unternehmen an, sich mit der Entwicklung der Distribution zu beschäftigen, während die Firma sich auf die Produkte für den Unternehmenssektor konzentrieren solle – ohne Erfolg. Das Management lehnte alle Vorschläge dieser Art kategorisch ab.

Die entlassenen Entwickler entschlossen sich daher – mit der Unterstützung vieler im Vorfeld bereits bei Mandriva ausgeschiedener Mitarbeiter sowie verschiedener Community-Organisationen (darunter auch der deutschen [3]) – nach vielen Vorgesprächen zum Fork in das nicht-kommerzielle Projekt Mageia. Dessen Gründung gaben sie am 19. September 2010 weltweit bekannt. Viele Beobachter werten es als Antwort, dass Mandriva am folgenden Tag in einem Blog versprach, die Distribution weiterzuführen und auszubauen [4].

Die Entscheidung für einen Fork fiel den Verantwortlichen der neuen Organisation nicht leicht. Allerdings löste die Entscheidung ein überwältigendes Echo in Entwickler- und Benutzerkreisen und große Resonanz bei den Medien aus. Einzig die deutsche Wikipedia hat den Eintrag wegen Mangel an Relevanz bei Redaktionsschluss wieder gelöscht.

Pläne für die Zukunft

Der Fork bot die Gelegenheit, alte Zöpfe abzuschneiden. So entwickelte sich in den Mailinglisten rasch eine rege Diskussion über alle Bereiche der Distribution – darunter auch über die allgemeine Ausrichtung der Distribution, die ja bisher als eine der führenden Einsteiger-Distributionen galt. Da das die Benutzer stigmatisiere, befürworten viele ein breiter gefasstes Ziel für Mageia, ohne dabei den alten Anspruch zu vergessen. Einen ersten Eindruck der neuen Philosophie gibt das offizielle Blog [5].

Die Unabhängigkeit und der Erfolg des neuen Projekts stehen und fallen sowohl mit der Bereitschaft der Community zur Zusammenarbeit auf allen Ebenen, der Transparenz gegenüber dem Einzelnen sowie dem individuellen Engagement der Entwickler und Helfer. Einen ersten Eindruck dieser Bereitschaft zum Engagement liefert das Spendensystem [6]: Dort gingen bis zum Redaktionsschluss bereits über 5 000 Euro ein.

Ein provisorisches Wiki bietet Arbeitsgruppen ein gemeinsames Forum. Hier geht es um Bereiche wie das Basissystem, den Paketbau und das Verwalten der inneren Struktur, aber auch um die Außendarstellung. Hier will die Community sich im Vergleich zum eher schweigsamen Mandriva so offen wie möglich darstellen. Bestehende Organisationen helfen hier bei der Koordination.

Insbesondere die in Benutzerkreisen populäre Frage nach dem Logo und der visuellen Identität der neuen Distribution fachte eine ungeheure Vielfalt an Einsendungen, Ideen und Diskussionen an. Zur Zeit arbeiten die Gründergruppe, die Marketingexperten und anderen einige weitere Beteiligten daran, hier zu einem Ergebnis zu kommen.

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