SCOracle?

Editorial

23.09.2010

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

gut ein halbes Jahr nach der Übernahme von Sun sorgte Oracle Mitte August mit zwei Paukenschlägen für weltweites Aufsehen: Zunächst versetzte es OpenSolaris den Todesstoß, indem es die Entwicklung aus der Community zurück hinter geschlossene Unternehmenstüren holte [1]. Gleich danach verklagte Oracle Google wegen dessen Linux-basierten Betriebssystems Android, das nach Oracles Ansicht Lizenzen und Patente von Java verletzt [2]. Im daraufhin folgenden Sturm der Entrüstung bezeichneten Kommentatoren Oracle wahlweise als verrückt, einen Patent-Troll, den neuen Hauptfeind freier Software oder als das "neue SCO". SCOracle also? Wer sich eine fundierte Meinung zu dem Thema bilden möchte, sollte schon etwas genauer hinsehen. Dabei wird schnell klar, dass der Schurke dieses Dramas nicht Oracle heißt, sondern Google.

Die Java-Lizenz [3] gewährt in Punkt 2 alle Rechte zum Reimplementieren der Spezifikation sowie einen Patentausschluss – vorausgesetzt, das Resultat ist vollständig sowie kompatibel zum Original. Daran hält sich das freie Java, weswegen die aktuelle Klage es gar nicht betrifft. Google stand der selbe Weg offen, der dem Unternehmen aber zu anstrengend war. Die Alternative hätte in einer Lizenzierung von Java ME bei Sun bestanden, worüber tatsächlich schon Verhandlungen in Gang waren. Wie der Java-Vater James Gosling in seinem Blog berichtet [4], war Google aber nicht bereit, sich die zu erwartenden Gewinne durch eine Lizenznahme schmälern zu lassen. Deswegen implementierte Google lieber per Reverse-Engineering von Java eine sorgsam nicht nach Java aussehende Frankenstein-Version der Java-VM. Diese sogenannte Dalvik Virtual Engine verarbeitet zwar Java-Programme, die man dazu aber erst rekompilieren muss. Mit dieser "Ich-bin-keine-Java-VM"-Taktik erhoffte sich Google offenbar, die Lizenzbedingungen von Java ungestraft und vor allem kostenlos aushebeln zu können. Wie war das mit "Don't be evil"?

Oracle und Google: Zwei Industrie-Giganten, die sich darum kloppen, wer woran wieviel verdienen darf – der Fall hat wenig Bedeutung für Open Source. Relevanter erscheint da schon der Ansatz Oracles, Suns Server-Betriebssystem künftig wieder unter Aussschluss der Community zu entwickeln. Dabei zieht Oracle kein Stück Open Source wieder zurück: Es verspricht sogar, auch künftig den Solaris-Code unter der freien (aber nicht GPL-kompatiblen) CDDL [5] zu veröffentlichen – aber erst nach dem jeweiligen Release des kommerziellen Produkts. Das widerspricht zwar massiv dem Grundgedanken von Open Source, ist aber lizenztechnisch gesehen völlig in Ordnung. Allerdings genügt es, um dem OpenSolaris-Projekt das Genick zu brechen; den freien Entwicklern bleibt nur die Alternative eines Forks [6].

Die Moral von der Geschicht': Trau keinem ohne GPL. Firmen, die heute scheinbar die besten Freunde von Open Source sind, können freier Software morgen schon empfindlich wehtun, wenn man sich blind auf bloße Versprechen verlässt. Ihre Einstellung zu FOSS kann sich jederzeit ändern, etwa durch eine Übernahme (wie bei Sun/Oracle), durch einen Führungswechsel (wie bei SCO), oder aufgrund wirtschaftlichen Erfolgsdrucks. Das sollte sich vor allen Dingen Gnome-Guru Miguel de Icaza klarmachen, der seit Jahren in Form von Mono und neuerdings Moonlight völlig bedenkenlos patentierte Microsoft-Technologie in Linux injiziert. Jetzt schlägt er allen Ernstes vor, Google solle doch in Android statt Java lieber C# und .NET einsetzen [7]

Herzliche Grüße,

Jörg Luther

Chefredakteur

Infos

[1] Oracles neue Solaris-Strategie: http://sstallion.blogspot.com/2010/08/opensolaris-is-dead.html

[2] Oracle-Klage gegen Google: http://www.groklaw.net/pdf2/OrvGoogComplaint.pdf

[3] Java-Lizenz: http://java.sun.com/javase/6/jdk-6u21-doc-license.txt

[4] James Gosling über Google, Sun und Java: http://nighthacks.com/roller/jag/entry/quite_the_firestorm

[5] OpenSolaris-Lizenz CDDL: http://de.wikipedia.org/wiki/Common_Development_and_Distribution_License

[6] Illumos-Projekt: http://www.illumos.org

[7] "Initial Thoughts on Oracle vs Google Patent Lawsuit": http://tirania.org/blog/archive/2010/Aug-13.html

LinuxCommunity kaufen

Einzelne Ausgabe
 
Abonnements
 

Ähnliche Artikel

Kommentare
Google Java und harmony
Rolf (unangemeldet), Dienstag, 28. September 2010 16:54:35
Ein/Ausklappen

Hallo,

guter Artikel. Aber Google hat ja die Runtime-Bibliotheken von Apache Harmony als Basis hergenommen, und das steht unter der Apache-V2-Lizenz.
Wieso dann der ganze Rummel um Lizenzgebühren?

Rolf


Bewertung: 159 Punkte bei 25 Stimmen.
Den Beitrag bewerten: Gut / Schlecht
-
Re: Google Java und harmony
boelwerkr (unangemeldet), Mittwoch, 29. September 2010 00:01:31
Ein/Ausklappen

Um Lizenzen kann es ja nicht gehen, da es seine vollständig unabhängige Teilimplementation der offiziellen Spezifikationen handelt. Java ist vollständig dokumentiert und man kann sie sich herunterladen und danach einen voll funktionstüchtigen Interpreter und Compiler schreiben. Das wurde auch schon mehrfach gemacht.

Es können also nur SoftwarePatente sein, die hier Anwendung finden. Wobei ich mich frage was man an einer Programmiersprache Patentieren kann. Eine Programmiersprache setzt zuvor entworfene Konzepte um und ich bin mir sicher, dass diese Konzepte (Objektorientierung, Systeminteraktion über "Streams", etc) nicht von Sun/Oracle kommen. Die Patente können also nur spezielle Formulierungen der Sprache behandeln. Könnte es also sein, das die VM von Google mit Java deshalb nicht kompatibel ist, weil man diese Teile anderes gelöst hat? Das sind natürlich alles nur Spekulationen, aber ich bin mir fast sicher, dass sich Google sehr genau informiert hat bevor sie eine Java-Alternative auf den weg brachte. Ich zumindest hätte es getan.


Bewertung: 173 Punkte bei 27 Stimmen.
Den Beitrag bewerten: Gut / Schlecht

Infos zur Publikation

LU 01/2015: E-Books im Griff

Digitale Ausgabe: Preis € 4,95
(inkl. 19% MwSt.)

Mit der Zeitschrift LinuxUser sind Sie als Power-User, Shell-Guru oder Administrator im kleinen Unternehmen monatlich auf dem aktuelle Stand in Sachen Linux und Open Source.

Sie sind sich nicht sicher, ob die Themen Ihnen liegen? Im Probeabo erhalten Sie drei Ausgaben zum reduzierten Preis. Einzelhefte, Abonnements sowie digitale Ausgaben erwerben Sie ganz einfach in unserem Online-Shop.

NEU: DIGITALE AUSGABEN FÜR TABLET & SMARTPHONE

HINWEIS ZU PAYPAL: Die Zahlung ist auch ohne eigenes Paypal-Konto ganz einfach per Kreditkarte oder Lastschrift möglich!       

Tipp der Woche

Ubuntu 14.10 und VirtualBox
Ubuntu 14.10 und VirtualBox
Tim Schürmann, 08.11.2014 18:45, 0 Kommentare

Wer Ubuntu 14.10 in einer virtuellen Maschine unter VirtualBox startet, der landet unter Umständen in einem Fenster mit Grafikmüll. Zu einem korrekt ...

Aktuelle Fragen

ICEauthority
Thomas Mann, 17.12.2014 14:49, 2 Antworten
Fehlermeldung beim Start von Linux Mint: Could not update ICEauthority file / home/user/.ICEauth...
Linux einrichten
Sigrid Bölke, 10.12.2014 10:46, 5 Antworten
Hallo, liebe Community, bin hier ganz neu,also entschuldigt,wenn ich hier falsch bin. Mein Prob...
Externe USB-Festplatte mit Ext4 formatiert, USB-Stick wird nicht mehr eingebunden
Wimpy *, 02.12.2014 16:31, 0 Antworten
Hallo, ich habe die externe USB-FP, die nur für Daten-Backup benutzt wird, mit dem YaST-Partition...
Steuern mit Linux
Siegfried Markner, 01.12.2014 11:56, 2 Antworten
Welches Linux eignet sich am besten für Steuerungen.
Nach Ubdates alles weg ...
Maria Hänel, 15.11.2014 17:23, 5 Antworten
Ich brauche dringen eure Hilfe . Ich habe am wochenende ein paar Ubdates durch mein Notebook von...