Schwaches Debüt

7-Zoll Android-Tablet von Camangi

Tablets bieten neben dem Surfen per WLAN auch die Möglichkeit, E-Books in vernünftiger Auflösung zu lesen, über das Internet Musik zu hören oder ab und zu eine E-Mail zu verschicken. Als Alternative zum iPad von Apple bietet sich da die Android-basierte Webstation von Camangi an. Zum aktuellen Internetpreis von 275 Euro erhalten Sie eine Hardware mit rund vier bis fünf Stunden Akkulaufzeit (beim Musikhören ohne Display auch über sechs Stunden), einem druckempfindlichen Display und einem zwar veralteten aber flott reagierenden Android 1.5.

Frühstarter

Die Camangi Webstation 171 mit einem empfohlenen Verkaufspreis von 300 Euro gehört zu den ersten in Deutschland erhältlichen Android-Tablets. Das Display des 7-Zoll-Geräts löst mit 480x800 Bildpunkten auf. Neben einem integrierten Bewegungssensor, WLAN und GPS unterstützt die Webstation auch mobile Breitbandverbindungen.

Dazu müssen Sie allerdings zu einem externen USB-Dongle greifen. Ein integriertes Bluetooth-Modul fehlt dem Tablet ebenso wie eine Webcam. Dafür bringt es einen Micro-SD-Kartenslot mit; eine 8-GByte-Karte befindet sich in der Box. In Deutschland vertreibt die Firma EO-Link [1] die Hardware, von der wir auch das Testgerät bezogen haben.

Neben dem USB-Anschluss für ein UMTS-Modem verfügt die Webstation über einen Mini-USB-Anschluss zum Verbinden mit dem PC, ein eingebautes Mikrofon sowie eine Kopfhörer-Ausgang. Die Qualität der eingebauten Lautsprecher erscheint für die Größe gut und bringt in etwa einen Sound, wie Sie ihn von Notebooks her erwarten dürfen.

Der integrierte Kopfhörerausgang dürfte für den Anschluss an die Hifi-Anlage etwas mehr Leistung mitbringen. Zudem war im Test ein deutliches Grundrauschen zu hören. Die gemessene Akku-Laufzeit von rund fünf Stunden geht für die Display-Größe noch in Ordnung. Im Standby-Modus hält die Batterie der Webstation locker zwei bis drei Tage durch.

Camangi hat der Webstation eine leicht angepasste Android-Oberfläche verpasst. Seit dem neuesten Update vom Juli 2010 [2] lässt sich der Home-Bildschirm auf "Classic Home" umstellen. Dann erhalten Sie die originale Android-Oberfläche. Da es sich bei dem Gerät um kein von Google anerkanntes Android-Gerät handelt, haben Sie von der Webstation aus keinen Zugriff auf den Google-Market.

Serienmäßig basiert die Webstation auf Android 1.5 (Codename "Cupcake"), wobei es bereits drei Updates für das System gibt (in erster Linie Detailverbesserungen und zusätzliche UMTS-Treiber). Trotz anderslautender Quellen im Netz plant der Hersteller vermutlich für das aktuelle Modell kein Update auf Android 2.2. Wer die Webstation mit der neuesten Android-Version nutzen möchte, muss somit eine neue kaufen.

Apps an Bord

Die Webstation bringt eine relativ kleine Auswahl an Anwendungen mit. Dazu gehören der Standard-Bildbetrachter und Medienplayer von Android und ein paar weitere Tools, die bei Android-Handys ebenfalls vorinstalliert sind. Über den Home-Bildschirm finden Sie den Task-Manager, über den Sie nicht mehr benötigte Anwendungen beenden.

Zu den Besonderheiten der Webstation gehört der E-Book-Reader Aldiko. Er lädt freie und kostenpflichtige Bücher aus dem Internet herunter. Sie haben aber auch die Möglichkeit, Epub-Dateien über die SD-Karte zu importieren. Während die Bücherregal-Ansicht in den Test im Hoch- und Querformat funktionierte, ging das Lesen hingegen nur im Querformat. Das irritiert insofern, da die meisten Bücher eigentlich im Hochformat daherkommen. Ein Update sorgt dann für Überraschungen: Mit der allerneuesten Firmware zeigt Aldiko sämtliche Bücher im Hochformat an.

Abbildung 1

Abbildung 1: Die E-Book-Applikation der Webstation sieht hübsch aus und macht Spaß.

Unter den Apps aus dem Camangi-Market gefiel im Test der Internet-Browser Dolphin (nicht zu verwechseln mit dem KDE-Dateimanager) am besten. Er bringt ein sehr gutes Kontextmenü mit, über das es zum Beispiel einfacher fällt, Downloads zu handhaben, als mit dem Standard-Browser von Android.

Seltsamerweise fanden wir im Market kein Programm, das den integrierten GPS-Empfänger nutzt (der vorhandene Open GPS Tracker funktioniert nur mit Android 1.6 und neueren Versionen). Der GPS-Sensor beißt sich zudem nach unseren Erfahrungen mit dem WLAN-Modul. Sind beide aktiv, kommt keine WLAN-Verbindung zu Stande.

Die Camangi Webstation eignet sich in der aktuellen Version nicht wirklich als Video-Player. Von unseren Testdateien spielte sie kaum eine ab. Suchen Sie also einen portablen Medienplayer, dann ist die Webstation das falsche Produkt.

Viele Detailschwächen

Den ersten Fehler der Webstation mussten wir bereits bei der ersten Inbetriebnahme feststellen: Stöpseln Sie den Stecker des Ladegeräts nicht genug fest ein, springt dieser von alleine wieder heraus. Anstatt eines voll geladenen Akkus erwartete uns deshalb am Folgetag ein leerer Akku. Diesen aufzuladen, dauert selbst über das mitgelieferte Ladegerät rund fünf Stunden. Über ein USB-Kabel (fehlt im Lieferumfang) dauert der Vorgang noch länger.

Apropos Lieferumfang: In der Box befindet sich neben der Webstation noch ein paar Ohrhörer mit Mikro, die sich auch zum Telefonieren über eine VoIP-Applikation eignen (vorinstalliert ist Fring), sowie eine per Saugnapf zu fixierende Stütze für das Tablet (Abbildung 2). Der Einsatz der Stütze empfiehlt sich jedoch nicht, da sie nicht über die dazu nötige Stabilität verfügt.

Abbildung 2

Abbildung 2: Die Stütze eignet sich gut, um ein Produktfoto zu schießen aber nicht, um damit zu arbeiten.

Halten Sie das Gerät waagerecht vor sich hin, befinden sich zur Rechten die drei Knöpfe für den Home-Bildschirm, die Einstellungen und der Zurück-Button. Auf der Seite hat Camangi auch die Anschlüsse für das Ladegerät, USB und die Kopfhörer angebracht. Zur Linken finden sich die Tasten für die Lautstärkeregelung und oben links der Einschalt-Knopf.

Die Webstation verfügt über einen Bewegungssensor, der jedoch nur zwei Positionen kennt: Waagerecht und um 90 Grad im Gegenuhrzeigersinn gedreht. Intuitiv dreht man die Webstation jedoch genau in die umgekehrte Richtung, damit sich die Knöpfe unten befinden. Damit einhergehend stellt sich ein zusätzliches Problem: Die Webstation eignet sich nicht für eine Docking-Station, da sich die wesentlichen Anschlüsse an der rechten Seite oder an der Oberseite des Geräts befinden (im Hochkant-Format). Bei einem Tablet gehört eine Docking-Station jedoch zum Pflichtprogramm, da erst diese sinnvoll das Abspielen von Musik oder Filme sowie den Anschluss einer Tastatur ermöglicht.

Obwohl das Android-System in den Tests einen guten Eindruck machte und flüssig auf Eingaben reagierte, wachte das Gerät oft nicht aus dem Standby-Modus auf. Das System arbeitete dann zwar im Hintergrund (der Musikplayer spielte weiterhin Musik ab), das Display blieb allerdings dunkel. Nach einer gewissen Zeit wurde dieses Verhalten sogar zum Standard und erst nach dem neuesten Update vom Juli 2010 trat das Problem deutlich weniger häufig auf.

Camangi Market

Wie eingangs erwähnt handelt es sich bei der Webstation um kein von Google abgesegnetes Android-Gerät. Somit fehlen der Webstation ein paar Programme und Einstellungen, die bei den Google-Handys zum Standard gehören. Dazu gehört auch der Zugriff auf den Android-Market. Camangi sieht sich hier als Pionier für Tablets und möchte mit dem Camangi-Market die steigende Zahl von Android-Tablet-Nutzern bedienen.

Im registrationspflichtigen Market finden Sie zwischen 100 und 200 Anwendungen, wenn Sie sie denn überhaupt finden: Der Market zeigt in der Grundeinstellung den Reiter Staff Picks an, welcher in neun von 10 Fällen leer ist. Wechseln Sie deshalb immer gleich auf den Reiter By Popularity (Abbildung 3).

Abbildung 3

Abbildung 3: Es gibt mehr als eine Handvoll Apps im Camangi-Market. Der in der Grundeinstellung angezeigte Reiter Staff Picks verbirgt diese jedoch.

Aufgeteilt nach Gruppen heißt das, dass der Market eine Handvoll Spiele, ein paar Systemtools, sehr wenig Multimedia-Anwendungen und etwa ein Dutzend weitere Apps mitbringt. Für die tägliche und intensive Nutzung des Tablets reicht diese Liste nicht aus. Früher oder später beginnt deshalb auf die Suche nach weiteren Android-Anwendungen.

Hier zeigte sich während der Tests mit der Webstation ein zusätzliches Problem, das allerdings nur indirekt mit der Webstation zusammenhängt: Sobald Sie die vorgegebenen und verfügbaren Quellen für Software – sprich den Camangi-Market – verlassen, kommt ein Gefühl wie unter Windows auf: Alles beginnt mit einer Suche im Web nach Anwendungen und ruckzuck tummeln Sie sich auf Shareware- und Freeware-Seiten. Häufig finden sich darunter solche, die neben 200-Anwendungen im Mega-Giga-Super-ZIP-Pack allerlei andere dubiose Downloads anbieten.

Die so ergatterten Programme zeigen zudem (überwiegend chinesische) Reklame an. Das trifft allerdings auch auf die Apps im Camangi-Market zu. Sie sind somit als Android-Nutzer mit Hardware ohne den Segen von Google komplett auf sich alleine gestellt.

Vor dem gleichen Problem stehen die anderen Anbieter von Android-Tablets. 1&1 hat sich deshalb dazu entschlossen, einen eignen Market aufzumachen [3]. Achten Sie bei den gesuchten Android-Anwendungen auf die Versionsnummer (1.5, eventuell noch 1.6), dann verrichten die meisten Apps jedoch problemlos ihren Dienst.

Lediglich beim Spiel Bistro Cook gab es Probleme: Es weigerte sich, im Querformat zu arbeiten und benutzte auch hochkant nur einen Drittel der Displayfläche. Bei anderen Spielen mussten wir teilweise zunächst ein Setup des Bewegungssensors vornehmen, damit die Rotation wie gewünscht funktionierte.

Mobiles Breitband

Die Taiwanesen haben bei der Webstation auf eine Webcam und ein integriertes GSM-Modem verzichtet. Doch während andere Tablets nur per WLAN ins Internet können, ist die Webstation für UMTS-Verbindungen vorbereitet. Einzige Voraussetzung: Sie verfügen über einen USB-Dongle (Abbildung 4). Das Setup gelang in den Tests mit einem K3565-Stick von Vodafone problemlos. Die Webstation meldete sich nach dem Anschließen des Adapters mit einem Passwort-Dialog und versuchte nach der PIN-Eingabe automatisch eine Verbindung aufzubauen.

Allerdings versalzt der Hersteller wieder ein Stück weit die Suppe: Sobald das Gerät eine UMTS-Verbindung initiiert, erscheint ein Dialog, dass es das WLAN-Modul dazu deaktiviert. Als mobiler WLAN-Router lässt sich die Webstation mit der vorinstallierten Software somit nicht nutzen.

Abbildung 4

Abbildung 4: Der 3G-Wizard erklärt detailliert sämtliche Schritte.

Die Webstation benutzt für den Verbindungsaufbau in der Grundeinstellung den APN internet. Nutzt Ihr Provider einen anderen Zugangspunktnamen, dann müssen Sie diesen über den Einstellungsknopf angeben. Die UMTS-Verbindung blieb in den Tests auch über einen längeren Zeitraum stabil und bereitete keine Probleme – abgesehen davon, dass der USB-Stick oder ein am USB-Kabel hängender Dongle nicht gerade praktisch ist.

Fazit

Die Kritikpunkte erlauben nur einen Schluss: Das Tablet ist in vielen Fällen seinen Preis nicht wert. Als E-Book-Reader macht das Gerät keine schlechte Figur. In den Tests eignete es sich zudem, um über Last.fm Musik zu hören und nebenbei etwas im Internet zu surfen. In vielen anderen Punkten heimste die Hardware Kritik ein.

Obwohl die Lösung mit einem externen USB-Modem für das mobile Internet in den Tests problemlos funktioniert hat, hätte Camangi dem Tablet beim Preis von 300 Euro ein internes Modem spendieren dürfen. Der Dongle stört die Optik des Geräts.

Wenn weitere Android-Tablets auf dem Markt mit Android 2.1 oder 2.2 auf den Markt kommen, wird sich zeigen, wie viel die aktuelle Webstation tatsächlich wert ist.

Tip a friend    Druckansicht beenden Bookmark and Share
Kommentare