AA_figur_drueckt_knopf_123rf-6981466_skvoor.jpg

© Skvoor, 123rf.com

HDR-Workflow ohne Stativ und Mausklicks

HDR für Faule

HDR gilt als komplex und aufwändig: Ohne Stativ und ohne schwer zu bedienende Software geht nichts – so der Mythos. Doch freie Linux-Tools machen möglich, wovon Windows-Nutzer nur träumen können.

Die Nachteile moderner Digitalkameras gegenüber dem klassischen analogen Film reduzieren sich zusehends. Die Sensoren erreichen zwischenzeitlich eine Auflösung, die nur noch Spitzenobjektive wirklich ausreizen. Doch der mögliche Kontrastumfang der Sensoren hinkt den Filmen noch hinterher. Als Folge saufen dunkle Passagen ab, und helle Lichter fressen aus (siehe Kasten "Ausfressen oder absaufen?"). Der Fotograf muss also bei schwierigen Lichtverhältnissen entscheiden, welchen Tod er sterben will (Abbildung 1).

Abbildung 1: Links: Bei richtig belichtetem Vordergrund fressen die Lichter (hier die Wolken) aus. Rechts: Bei korrekter Belichtung der Wolken reicht der Kontrastumfang nicht mehr für das vernünftige Zeichnen des Vordergrunds.

Hier kommt High Dynamic Range oder kurz HDR ins Spiel: Der Fotograf kombiniert mehrere, unterschiedlich belichtete Bilder und erhöht dadurch den Kontrastumfang. Doch damit handelt er sich zwei neue Probleme ein: Kombinieren bedeutet bei den meisten Programmen passgenau übereinanderlegen – leichter gesagt als getan. Im Idealfall gelingt es, den hohen Kontrastumfang wieder auf ein Maß zu reduzieren, den normale Bildschirme und Drucker verarbeiten.

Als Lösung für das Übereinanderlegen gilt gemeinhin das Verwenden eines Stativs bei der Aufnahme. Aber wer will schon ständig ein solches Zusatzgewicht mitschleppen? Und: Selbst mit Stativ sorgen bereits kleinste Vibrationen für einen minimalen Pixelversatz, der sich im kombinierten Bild zeigt.

Die Lösung des zweiten Problems, das Umwandeln von HDR nach LDR (Low Dynamic Range) heißt Tone-Mapping und ist ebenfalls alles andere als trivial. Unmengen verschiedener Ansätze führen zu einer ganzen Bandbreite an Ergebnissen – von psychedelisch bis realistisch.

Das Tool Hdrff [1] bietet einen in der Praxis erprobten HDR-Workflow, der beide Probleme adressiert und fast völlig automatisch zu guten HDR-Bildern führt.

Ausfressen oder absaufen?

Der von Fotografen häufig verwendete Begriff "absaufen" meint zu dunkle Bildbereiche, die keine Zeichnung aufweisen und damit auch keine Bildinformation mehr enthalten, die beim Nachbearbeiten zu retten wären. "Ausfressen" bezieht sich dagegen zu helle Bildbereiche. Dieser Effekt tritt beim Übersättigen des Sensors auf. Auch hier geht jegliche Zeichnung im Bild verloren, die Abgrenzung zum restlichen Bild erscheint aber relativ scharf, wovon sich die Bezeichnung herleitet. CCD-Sensoren reagieren hier wesentlich empfindlicher als die in CMOS-Technik gefertigten, die zwischenzeitlich die meisten großen Kamerahersteller in ihren Spiegelreflex-Kameras verwenden.

Fotos für HDR aufnehmen

Das allgemeine Rezept für HDR-Aufnahmen lautet: Kamera auf ein Stativ montieren, Zeitautomatik ("A") wählen und dann mehrere Bilder in möglichst schneller Folge mit unterschiedlicher Belichtung aufnehmen. Letzteres erledigen viele Kameras dank des Belichtungsreihen-Modus ("Bracketing") selbst. Die Zeitautomatik sorgt für eine konstante Blende und damit für gleichbleibende Schärfentiefe. Eine möglichst schnelle Bildfolge vermeidet Geisterbilder durch bewegte Objekte wie Menschen oder Blätter im Wind.

Ein Stativ benötigen Sie nur bei Aufnahmen mit langen Belichtungszeiten. Zum Erstellen von HDR-Bilder in der hier vorgestellten Technik können Sie darauf verzichten.

Der Workflow

Nach der Aufnahme läuft das weitere Verarbeiten der Bilder im vorgestellten Szenario wie folgt ab: Zuerst kopieren Sie die Bilder auf die Festplatte. Unixtypische Kleinbuchstaben statt Großbuchstaben ersparen später die Hochstelltaste. Das Dateidatum sollte samt Aufnahmedatum in den EXIF-Daten stehen, danach entfernen Sie bei den Bildern die Schreibrechte. Am Schluss der Vorbereitung steht das Umwandeln nach TIFF, unabhängig davon, ob das Ausgangsmaterial im JPEG- oder im RAW-Format vorliegt.

Danach gilt es, jene Aufnahmen zu identifizieren und gemeinsam weiter zu bearbeiten, die zu einer HDR-Gruppe gehören. Optional beginnen Sie mit der Korrektur von Linsenfehlern (Verzeichnung, chromatische Abberationen). Der zweite Schritt richtet die Bilder einer Gruppe aus, die nächsten erzeugen dann das HDR-Bild sowie per Tone-Mapping angepasste Aufnahmen (Abbildung 2).

Abbildung 2: Die Skizze zeigt den Workflow vom Import der Bilder auf die Festplatte bis hin zum fertigen HDR-Bild.

LinuxCommunity kaufen

Einzelne Ausgabe
 
Abonnements
 
TABLET & SMARTPHONE APPS
Bald erhältlich
Get it on Google Play

Deutschland

Ähnliche Artikel

  • Fine-Art-HDR mit Luminance
    HDR-Bilder mit ihrer hohen Detaildichte und beeindruckenden Farbgebung gelten heute in der Fotografie als Stand der Dinge. Luminance HDR fasst alle dazu notwendigen Techniken unter einer Oberfläche zusammen.
  • Neues auf den Heft-DVDs
  • Licht und Schatten
    Mit Photomatix stellt HDRsoft den ersten kommerziellen HDR-Konverter für Linux vor. Da stellt sich die Frage, ob die Bezahlsoftware mehr leistet als freie Gegenstücke wie das beliebte Luminance HDR.
  • Bild, schöön!
    Die HDR-Fotografie soll die Lücke zwischen Fotografie und dem menschlichen Sehvermögen schließen. Wir zeigen Ihnen, wie Sie aus Ihren guten Fotos noch bessere Bilder machen.
  • Kontrastmittel
    Ein gut belichtetes Foto gelingt selten mit der ersten Aufnahme. Und besonders bei Motiven mit starken Helligkeitsunterschieden ist eine gleichmäßig belichtete Aufnahme fast unmöglich. Abhilfe schafft Qtpfsgui, das ein kontrastreiches HDR-Bild aus einer Belichtungsreihe zaubert.
Kommentare

Infos zur Publikation

LU 12/2016: Neue Desktops

Digitale Ausgabe: Preis € 5,99
(inkl. 19% MwSt.)

LinuxUser erscheint monatlich und kostet 5,95 Euro (mit DVD 8,50 Euro). Weitere Infos zum Heft finden Sie auf der Homepage.

Das Jahresabo kostet ab 86,70 Euro. Details dazu finden Sie im Computec-Shop. Im Probeabo erhalten Sie zudem drei Ausgaben zum reduzierten Preis.

Bei Google Play finden Sie digitale Ausgaben für Tablet & Smartphone.

HINWEIS ZU PAYPAL: Die Zahlung ist ohne eigenes Paypal-Konto ganz einfach per Kreditkarte oder Lastschrift möglich!

Aktuelle Fragen

Drucker Epson XP-332 unter ubuntu 14.04 einrichten
Andrea Wagenblast, 30.11.2016 22:07, 2 Antworten
Hallo, habe vergeblich versucht mein Multifunktionsgerät Epson XP-332 als neuen Drucker unter...
Apricity Gnome unter Win 10 via VirtualBox
André Driesel, 30.11.2016 06:28, 2 Antworten
Halo Leute, ich versuche hier schon seit mehreren Tagen Apricity OS Gnome via VirtualBox zum l...
EYE of Gnome
FRank Schubert, 15.11.2016 20:06, 2 Antworten
Hallo, EOG öffnet Fotos nur in der Größenordnung 4000 × 3000 Pixel. Größere Fotos werden nic...
Kamera mit Notebook koppeln
Karl Spiegel, 12.11.2016 15:02, 2 Antworten
Hi, Fotografen ich werde eine SONY alpha 77ii bekommen, und möchte die LifeView-Möglichkeit nu...
Linux auf externe SSD installieren
Roland Seidl, 28.10.2016 20:44, 1 Antworten
Bin mit einem Mac unterwegs. Mac Mini 2012 i7. Würde gerne Linux parallel betreiben. Aber auf e...