Die Nachteile moderner Digitalkameras gegenüber dem klassischen analogen Film reduzieren sich zusehends. Die Sensoren erreichen zwischenzeitlich eine Auflösung, die nur noch Spitzenobjektive wirklich ausreizen. Doch der mögliche Kontrastumfang der Sensoren hinkt den Filmen noch hinterher. Als Folge saufen dunkle Passagen ab, und helle Lichter fressen aus (siehe Kasten "Ausfressen oder absaufen?"). Der Fotograf muss also bei schwierigen Lichtverhältnissen entscheiden, welchen Tod er sterben will (Abbildung 1).
Hier kommt High Dynamic Range oder kurz HDR ins Spiel: Der Fotograf kombiniert mehrere, unterschiedlich belichtete Bilder und erhöht dadurch den Kontrastumfang. Doch damit handelt er sich zwei neue Probleme ein: Kombinieren bedeutet bei den meisten Programmen passgenau übereinanderlegen – leichter gesagt als getan. Im Idealfall gelingt es, den hohen Kontrastumfang wieder auf ein Maß zu reduzieren, den normale Bildschirme und Drucker verarbeiten.
Als Lösung für das Übereinanderlegen gilt gemeinhin das Verwenden eines Stativs bei der Aufnahme. Aber wer will schon ständig ein solches Zusatzgewicht mitschleppen? Und: Selbst mit Stativ sorgen bereits kleinste Vibrationen für einen minimalen Pixelversatz, der sich im kombinierten Bild zeigt.
Die Lösung des zweiten Problems, das Umwandeln von HDR nach LDR (Low Dynamic Range) heißt Tone-Mapping und ist ebenfalls alles andere als trivial. Unmengen verschiedener Ansätze führen zu einer ganzen Bandbreite an Ergebnissen – von psychedelisch bis realistisch.
Das Tool Hdrff [1] bietet einen in der Praxis erprobten HDR-Workflow, der beide Probleme adressiert und fast völlig automatisch zu guten HDR-Bildern führt.
Ausfressen oder absaufen?
Der von Fotografen häufig verwendete Begriff "absaufen" meint zu dunkle Bildbereiche, die keine Zeichnung aufweisen und damit auch keine Bildinformation mehr enthalten, die beim Nachbearbeiten zu retten wären. "Ausfressen" bezieht sich dagegen zu helle Bildbereiche. Dieser Effekt tritt beim Übersättigen des Sensors auf. Auch hier geht jegliche Zeichnung im Bild verloren, die Abgrenzung zum restlichen Bild erscheint aber relativ scharf, wovon sich die Bezeichnung herleitet. CCD-Sensoren reagieren hier wesentlich empfindlicher als die in CMOS-Technik gefertigten, die zwischenzeitlich die meisten großen Kamerahersteller in ihren Spiegelreflex-Kameras verwenden.
Fotos für HDR aufnehmen
Das allgemeine Rezept für HDR-Aufnahmen lautet: Kamera auf ein Stativ montieren, Zeitautomatik ("A") wählen und dann mehrere Bilder in möglichst schneller Folge mit unterschiedlicher Belichtung aufnehmen. Letzteres erledigen viele Kameras dank des Belichtungsreihen-Modus ("Bracketing") selbst. Die Zeitautomatik sorgt für eine konstante Blende und damit für gleichbleibende Schärfentiefe. Eine möglichst schnelle Bildfolge vermeidet Geisterbilder durch bewegte Objekte wie Menschen oder Blätter im Wind.
Ein Stativ benötigen Sie nur bei Aufnahmen mit langen Belichtungszeiten. Zum Erstellen von HDR-Bilder in der hier vorgestellten Technik können Sie darauf verzichten.
Der Workflow
Nach der Aufnahme läuft das weitere Verarbeiten der Bilder im vorgestellten Szenario wie folgt ab: Zuerst kopieren Sie die Bilder auf die Festplatte. Unixtypische Kleinbuchstaben statt Großbuchstaben ersparen später die Hochstelltaste. Das Dateidatum sollte samt Aufnahmedatum in den EXIF-Daten stehen, danach entfernen Sie bei den Bildern die Schreibrechte. Am Schluss der Vorbereitung steht das Umwandeln nach TIFF, unabhängig davon, ob das Ausgangsmaterial im JPEG- oder im RAW-Format vorliegt.
Danach gilt es, jene Aufnahmen zu identifizieren und gemeinsam weiter zu bearbeiten, die zu einer HDR-Gruppe gehören. Optional beginnen Sie mit der Korrektur von Linsenfehlern (Verzeichnung, chromatische Abberationen). Der zweite Schritt richtet die Bilder einer Gruppe aus, die nächsten erzeugen dann das HDR-Bild sowie per Tone-Mapping angepasste Aufnahmen (Abbildung 2).



