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© Greg Keene, Wikimedia Commons, CC-BY 3.0

Kleine Welt

Der Tilt-Shift-Trick

09.08.2010
Mit etwas Geschick bei der Motivauswahl und einigen Kniffen in Gimp schrumpfen Sie fotografisch jede Stadt zum Modelleisenbahn-Dorf und selbst den größten Jumbo-Jet zum Spielzeugflieger.

Der Ausdruck Tilt-Shift bezeichnet eigentlich eine besondere Art von Kameraobjektiv ([1],[2]), das es erlaubt, die optische Achse sowohl zu verdrehen als auch zu verschieben. Ursprünglich wurden solche Objektive entwickelt, um die "stürzenden Linien" bei technischen oder Architekturaufnahmen zu vermeiden. Schnell stellte sich aber heraus, dass mit ihnen auch ganz andere, höchst sehenswerte Effekte realisieren lassen [3].

Der Tilt-Shift-Effekt wirkt, als wäre ein Bild mit einer sehr geringen beziehungsweise reduzierten Schärfentiefe aufgenommen worden (Abbildung 1). Das ist normalerweise bei sehr kleinen Objekten der Fall: Etwa beim Blick in ein Diorama (Guckkästchen) oder eine Puppenstube. Unser Gehirn "weiß" das und glaubt daher, wenn wir einen Blick auf ein Bild mit geringer Schärfentiefe werfen, es handele sich um eine Miniatur – das nutzt das Tilt-Shifting aus.

Abbildung 1: Der Tilt-Shift-Fake: Die Schärfe beschränkt sich auf die "Flensburg". Oben links sehen Sie die Auswahl der scharfen Bereiche in Weiß.

In der Ära der elektronischen Bildbearbeitung benötigen Sie nicht einmal mehr ein spezielles Objektiv, um den entsprechenden Effekte zu erzeugen: Gimp reicht für den Fake. Wie bei so vielem in der Bildbearbeitung handelt es sich bei diesem Effekt um einen Trick, also um eine Art optische Täuschung. Die gelingt allerdings nicht immer gleichermaßen, sondern funktioniert nur mit bestimmten Bildern gut.

Als extrem wichtig – und gleichermaßen schwierig – erweist sich die Auswahl eines geeigneten Fotos. Ideal sind von oben aufgenommene, detailreiche Bilder, die einen möglichst einheitlichen, sprich: langweiligen Himmel haben. Zumindest beim letzten Punkt hilft natürlich gegebenenfalls eine vorab vorgenommene Retusche. Von oben sollte das Bild aufgenommen sein, weil das der beim Betrachten einer Miniatur vorherrschenden Blickrichtung entspricht; ein detailreiches Bilder ist wichtig, weil später der Kontrast zwischen Details und Unschärfe den Effekt maßgeblich ausmacht. Aufgrund der immanenten perspektivischen Verkürzung eignen sich oft auch Tele-Aufnahmen recht gut als Ausgangsbasis.

Zu Fuß

Die "Barfuß-Methode" für Tilt-Shift-Bilder kommt ohne irgendwelche Besonderheiten aus. Sie nutzt nur eingebaute Funktionen der Bildbearbeitung, wie das Auswählen und Weichzeichnen. Als Ausgangspunkt genügen also ein Bildbearbeitungsprogramm wie Gimp und ein geeignetes Bild.

Als erstes gilt es den Bereich festzulegen, der später scharf abgebildet erscheinen soll. Hier müssen Sie die dort vorhandenen Bildelemente sorgfältig auswählen – Fehler zerstören die Illusion schnell. Alle ausgewählten Elemente sollten sich in einer zur Blickrichtung senkrecht stehenden virtuellen Ebene befinden. Daher müssen Sie die eventuell in Lücken durchscheinenden Bereiche von der Auswahl entfernen, um den Effekt zu erzeugen. Dies lässt sich am Beispiel des Schleppers "Flensburg" in Abbildung 1 gut erkennen – links sehen Sie die entsprechende Auswahlmaske.

[Strg]+[C] kopiert die Auswahl (in Abbildung 1 in Weiß gehalten), [Strg]+[V] fügt sie wieder ein, [Umschalt]+[Strg]+[N] legt sie zur weiteren Bearbeitung auf eine neue Ebene. Bei manchen Bildern kann es einfacher sein und im Ergebnis besser wirken, einen elliptischen Bereich mit weicher Kante zu verwenden (Abbildung 2), anstatt diskrete Objekte auszuwählen. Das funktioniert aber nur dann, wenn sich die Elemente des fraglichen Bereichs alle im gleichen Abstand zum Betrachter befinden.

Abbildung 2: In diesem Beispiel erfolgte die elliptische Auswahl mit weicher Kante. Die rote Linie kennzeichnet den Bereich 50-prozentiger Auswahl.

Nun müssen Sie noch den Rest des Bildes weichzeichen, also die Originalebene. Dazu wählen Sie die Hintergrundebene an und rufen über das Filter-Menü unter Weichzeichnen den Gaußschen Weichzeichner ... auf. Diesen wenden Sie – je nach Bild und Maßstab – mit einem Wert zwischen 10 und 40 Pixel an. Mit dieser Methode erzielen Sie bei gut geeignetem Basismaterial bereits in wenigen Minuten ansehnliche Ergebnisse.

Feinschliff

Genügt das Resultat noch nicht Ihren Ansprüchen, dann gibt es einige Möglichkeiten, das Ergebnis weiter zu optimieren.

So lässt sich beispielsweise jede Auswahl, die mit den vorhandenen Auswahlwerkzeugen erstellt wurde, hinsichtlich der Verwendung weicherer Übergänge verbessern. Oft hilft es bereits, die bestehende Auswahl in Gimp nachträglich "auszublenden". Das erledigen Sie im Auswahl-Menü unter Ausblenden .... Gimp reduziert dann eine feste (harte) Auswahl innerhalb des angegebenen Bereichs (eines Radius) von 100 auf 0 Prozent.

Die ursprüngliche Auswahllinie interpretiert das Programm dabei als 50-Prozent-Linie, sodass es auch Bereiche außerhalb der ursprünglichen Auswahl heranzieht. Um diesen für das Tilt-Shifting kontraproduktiven Effekt zu vermeiden, empfiehlt es sich, zunächst die bestehende Auswahl um die Hälfte des Ausblendradius zu verkleinern. In der Praxis verwendet man kleine Radien, meist nur wenige Pixel. Planen Sie also, mit 2 Pixeln Radius auszublenden, so verkleinern sie zuvor die Auswahl um 1 Pixel.

Noch bessere Ergebnisse erzielen Sie, indem Sie die eingefügten Bereiche mittels einer Ebenenmaske festlegen. Dazu wählen Sie im Kontextmenü des Ebenendocks den Punkt Ebenenmaske hinzufügen ... mit der Option Weiß, volle Deckkraft aus. Nach dem Hinzufügen diese Maske wenden Sie auf die aktuelle Zeichenebene die Malwerkzeuge – hier im Wesentlichen weiche Pinsel oder Airbrush – so an, dass wirklich nur die gewünschten Bildteile sichtbar bleiben. Schwarze Farbe auf der Ebenenmaske macht Bereiche auf der zugehörigen Ebene unsichtbar, weiße wirkt entgegengesetzt. Grautöne führen hier zu den gewünschten sanften Übergängen. Auf der Ebenenmaske kommt daher oft ein Verlauf von der Vordergrundfarbe Schwarz zur Hintergrundfarbe Weiß zum Einsatz, um diese weichen Wechsel zu erzeugen. Bei symmetrischen Verläufen verwenden Sie am besten die bilineare Variante, die in beide Richtungen gleichermaßen wirkt.

Auch die weichgezeichnete Hintergrundebene lässt sich noch verbessern. Zunächst kommt es darauf an, auf welche Weise Sie den Hintergrund weichzeichnen. Eigentlich ist es ja optisch nicht korrekt, wenn alle Bildteile – egal, wie weit sie sich vom Zentrum der Schärfe entfernt befinden – gleichermaßen unscharf ausfallen. Hier könnten Sie die Unschärfe schrittweise erhöhen.

Gelegentlich hört man dazu die Empfehlung, nicht mit einem einfachen Gaußschen Filter zu arbeiten, sondern das Weichzeichnen nacheinander mit 2, 4, 8 und 16 Pixel Radius anzuwenden. Ob das bei Ihren Bildern die gewünschte Wirkung hat, probieren Sie schnell aus: [Strg]+[Umschalt]+[F] zeigt den zuletzt verwendeten Filter erneut an und erlaubt, dabei Einstellungen zu verändern.

Aber Gimp bietet im umfangreichen Fundus seiner optional nachinstallierbaren Plugins noch etwas viel Besseres: Der Filter Focus Blur (Abbildung 3, [4]) verschlingt zwar mit zunehmenden Radien sehr viel Rechenzeit, erzeugt aber eine spezielle Unschärfe, wie sie sonst nur bei Linsen oder Objektiven auftritt. Er verfügt über zahlreiche Parameter, die das Verhalten im Detail steuern (siehe Kasten "Focus Blur").

Für erste Experimente reicht es jedoch aus, mit den Voreinstellungen zu arbeiten. Dabei definieren Sie auf der Ebene, die Sie weichzeichnen möchten, vor dem Anwenden des Filters eine elliptische Auswahl rund um den Schärfebereich. Diese invertieren Sie dann mittels [Strg]+[I], sodass der Filter wirklich nur auf die nicht scharfgezeichneten Bereiche wirkt. Die Auswahl auf der weichzuzeichnenden Ebene verhindert zudem, dass der Filter Halos erzeugt.

Abbildung 3: Das Gimp-Plugin Focus Blur erzeugt eine spezielle Unschärfe, wie sie sonst nur bei Linsen oder Objektiven auftritt.

Focus Blur

Sie steuern Focus Blur über insgesamt fünf Register (Abbildung 3), wobei sich die für die Anwendung bei Tilt-Shift-Bildern wichtigen Optionen alle auf dem Reiter Basic finden:

  • Mittels Diffusion Model and Radius stellen Sie den Radius und die Verteilung der Unschärfe ein. Flat und Spherical eigen sich für Tilt-Shift-Bilder dabei am besten.
  • Der Peak radius for shining definiert die Größe, zu der der Filter Lichtpunkte verwischt. Meist erzeugt das aber unerwünschte Effekte, weswegen Sie hier den Radius auf stellen sollten.
  • Die Option Use Depth map bietet die Möglichkeit zum Einsatz einer Graustufenebene, deren Helligkeiten das Weichzeichnen steuern. Schwarz steht für "nahe", schärfere Bereiche, Weiß für "ferne" und verwaschenere Stellen.
  • Über Focal depth legen Sie die Fokustiefe als Prozentwert anhand der Map fest. Ein Klick mit der mittleren Maustaste im Vorschaufenster übernimmt den dort vorhandenen Wert.

Zu den in den weiteren Dialogen vorhandenen Parametern finden Sie bei Interesse auf der Homepage des Plugins [5] im Abschnitt Usage ausführliche Beschreibungen. Für das Tilt-Shifting genügen aber die beschriebenen Optionen völlig.

Um den Unterschied zwischen Schärfebereich und Unschärfe zu verstärken empfehlen erfahrene Anwender, die Schärfeebene nachträglich zu verbessern, sprich: weiter zu schärfen. Wie das mit Gimp funktioniert, beschreibt ein Artikel in LinuxUser 04/2010 [6]. In die gleiche Richtung gehen auch die weiteren Nacharbeiten: So kann es helfen, den lokalen Kontrast im Schärfebereich anzuheben. Das geschieht entweder über spezielle Filter(-Skripts) oder mit dem Kurvenwerkzeug. Eine ausführliche Beschreibung dazu bietet ein Artikel aus LinuxUser 05/2010 [7].

In Abbildung 1 wurde beispielsweise die Farbsättigung um rund ein Drittel angehoben, was die Wirkung verstärkt. Um eine möglichst glatte Oberfläche der "Flensburg" zu erreichen, kam der selektive Gaußsche Weichzeichner zum Einsatz. Dieses Werkzeug wirkt nur bis zu einer voreingestellten Schwelle, was das Aufweichen von Kanten verhindert.

In einem letzten Schritt können Sie noch die Ränder abdunkeln, was man als Vignettierung bezeichnet. Am Beispiel von Abbildung 2 sieht das so aus: Sie erweitern die noch vorhandene aktuelle Auswahl um einen gewissen Betrag (hier 200 Pixel) um das Schärfezentrum und blenden der Rand erneut aus (Abbildung 4). Anschließend reduziert eines der verfügbaren Werkzeuge (hier wieder die Kurven) die Helligkeit.

Abbildung 4: Das Foto aus Abbildung 2, diesmal mit einer Vignettierung. Die rote Linie kennzeichnet den Bereich mit 50-prozentiger Auswahl.

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