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Langläufer

ARM-Netbook mit Android

12.08.2010
Das Compaq Airlife 100 von HP demonstriert eindrucksvoll, was Sie von der nächsten Netbook-Generation mit ARM und Android erwarten dürfen: Zum Beispiel 11 Stunden lang am Stück mobil surfen, arbeiten, Videos ansehen und MP3s hören.

Die neuen ARM-Netbooks mit leistungsstarken aber stromsparenden Handy-CPUs der GHz-Klasse versprechen traumhafte Akkulaufzeiten in leichten, günstigen Laptops – und bieten mangels ARM-Windows eine große Chance für Linux. Von HP erreicht uns ein erstes Testgerät dieser neuen Geräteklasse, das HP Compaq Airlife 100.

Momentan vertreibt der Hersteller das mit Android ausgestattete Netbook nur in Spanien in Kooperation mit dem Mobilfunkprovider Telefonica zu einem Preis von 220 Euro mit Mobilfunkvertrag. Auch für die USA hat HP ein ähnliches Modell angekündigt, in Deutschland plant der Hersteller laut eigener Aussage jedoch bislang keinen Vertrieb.

Wir haben das Airlife 100 dessen ungeachtet gründlich unter die Lupe genommen, weil es examplarisch demonstriert, wie die kommende Generation ARM-basierter Netbooks aussehen wird. Weltweit bezeichnet man solche Geräte in Anlehnung an den Begriff "Smartphone" generisch als "Smartbooks". Hierzulande dürfen sie so aber nicht heißen, weil ein deutsches Unternehmen das Markenrecht an dem Begriff hält.

Hardware

Das nur ein Kilogramm leichte Gerät wird von einem QSD8250-Snapdragon-Chip mit 1 GHz von Qualcomm [1] angetrieben, der auch Googles Nexus One und dem HTC Desire Beine macht. Der CPU stehen 512 MByte RAM zur Seite, HP verbaut darüber hinaus 16 GByte Flash-Speicher, wobei 1 GByte fürs System reserviert bleibt.

An Funkschnittstellen lässt das Airlife 100 kaum Wünsche offen: WLAN nach 802.11g, Bluetooth 2.0 EDR, ein 3G-Modem (SIM-Slot integriert) und sogar GPS machen das Gerät uneingeschränkt mobil. Schlechter sieht es bei physischen Schnittstellen (Abbildung 1) aus: Außer Strom, Audio-Klinke, einem Micro-USB-Port (Slave – man kann das Airlife also nur als USB-Massenspeicher an einen PC anstecken) und einem SD-Kartenslot findet der Anwender keinerlei Anschlüsse. Weder USB-Host-Ports noch Ethernet oder Monitor-Ausgang hat das Gerät, das seine Handy-Nähe kaum verleugnen kann.

HP integriert in das 26,4 x 16,6 x 2,4 Zentimeter kleine Gerät auch eine sehr einfache Webcam mit gerade mal 0,3 Megapixeln Auflösung. Die integrierten Stereolautsprecher schallen für ein so kleines Gerät ordentlich laut und klingen dabei auch nicht zu blechern. HP gibt dem Gerät keinen Lagesensor mit auf den Weg; Bildschirmdrehung oder andere von der Geräteorientierung abhängige Bedienkonzepte fallen damit also flach. Beim Öffnen des Airlife 100 (Abbildung 2) überrascht, wie wenig Elektronik sich im Gehäuse findet, die Hälfte des Platzes nimmt bereits der Akku ein. Auch jegliche Lüfter, Heatpipes oder sogar nur Lüftungsschlitze fehlen.

Abbildung 2: Airlife 100 als Cabrio: Mittig unter der Tastatur sitzt das Funk-Modul für WLAN, Bluetooth, GPS und 3G (grün hervorgehoben), direkt rechts davon der hochintegrierte Qualcomm-Systemchip (rot).

Das von Qualcomm für die ARM-Netbooks beworbene Always on, always connected können wir mangels einer 3G-Verbindung nicht testen. Damit soll das Gerät ähnlich wie ein Mobiltelefon auch im zugeklappten Zustand online bleiben und E-Mails ohne langwieriges Aufwach- und Verbindungsprozedere schon direkt nach dem Aufklappen des Bildschirms anzeigen.

Einen gemischten Eindruck hinterlässt der 10,1-Zoll-Bildschirm, der die mit Abstand teuerste Komponente des Airlife 100 sein dürfte: Der Touchscreen bietet zwar die für Netbooks übliche Auflösung von 1024 x 600 sowie einen weiten Blickwinkel und hohe Helligkeit, doch stellt er nur 65 536 Farben dar ("Hi-Color"). Das fällt allerdings bei den meisten Bildern nicht wirklich auf; wir mussten lange nach einem Bild mit Farbverlauf suchen, bei dem man den Unterschied sieht.

Der Bildschirm beherrscht kein Multitouch, lässt sich dafür aber mit allen möglichen Gegenständen bedienen – eine Touch per Würstchen für Handschuhträger wie beim kapazitiven Touchscreen des iPhone [2] ist nicht nötig. Als lästig erweist sich, dass sich der Bildschirm nur bis zu einem Winkel von 124 Grad öffnen lässt – wer gerne mit dem Netbook auf dem Schoß arbeitet, hat das Nachsehen. Beim Scrollen per Wischen über den Bildschirm löst man manchmal auch unfreiwillig einen Klick aus. Die Bedienelemente am rechten Rand – etwa die Auswahlhaken für Dateien – kann man mit bloßem Finger manchmal nur schwer treffen, auch nach einer Touchscreen-Kalibrierung.

Wer Android von seinem Telefon kennt, weiß, was ihn erwartet. Durch den großen Bildschirm machen allerdings Anwendungen wie Google Maps oder das Websurfen ungleich mehr Spaß als auf einem winzigen Handy-Bildschirm.

Das (bei unserem Testgerät spanische) Tastaturlayout des ARM-Netbooks orientiert sich ganz an Android (Abbildung 3): So gibt es auf der Tastatur eine Such-Taste (für Programmschnellstart und um in der aktuellen Anwendung oder im Web zu suchen), zwei Menütasten (entspricht Rechtsklick, blendet eine anwendungsspezifische Menüleiste ein), eine Symbol-Taste (für Sonderzeichen wie Pfund, Dollar, Euro).

Abbildung 3: Kam uns Spanisch vor: Tastatur und Touchpad des Airlife 100.

Andererseits fehlen die Escape-Taste, alle F-Tasten sowie [Strg]. Ausschneiden und Einfügen funktionieren stattdessen über die Menütaste ([Menü]+[C]/[V]/[X]/[A]) oder je nach Anwendung auch über das Kontextmenü, das erscheint, wenn man lange auf ein Textfeld klickt. Text markieren Sie wie üblich mit gedrückter Umschalttaste. Ein Weiterschalten per [Tab] beherrscht Android noch nicht, Textfelder müssen Sie manuell anklicken.

Auch das Touchpad orientiert sich klar an Android-Bedürfnissen: Links davon residiert erneut eine Menütaste, rechts oben die Home-Taste (um zum Desktop zurückzukehren oder bei langem Druck zwischen laufenden Anwendungen umzuschalten) und rechts unten die Zurück-Taste, die unter Android ähnlich funktioniert wie das nicht vorhandene [Esc].

Das Touchpad selbst erlaubt ein Anklicken, was an Apples Touchpad erinnert. Jedoch fehlt der Airlife-Ausgabe die Multitouch-Funktion; es beherrscht weder Zwei-Finger-Scrolling, noch hat es einen Scrollbereich. Da Android auch das Anfassen und Ziehen eines Scrollbalkens nicht beherrscht, muss man dafür entweder den Touchscreen oder die Cursortasten bemühen – keine elegante Lösung. Auch Drag & Drop klappt nur umständlich, da man dabei zum Klicken den Finger auf das Touchpad drücken muss.

Betriebssystem

HP liefert das Gerät mit dem etwas angestaubten Android 1.6 "Donut" aus, das in 26 Sekunden vom ausgeschalteten Zustand bootet und später nach dem Öffnen des Bildschirms sofort bereitsteht. Ein Update auf die deutlich schnellere aktuelle Version 2.2 "Froyo" stellt der Hersteller bislang nicht in Aussicht. Leider hat Telefonica den Android-Store entfernt, so dass man sich zur individuellen Anpassung mit der manuellen Installation von APK-Paketen behelfen muss – entweder direkt aus dem Netz, als USB-Massenspeicher an den PC angeschlossen oder über die SD-Karte.

Eine Datenübertragung per Bluetooth scheiterte: Das Airlife 100 beherrscht lediglich das Advanced Audio Distribution Profile (A2DP) und das Audio/Video Remote Control Profile (AVRCP), unterstützt also eigentlich nur Bluetooth-Headsets. Wer in Ermangelung eines USB-Ports hofft, wenigstens eine Bluetooth-Maus nutzen zu können, schaut ergo in die Röhre: Dazu wäre Unterstützung für das Bluetooth-HID-Profil notwendig, für die Dateiübertragung bräuchte man OPP – das es standardmäßig erst ab Android 2.0 "Eclair" gibt.

Das Verbinden mit dem WLAN klappt einwandfrei, eine 3G-Verbindung bekommen wir mit dem Gerät hierzulande jedoch nicht hin: Eine Einwahl mit der mitgelieferten Telefonica-Karte in alle drei großen deutschen Netze klappt nicht. Auch eine Fonic-SIM-Karte lässt sich im Gerät nicht nutzen, da es per SIM-Lock an den Provider gebunden ist.

Ein normales Linux gibt es für das brandneue Airlife 100 noch nicht. Immerhin stellt HP in vorbildlicher Manier den Quelltext des Kernels ohne Zögern zum Download bereit [3]. Interessierte Linux-Tüftler sollten damit – und mithilfe der Qualcomm Entwickler-Community [4] – Linux schnell lauffähig bekommen. Darüberhinaus sind die ARM-Hersteller (zusammen mit Linux-Herstellern wie Canonical) im Rahmen des Linaro-Konsortiums [5] gerade erst dabei, für die ARM-Plattform Dinge wie den Boot-Prozess, die DSP-Anbindung oder das Booten von USB zu standardisieren.

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