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© Pavel Losevsky, 123rf.com

Teamwork

Gemeinsam Texte bearbeiten

09.07.2010
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Im 21. Jahrhundert steht auch die Textverarbeitung vor neuen Herausforderungen – die klassischen Systeme sind nicht mehr zeitgemäß. Kollaborative Lösungen wie Google Docs, Gobby und Titanpad buhlen um die Nachfolge.

Textverarbeitung – also das Erstellen, Strukturieren und Korrigieren von Texten, ist mit Computern schon seit Anbeginn ihrer Zeit eng verbunden. Spätestens, seitdem PCs auch auf Schreibtischen oder in Hemdtaschen Platz finden, sind sie das Hauptwerkzeug eines jeden Autors.

Dabei erfuhren die grundlegenden Schritte beim Arbeiten mit Text – also das Öffnen oder Erstellen einer Datei, das Schreiben und Korrigieren des Textes und das abschließende Speichern – in den Textverarbeitungsprogrammen der letzten 30 Jahren kaum Änderungen. Derweil haben sich die Dateiformate zu ungeahnter Komplexität entwickelt (seinerzeit reichten noch wenige Steuer- und Symbolzeichen im ASCII-Satz für alle Formatierungsfragen), und auch die Speichermedien wandelten sich im Lauf der Jahrzehnte: Was seinerzeit das Band, die Diskette oder vielleicht sogar schon die 20-MByte-Festplatte waren, sind heutzutage Flash-Speicher, Netzlaufwerke oder die Cloud.

Das führt in den zunehmend vernetzten und dezentralen Arbeitsumgebungen von heute zu Problemen beim gemeinschaftlichen Arbeiten. Früher konnte man den Text ausdrucken, gemeinschaftlich korrigiert und mit Notizen und Kommentaren versehen, ein Großteil der Kommunikation fand direkt statt. In der verteilten Arbeitsumgebung des 21. Jahrhunderts sieht das ganz anders aus. Mit Software wie Microsoft Sharepoint [1] versuchen einschlägige Anbieter einen Teil dieser Arbeitsschritte in die digitale Welt zu übernehmen – das Redigieren, Kommentieren und Synchronisieren der Dokumente lösen solche Ansätze bereits weitgehend. Das Gefühl von Stift und Papier beim Korrigieren können sie aber genauso wenig erreichen wie die verbale Kommunikation ersetzen.

Wo sich solche kommerziellen Lösungen nicht einsetzen lassen, bleibt nur der Rückgriff auf die technischen Möglichkeiten, die schon seit Jahrzehnten bestehen: der zentrale Dateiserver, Dokumentenversand via E-Mail oder gar der Datenaustausch über ein externes Speichermedium. Wer schon einmal unter Zeitdruck gemeinschaftlich an einem Dokument wie an einer Ausschreibung oder einem wissenschaftlichem Artikel geschrieben hat, weiß, wie anstrengend sich das Arbeiten auf diesem technischen Stand gestaltet. Eine Vielzahl an Dokumentversionen, die innerhalb von wenigen Stunden zwischen mehreren Teilnehmer hin und her wandern, sind da keine Seltenheit.

Gemeinsam texten

Aus diesem Grund haben sich mehrere Gruppen die Aufgabe gestellt, die Art des Umgangs mit Dokumenten und die Arbeitsweise von Textverarbeitungen zu erneuern. Um eine bessere Zusammenarbeit zu ermöglichen, gilt es, sich von den alten Zöpfen der Textbearbeitung zu trennen.

Bei einem Dokument der neuen Art handelt es sich nicht mehr um eine Datei, sondern lediglich um eine Ansammlung von Zeichen. Änderungen landen folglich nicht mehr in einem einmal abgespeicherten File, sondern lediglich in einem Protokoll: Die Anwendung hält jeden Tastendruck fest, der das Dokument verändert. Dieses Konzept macht es leicht, solche Modifikationen nicht nur lokal vorzuhalten, sondern sie auch an andere Teilnehmer weiterzusenden. Da jede Änderung einzeln und relativ zu einem Textsegment im Dokument stattfindet, lassen sich Korrekturen am selben Satz oder sogar im selben Wort relativ leicht zusammenführen, selbst wenn alle Benutzer gleichzeitig daran arbeiten.

Diese Vorgehensweise wandelt das Feld der Textverarbeitung grundlegend: Mehrere Personen können nun gemeinsam in einem frischen Dokument eine Kapitelstruktur entwerfen, die einzelnen Kapitel auf die Mitstreiter aufteilen und das Ergebnis nachher gemeinschaftlich korrekturlesen und überarbeiten, ohne dass sie dazu jemals das Programm verlassen müssen.

Dabei handelt es sich übrigens beileibe nicht um ein neues Konzept – die ersten kommerziellen Implementierungen dieser Technologie waren schon 1991 bei Kunden im Einsatz. Den wirklichen Durchbruch dieser Technik ermöglichten allerdings erst das Internet und moderne Webstandards mit komplexen, browserbasierten Applikationen. Damit war das Zeitalter der echtzeitkollaborativen Texteditoren eingeläutet.

Im Folgenden stellen wir eine Auswahl auch für Linux-Anwender zugänglicher Editoren dieser Gattung vor.

Titanpad

Titanpad [2] ist gleichermaßen Software wie Service. Die Software [3] basiert direkt auf der Ende 2009 von Google als Open Source freigegebenen Etherpad-Software [4]. Letztere stellte vorher den Unterbau für Etherpad.com, dessen Betreiber Appjet Google Ende 2009 kaufte und in das Google-Wave-Team integrierte. Nach der Schließung von Etherpad.com zum 14. Mai 2010 entschieden sich einige Interessenten und Firmen dazu, Etherpad als Dienst in mehr oder weniger stark veränderter Form weiter zu betreiben.

Bei Titanpad handelt es sich um einen solchen Nachfolger, den die Autoren dieses Artikels betreiben und mittels dessen Hilfe auch dieser Artikel verfasst wurde. Rund um das Original-Etherpad hat sich außerdem die Etherpad Foundation [5] gebildet, ein weiterer bekannter Betreiber ist Sync.in [6]. Im Gegensatz zu den meisten anderen Etherpad-Derivaten hat Titanpad den Anspruch, weiterhin Open Source zu sein und gleichzeitig einen möglichst stabilen Dienst anzubieten.

Um Titanpad zu nutzen, brauchen Sie erst einmal nichts außer einer Internetverbindung und einem halbwegs modernen, Javascript-fähigen Browser – also beispielsweise Firefox ab Version 3, Opera ab Version 9 oder Chromium/Chrome. Im Webbrowser erzeugen Sie dann auf Titanpad.com mit einem Mausklick auf Create public pad ein neues "Pad", in dem Sie Text schreiben. Sobald Sie die URL zu diesem Pad weitergeben, können auch andere sofort den Text gleichzeitig mit Ihnen editieren und über den integrierten Chat mit Ihnen kommunizieren. Das alles funktioniert ganz ohne Anmeldung und Registrierung lediglich auf Basis der von Titanpad für das Pad vergebenen URL.

Änderungen der anderen Autoren sehen Sie normalerweise nach weniger als einer Sekunde (neuhochdeutsch: "true realtime"). Titanpad hebt die Modifikationen farblich hervor, wobei jeder Autor seine eigene Farbe bekommt (Abbildung 1). Um Texte auch aus anderen Formaten zu importieren oder weiterzugeben, stehen Import-Funktionen von Klartext, HTML, Word und RTF sowie Export-Funktionen nach Klartext, HTML, ODF, PDF und Word zur Verfügung.

Abbildung 1: Titanpad hebt die Textanteile und Modifikationen der einzelnen Autoren übersichtlich farblich hervor. Im Chat (rechts unten) besprechen die Bearbeiter parallel das weitere Vorgehen.

Alte Versionen des Dokuments sehen Sie sich über den Time Slider relativ granular an, auch ohne dazu explizit eine Version speichern zu müssen. Über das Disketten-Symbol in der Bearbeitungsleiste speichern Sie daneben gezielt bestimmte Versionsstände. Allerdings bedeutet die automatische Speicherung auch, dass Sie Texte, die Sie einmal eingegeben haben, nicht mehr aus Titanpad herausbekommen. Außerdem kann jeder, der die URL des Pads kennt, den Text und alle alten Versionen lesen sowie neuen Inhalt einfügen.

Wünschen Sie etwas mehr Vertraulichkeit, dann legen Sie über den Punkt Get your own private space auf der Titanpad-Homepage einen sogenannten Pro-Account an, wozu Sie lediglich eine gültige Mailadresse angeben müssen. Sie erhalten dann eine Subdomain wie etwa linuxuser.titanpad.com. Dort legen Sie wiederum Pads an – allerdings mit dem Unterschied, dass vorerst nur solche Personen diese Pads editieren können, die Sie als Pro-Account-Administrator dazu einladen. Daneben sehen Sie im Pro-Account eine Liste aller Pads, die Sie dort angelegt haben, und können diese sowohl löschen als auch exportieren. Bei Titanpad bleibt auch diese Funktion für jeden gratis, während einige der anderen Etherpad-Nachfolger dafür eine Gebühr einigen US-Dollar monatlich verlangen.

Zu den größten Nachteilen des Titanpad-Konzepts zählt, dass Sie zum Editieren und Ansehen der Pads stets eine aktive Internetverbindung benötigen. Zudem liegen die Daten in der Cloud, also beim jeweiligen Anbieter – dem Sie je nach Inhalt also Einiges an Vertrauen entgegenbringen müssen. In der Praxis fehlen außerdem noch etliche wünschenswerte Features, wie etwa eine bessere Desktopintegration mit einer Benachrichtigung bei neuen Chat-Nachrichten oder Änderungen sowie eine deutsche Lokalisierung der Oberfläche.

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