Die Demokratische Volksrepublik Korea gilt als das weltweit restriktivste totalitäre System der Gegenwart [1]. Das zeigt sich auch im weltweiten Netz: Während sich die – auch nicht eben als demokratische Musterknaben geltenden – Nachbarn in der Volksrepublik China damit begnügen, den Netzzugang ihrer Bürger über die sprichwörtliche Große Firewall zu zensieren, haben die Nordkoreaner sich auch im Web hermetisch nach außen abgeschottet: Fast alle Rechner des Landes arbeiten in einem riesigen "lokalen Netz" mit privaten IP-Adressen aus dem 10er-Bereich, sodass weder ein Zugriff nach außen ins WWW funktioniert, noch ein Zugang von außen auf Computer in Nordkorea. Das Surfen im Internet bleibt Behörden, dem Militär und wenigen, hochrangigen Kadern der nationalstalinistischen "Partei der Arbeit" vorbehalten. Die wenigen im Netz zugänglichen Websites Nordkoreas werden samt und sonders im Ausland gehostet (Abbildung 1).
Pjöngjangs roter Stern
Trotz – oder gerade wegen – dieser strikten Isolation (Abbildung 2) giert das Regime geradezu nach Hochtechnologie. Dazu gehören Raketen für Militär und Raumfahrt, Nuklear(waffen)technik und – Linux. Mindestens seit 2006 arbeitet man im "Koreanischen Computerzentrum" (KCC, [2]) an der Entwicklung eines einheimischen Linux-Derivats – im Juni 2006 interviewte die in Japan erscheinende Zeitung "Choson Sinbo" [3] zwei der Entwickler. Gemäß der offiziellen Lesart wurde die Distribution namens "Roter Stern" vom Staatschef Kim Jong-il höchstpersönlich ins Leben gerufen, um ein originär nordkoreanisches Betriebssystem zu schaffen, mit dem man den Anschluss an westliche IT-Standards schaffen will [4]. Da der "geliebte Führer" jedoch nach amtlicher Sprachregelung ohnehin alles von der Düngung der Felder mit menschlichen Exkrementen bis zum Großkraftwerksbau "persönlich anleitet", erscheint dieses Detail zumindest zweifelhaft.
Nachdem jahrelang über das nordkoreanische Linux kaum etwas zu erfahren war, geisterte "Red Star OS" vor einigen Wochen überraschend weltweit durch die Medien und Blogs: Ein in der Hauptstadt Pjöngjang studierender junger Russe hatte das Betriebssystem – es trägt inzwischen bereits die Versionsnummer 2.0 – auf Datenträgern entdeckt, ein Exemplar für den Gegenwert von rund 3,50 Euro erworben und darüber in seinem Blog berichtet [5]. LinuxUser setzte daraufhin alle Hebel in Bewegung, um ein Exemplar dieser exotischen Distribution näher untersuchen zu können. Auf recht verschlungenen Wegen und letztlich nur mithilfe eines glücklichen Zufalls gelang es uns schließlich, eine CD der Desktop-Variante (laut unserer Quelle gibt es in Nordkorea auch eine Server-Edition) in die Hände zu bekommen. Sie finden die Disk bootfähig und als ISO-Image für eigene Experimente auf der B-Seite der Heft-DVD. Unseres Wissens handelt es sich dabei derzeit um die einzige außerhalb Nordkoreas frei verfügbare Kopie der Distribution.
RED STAR OS 2.0 SELBST AUSPROBIEREN
Falls Sie die nordkoreanische Distribution selbst ausprobieren wollen, finden Sie die LinuxUser-Ausgabe 05/2010 mit Red Star OS 2.0 auf Heft-DVD ab Donnerstag, 22. April 2010 am Kiosk. Sie können das Heft auch unter http://shop.linuxnewmedia.de/nav/linuxuser/ online bestellen.
Roter Stern mit rotem Hut
Der "Rote Stern" stellt nur mäßige Hardware-Anforderungen und begnügt sich mit einem Pentium 3 ab 800 MHz Taktrate, 256 MByte RAM und 3 GByte Platz auf der Festplatte. Die Client-Version besteht aus zwei CDs: Eine enthält das Kernsystem (auf Heft-DVD), die andere (uns nicht vorliegende) zusätzliche Programme (Abbildung 2).
Das ausschließlich nordkoreanisch lokalisierte System (dazu später mehr) stellt nach dem Booten (Abbildung 4) nur wenige Fragen und startet direkt eine Installationsroutine. Die legt nicht einmal ein Benutzerkonto an, sondern belässt es beim Root-Account. Schon im zweiten Schritt partitioniert die Routine die Festplatte wahlweise automatisch oder manuell, kurz danach schaufelt der Installer die Dateien darauf. Eigene Einrichtungsversuche unternehmen Sie am besten in einer virtuellen Maschine, ersatzweise auch auf einem ansonsten leeren System: In unseren Tests löschte Red Star OS 2.0 grundsätzlich und ohne jede Sicherheitsabfrage stets die Daten aller existierenden Partitionen auf dem Rechner. Die Vergabe der IP-Adresse für den Rechner belassen Sie idealerweise auf der Voreinstellung, also per DHCP.
Wie eine erste Analyse zeigt, stammt das mit dem RPM-Paketsystem arbeitende Red Star OS 2.0 von Fedora ab. Als Basis diente der Bibliotheksausstattung nach zu schließen höchstwahrscheinlich Fedora Core 5, was auch zum vermuteten Entwicklungsstart im Jahr 2006 passt. Entsprechend arbeitet das nordkoreanische Linux mit Kernel 2.6.25-14, als Desktopumgebung bringt es KDE 3.5.1 mit. Nach der Installation präsentiert es sich mit einer aufgeräumten Oberfläche, auf der sich nur Icons für den Dateimanager, den Papierkorb und eine HTML-basierte Einführung ins System finden.
Als Desktop-Anwendungen liefert die Core-CD neben einigen einfachen Programmen und Spielen aus dem KDE-Fundus lediglich Firefox 2.0.0.8 – er heißt hier Naenara ("Mein Land", Abbildung 6) – sowie den MPlayer 1.0 mit. Zur weiteren Ausstattung zählen der CD-Ripper CD-Paranoia, Cups 1.1.23 samt einer ganzen Latte Druckertreiber, mehrere Schriften (Koreanisch, Chinesisch, Japanisch, Arabisch, Bengali, Hindi), Gtk2 2.8.15 und der Bildbetrachter Gwenview 1.4. Die Paketverwaltung des Systems (Abbildung 7) basiert auf Yum.
Erst auf der zweiten CD finden sich Anwendungen wie OpenOffice 3.0 (Abbildung 8), Gimp 2.2 oder K3b 1.1 (Abbildung 9). Mittels Bluemail und Bluefax können sich Anwender E-Mails oder Fernkopien zukommen lassen, mit Wine die vermissten Lieblings-Windows-Programme ausführen. Als Sicherheitsapplikationen liegen die Antivirus-Anwendung "Woodpecker" und die Firewall-Applikation "Festung Pjöngjang" bei.



