Nordkoreanisches

Red Star OS 2.0 bietet außer der nordkoreanischen keine weiteren Lokalisierungen an. Ob sich das System online aktualisieren und um weitere Programme oder Sprachen ergänzen lässt, können wir zwar mutmaßen, aber nicht ausprobieren: Alle verlinkten IP-Adressen (inklusive der Suchfunktion im Webbrowser) verweisen ins nordkoreanische "Intranet".

Entgegen der in manchen Blogs zu findenden Behauptung, Red Star OS sei "kaum ideologisch gefärbt", weist das System neben den exotischen Anwendungsnamen zahlreiche deutliche Hinweise auf die Parteilinie auf. Das beginnt bereits mit der Datumsanzeige, die gemäß der Chuch'e-Staatsideologie [6] auf dem Geburtsdatum des "Großen Führers" Kim Il-sung beruht, des Staatsgründers und Vaters des derzeitigen Diktators: In Nordkorea schreibt man derzeit das Jahr 99 nach Kim Il-sung (Abbildung 10).

Abbildung 10: In Nordkorea zählt man die Jahre nicht nach Christi Geburt, sondern nach jener des Diktators Kim Il-sung.

Dem Audioplayer haben die Entwickler einige markige sozialistische Märsche beigelegt, unter /usr/share/backgrounds/images und /usr/share/wallpapers finden sich zudem als Hintergrundbilder stark retuschierte Landschaftsbilder in klassisch stalinistisch idealisierter Manier. Darunter befinden sich so sehenswerte Motive wie "Blühende Landschaften mit volkseigenen Traktoren" oder "Idyllische Winterlandschaft mit 57-Millimeter-Flakgeschützen" (Abbildung 11).

Abbildung 11: Winteridylle auf nordkoreanisch: Verschneite Landschaft mit Elstern und 57mm-Flak.

Besonders das letztere demonstriert, wie akribisch Staat und Partei in Nordkorea auch in kleinste Details eingreifen: Das Bild zeigt nicht etwa irgendwelche (sonst fast ausschließlich aus der VR China stammende oder von russischen Vorbildern kopierte) nordkoreanische Waffen, sondern eines der ganz wenigen originär heimischen Produkte – Chuch'e lässt grüßen.

Einheimische Anwendungen dagegen sucht man in Red Star OS 2.0 weitgehend vergebens. Lediglich unter den nachinstallierbaren Paketen finden sich ein Exemplar des Spiels Janggi, des koreanischen Gegenstücks zum westlichen Schach (Abbildung 12).

Abbildung 12: Zu den wenigen mitgelieferten einheimischen Anwendungen zählt das Spiel Janggi, das in Korea etwa den selben Rang einnimmt, wie Schach im Westen.

Fazit

Das als Studienobjekt hochinteressante Red Star OS 2.0 verrät bei näherer Betrachtung viel über das tägliche Leben in Nordkorea. Betroffen macht dabei insbesondere die Tatsache, wie einfach sich das freie Betriebssystem von einem repressiven Regime zur Gängelung seiner Untertanen missbrauchen lässt. Dabei dient das Linux-Derivat offenbar gerade einmal als "zweite Wahl" für das Fußvolk: Die Nomenklatura setzt nach Angabe unseres Kontakts in Nordkorea lieber auf Windows XP, Vista oder inzwischen – vereinzelt – auf Windows 7. 

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Kommentare
Kommunistische Staaten und Linux
David (unangemeldet), Freitag, 16. April 2010 22:25:24
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Dass kommunistische Staaten Linux einsetzen ist kein Einzelfall:

http://de.wikipedia.org/wiki/Nova_%28Linux-Distribution%29
http://www.nova.uci.cu/website/

Die Kubaner haben auch ihre eigene Distribution, die aber auf Gentoo basiert.


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Re: Kommunistische Staaten und Linux
Daniel Kottmair, Montag, 19. April 2010 13:05:08
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Die Kuba-Distri "Nova" hatten wir auch schon in Heft 5/09, Besprechung siehe hier: http://www.linux-community....l/LinuxUser/2009/05/Cuba-Libre


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Re: Kommunistische Staaten und Linux
René Franke, Montag, 19. April 2010 14:14:49
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Der Vollständigkeit halber sei darauf hingewiesen, dass "kommunistischer Staat" eine Contradictio in adjecto ist. Siehe K. Marx et al.


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Re: Kommunistische Staaten und Linux
Jörg Luther, Montag, 19. April 2010 15:36:57
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Im Artikel kommt mit Bedacht an keiner Stelle "Kommunismus" oder "kommunistisch" vor.

Die Behauptung allerdings, bei "kommunistischem Staat" handle es sich um einen Widerspruch in sich, kann ich so nicht nachvollziehen. Der Kommunismus will die Produktionsmittel aus Privat- in Gemeinbesitz überführen, in der Folge würde dann der Staat "absterben". Vorher gibt's aber laut Marx und Engels sehr wohl noch einen Staat, nur eben unter der Herrschaft der "Arbeiterklasse".

Waren nicht Sowjetunion, DDR etc. nach offizieller Lesart solche "absterbenden" Staaten? Das mit dem Absterben haben sie ja ganz gut hinbekommen ...


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Bin ich froh....
Torsten (unangemeldet), Freitag, 16. April 2010 22:19:26
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Bin ich froh, daß ich nicht in diesem verrückten und besoffenen Staat leben muss....
Hoffentlich werden die Nordkoreaner endlich bald einmal befreit von diesen verrückten Vollidioten, die dieses arme Land seit Jahrzehnten knechten und knebeln.


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