Editorial

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22.04.2010

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

in einem Interview mit der deutschen Entwickler-Zeitschrift t3n [1] verlieh unlängst Serguei Beloussov, der CEO von Parallels [2], recht eindeutig seiner Einstellung zu freier Software Ausdruck: In seinen Augen ist Open Source "ein riesiger Haufen Scheiße" [3]. Das Herumgerede von Community erinnere ihn an seine Jugendzeit im Kommunismus. Bei freier Software werde oft nicht nach den Bedürfnissen der Anwender oder technischen Anforderungen entschieden, sondern nach den persönlichen Vorlieben der Projektleiter, ärgerte sich der Parallels-Chef.

Schön, das wir jetzt mal aus erster Hand wissen, was Firmen, die ihre gesamte Wertschöpfungskette auf Linux aufsetzen, wirklich von FOSS halten. Natürlich brach auf Beloussovs Äußerungen hin ein wahrer Sturm der Entrüstung in der Open-Source-Gemeinde los, worauf der Parallels-Häuptling ganz schnell zurückruderte: So sei das alles garnicht gemeint gewesen, er habe doch nur Spaß gemacht, beteuerte er.

Als wolle er den reuigen Sünder Beloussov Lügen strafen, sorgte kurz darauf Ubuntu-Mäzen Mark Shuttleworth seinerseits für breit gestreute Empörung. Im Zug der Generalrenovierungsarbeiten an der südafrikanischen Distribution im Vorfeld des Releases von "Lucid Lynx" hatten die Entwickler die Bedienelemente des Fenstermanagers in der Titelleiste von rechts nach links verschoben.

Das goutierten nicht alle Anwender, und nicht wenige forderten via Launchpad, diese Entscheidung wieder rückgängig zu machen. Shuttleworth klinkte sich in die Diskussion ein, und beendete sie schließlich, als ihm das ganze zu bunt wurde, mit der lapidaren Bemerkung, was die Benutzer wollten, sei nicht entscheidend: "[Ubuntu] ist keine Demokratie. Gutes Feedback und gute Daten sind willkommen. Aber über unsere Designentscheidungen gibt es keine Diskussionen." [4] Uiuiui – Benutzer nicht entscheidend, keine Demokratie: Hatte am Ende Serguei Beloussov doch recht mit seiner Behauptung, freie Software ignoriere die Bedürfnisse der Anwender?

Die überraschende Antwort: Ja, das hat er (zumindest halb) – und das ist auch gut so. Wären nicht die meisten FOSS-Projekte, und allen voran Linux selbst, von "wohlwollenden Diktatoren" gesteuert, hätte die freie Software es niemals geschafft, vom Nullpunkt aus binnen 20 Jahren die kommerzielle Welt zuerst ein- und dann technisch auch zu überholen. Mark Shuttleworth dagegen liegt (ebenfalls zumindest halb) falsch: Wie viele andere Open-Source-Projekte ist Ubuntu durchaus eine Art Demokratie, aber eher eine repräsentativ-präsidiale. Eine Basisdemokratie leisten sich nur noch einzelne Schweizer Kantone – und Debian.

Herzliche Grüße,

Jörg Luther

Chefredakteur

Infos

[1] Homepage der Zeitschrift t3n: http://t3n.de

[2] Homepage von Parallels: http://www.parallels.com

[3] "Ein riesiger Haufen Scheiße": http://t3n.de/news/interview-parallels-ceo-serguei-beloussov-open-source-269603/

[4] "This is not a democracy": https://bugs.launchpad.net/ubuntu/+source/light-themes/+bug/532633/comments/167

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