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Zug um Zug

Shredder 12 im Test

Nachholbedarf

Shredder 9 steckte vor drei Jahren gerade wegen der Java-Oberfläche und damit zusammenhängender Performance- und Installationsprobleme viel Kritik ein. Die Shredder-Entwickler konnten hier bereits in der Version 11 deutlich nachbessern. Die Oberfläche von Shredder 12 läuft nun stabil, fehlerfrei und flüssig animiert. Probleme mit dem Startskript gehören der Vergangenheit an, was laut Meyer-Kahlen (siehe Kasten "Stefan Meyer-Kahlen im Gespräch") vor allem der Linux-Community zu verdanken ist. Die Arbeitsbereiche wirken durchdacht und intuitiv.

Der zweite große Kritikpunkt bleibt aber auch nach drei Jahren noch immer bestehen: Die Datenbank für gespielte oder gesammelte Partien arbeitet zwar gut, nimmt aber nicht mehr als 2000 Spiele auf. Als Suchkriterien kommen bestimmte Turniere oder Spieler infrage. Eine Stellungssuche in Datenbanken mit 100 000 oder mehr Einträgen, wie andere Programme sie kennen, erlaubt Shredder dagegen nicht – ein echtes Manko.

Fazit

Dem Shredder-Entwickler Stefan Meyer-Kahlen gelang mit Shredder 12 eine rundum verbesserte Neuausgabe nicht nur der Schach-Engine, sondern auch der Java-GUI. Dabei verzichtete er auf eine unübersichtliche Feature-Flut und fügte stattdessen nur wirklich nützliche Funktionen hinzu.

Wer unter Linux ernsthaft Schach spielen möchte, kommt an Shredder kaum vorbei. Dem weniger ambitionierte Gelegenheitsspieler bleibt es überlassen, ob er die marktüblichen Preise für professionelle Schachsoftware zahlen möchte. Eine umfassendere Datenbankfunktionen und Engine-Wettkämpfe würden das Gesamtpaket deutlich aufwerten. Die Tabelle "Pro & Kontra" fasst noch einmal alle wichtigen Funktionen und Kritiken zusammen.

Pro & Kontra

+ weltmeisterlich starke Spiel-Engine
+ konfigurierbare Gegner mit menschlichen Verhaltensweisen
+ eigene Spielstärkenkontrolle
+ intuitiv bedienbare und flüssig arbeitende Oberfläche
+ umfassende Konfigurationsmöglichkeiten der Engine
+ umfangreiche Analysemöglichkeiten und Variantenerzeugung
+ Onlinezugriff auf umfangreiche Eröffnungsbücher und Endspieldatenbanken
- unzureichende Datenbankfunktionalität für Partien
- keine Engine-Zweikämpfe möglich

Stefan Meyer-Kahlen im Gespräch

Stefan Meyer-Kahlen entwickelt seit 1993 seine "Shredder-Familie". 2006 erweiterte er die Produktpalette auch auf das freie Betriebssystem Linux. Das Programm Shredder ist mehrmaliger Computerschach-Weltmeister.

LinuxUser: Herr Meyer-Kahlen, Shredder gilt als einzige kommerzielle Lösung für eine Oberfläche mit professioneller Engine unter Linux. Was hat Sie als mehrmaligen Computerschach-Weltmeister dazu bewogen, Shredder auch für das freie Betriebssystem zu entwickeln?

Stefan Meyer-Kahlen: Die Engine von Shredder, also der Teil, der die Spielzüge berechnet, läuft mittlerweile völlig plattformunabhängig. Sie ist in C geschrieben und arbeitet auf allen Plattformen, für die ein C-Compiler existiert. Es lag also nahe, Shredder auch auf anderen Betriebssystemen anzubieten. Insbesondere hatte ich Mac OS und Linux im Blick, da es für diese Plattformen damals noch keine kommerziellen Schachprogramme für gehobene Ansprüche gab. Es fehlte also "nur" noch eine GUI.

LU: Welche Erfahrungen haben Sie bisher damit gemacht, kommerzielle Software unter dem freien Betriebssystem Linux anzubieten?

SMK: Die Erfahrungen unterscheiden sich zum Teil völlig von meinen bisherigen Erlebnissen auf anderen Plattformen. So liegt bei einer Fehlermeldung von Kunden oft auch schon gleich ein Fix bei, der das Problem behebt. Wir hatten zum Beispiel ein paar kleinere Probleme in früheren Versionen des Skripts, das Shredder startet. Von einigen Kunden hab ich dann direkt ein neues Skript bekommen, das die Probleme behebt und tatsächlich viel besser läuft. Auch bedanken sich viele Kunden bei uns, dass wir Shredder auch für Linux anbieten. Beides ist mir mit der Windows-Version von Shredder bisher noch nie passiert.

LU: Warum haben Sie sich explizit für die Java-Oberfläche entschieden? Java-Programme stehen doch in dem Ruf langsam zu sein.

SMK: Wie gesagt, wir wollten damals eine GUI für Mac und Linux. Java stellte da die beste Wahl dar, zumal wir auch schon Erfahrungen damit hatten. Java ist übrigens viel schneller als sein Ruf. Insbesondere bei der Benutzeroberfläche wartet der Prozessor heute ohnehin die meiste Zeit nur auf Benutzereingaben und langweilt sich. Die Schachengine, also der extrem performancekritische Teil, ist ja in C geschrieben, läuft also als nativer Code mit voller Geschwindigkeit.

LU: Wie kam es zu dem Namen Shredder? Möchte Ihr Programm seine Gegner gern schreddern?

SMK: Ja, das hat sich wohl zur Hauptbedeutung entwickelt. Der Ursprung des Namens ist allerdings ein anderer: Als ich vor langer Zeit mit Shredder anfing, war ich ein sehr aktiver Windsurfer. Wenn man beim Windsurfen oder Surfen eine Welle abreitet, dann hinterlässt man mit seiner Finne (das kleine Ding, das unten am Surfbrett hängt) eine Spur in der Welle. Man zerschneidet oder zerschreddert also die Welle.

LU: Ihre Engine schlägt vermutlich weit über 90 Prozent aller Anwender. Hat die Shredder-Oberfläche für die Zukunft Ambitionen, sich zu erweitern oder sich gar in Richtung einer Datenbank à la Chessbase zu entwickeln?

SMK: Ich würde eher sagen, dass Shredder 99,99 Prozent aller Anwender locker schlägt – auf schnellen Rechnern mit Deep Shredder wohl sogar 100 Prozent. Trotzdem ist natürlich eine möglichst hohe Spielstärke gut für die Analyse oder Zugvorschläge in einer Partie. In der aktuellen Version von Shredder habe ich auch sehr viel Arbeit darin investiert, dass der Benutzer Shredders Spielstärke stufenlos einstellen kann und die Engine dann so spielt wie ein menschlicher Spieler mit dieser Spielstärke. Das Programm macht dabei sogar die typischen Fehler eines entsprechenden menschlichen Spielers und passt sich auf Wunsch automatisch der eigenen Spielstärke an. Der Weg geht also eher weg von der reinen Spielstärke hin zu Features, die für den Anwender nützlich sind.

LU: Gibt es noch große Unterschiede zwischen der Windows-Version und den Ausgaben für Linux und Mac? Wenn ja: warum?

SMK: Es gibt mehrere Gründe: Beispielsweise laufen beide auf einer völlig verschiedenen Codebasis und sind sogar in einer anderen Programmiersprache geschrieben. Die Windows-Version ist viel älter und hat mehr Funktionen, was sie aber aber eher unübersichtlicher und schwerer zu bedienen macht. Die Funktionen der Linux- und Mac-Version decken 95 Prozent aller Anwendungsfälle ab. Kunden, die beide Versionen kennen, gefällt oft die Linux-Version sogar besser, da sie außerdem auch moderner aussieht. In der Regel versuchen wir, beide Versionen aneinander anzupassen. Das geschieht aber eher durch Weglassen von Funktionen in der Windows-Version. Die Engine ist übrigens auf allen Plattformen identisch.

SMK: Können Sie von Shredder leben oder gehen Sie als Programmierer noch anderen Professionen nach?

Nein, ich lebe nur von Shredder – oder besser gesagt vom Computerschach, da wir zum Beispiel auch einen Schachlernkurs anbieten. Es gibt mittlerweile auch sehr viele Shredder-Varianten für alle möglichen Plattformen. So haben wir etwa eine Version für das iPhone und Windows Mobile sowie eine sehr erfolgreiche kostenlose Onlineversion auf Shredderchess.de, gegen die man direkt im Browser spielen kann. Das jüngste Kind der Familie ist eine spezielle Webanwendung für mobile Geräte mit Android. Es gibt also für mich im Computerschach mehr als genug zu tun.

Infos

[1] Shredder 12 für Linux: http://www.shredderchess.de/schach-software/linux.html

[2] Schwedische Weltrangliste: http://ssdf.bosjo.net/list.htm

[3] Shredder 9 im Test: http://www.linux-user.de/ausgabe/2006/03/088-shredder/

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Infos zum Autor

Mirko Albrecht

Mirko Albrecht schreibt seit Ende 2004 regelmäßig Beiträge für die Zeitschriften LinuxUser und EasyLinux. Wenn er nicht gerade eine neue Distribution ausprobiert, spielt er gern Schach oder fotografiert die Welt.
Seine Rechner werden meist von Xubuntu oder Opensuse bevölkert.


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