Wer auf seinem Linux-System Schach spielen möchte, findet in nahezu jeder Distribution schnell ein Programm: Es gibt kaum eine Distribution, die nicht wenigstens ein kleines Tool für die schnelle Partie zwischendurch anbietet. In den umfangreichen Repositories tummeln sich dann noch verschiedene Schachgehirne ("Engines") und für Vereinsspieler auch die großartige Datenbank Scid.

Doch leidenschaftlichere Spieler oder gar semiprofessionelle Vereinsmeister schielen immer wieder mit neidischem Blick auf kommerzielle Software aus dem Windows-Lager. So finden sich beispielsweise in der ewigen Bestenliste für Schachengines [2] unter den ersten Zehn ausschließlich teure Programme für Windows.

Weltmeister für Linux

Doch ein Weltmeister hat sich aufgemacht, sein Programm auch unter dem freien Betriebssystem anzubieten. Der Entwickler Stefan Meyer-Kahlen veröffentlichte nach vielen Titeln als Computer-Schachweltmeister bereits 2006 sein Programm Shredder [1] erstmals für Linux. Die damalige Version 9 begutachteten wir bereits mit neugierigem Blick [3].

In der Zwischenzeit hat Shredder die Version 12 erreicht. Sie verspricht gegenüber dem Vorgänger noch einmal deutliche Verbesserungen in der Spielstärke. Ob die Funktionalität der Oberfläche ebenfalls zugelegt hat und der Entwickler die teils noch großen Mängel der alten Version 9 zu beheben wusste, haben wir für Sie getestet.

Dreimal schreddern, bitte!

Shredder 12 erscheint wie gewohnt in drei Ausgaben für Linux: Hinter dem Namen "Shredder Classic 4" verbirgt sich die überarbeitete Oberfläche mit einer abgespeckten Engine. Die volle Spielstärke mit gleichem Benutzerinterface erwerben Sie mit "Shredder 12" für Single-Core-Prozessoren. Die teure Variante "Deep Shredder" erreicht auf Geräten mit mehreren Prozessoren oder Doppelkernen nocheinmal eine deutlich höhere Spielstärke (Tabelle "Shredder für Linux").

Shredder für Linux

Shredder Classic 4 alle Funktionen von Shredder 12, abgespeckte Engine 29,99 Euro
Shredder 12 spielstarke Single-Core-Engine mit Classic-4-Oberfläche 49,99 Euro
Deep Shredder 12 spielstarke Multi-Core-Engine (auch in 64 Bit) 99,99 EUER

Als Demo-Download bietet die Firma Shredderchess.com [1], über die auch ausschließlich den Vertrieb der Software läuft, lediglich die Version Classic 4 an. Für alle anderen Varianten müssen Sie bezahlen. Die Bestätigungsmail leitet vorbildlich durch den kurzen Installationsvorgang. Eine umfassende Anleitung liegt als PDF-Datei bei.

Nach dem Download des etwa 120 MByte (Shredder 12) großen Tarballs entpacken Sie diesen in gewohnter Linux-Art mittels tar xzf shredder12.tar.gz. Moderne Distributionen helfen mit dem Befehl ... hier entpacken im Kontextmenü. Im neu entstandenen Ordner Shredder12 finden Sie das Startskript mit gleichem Namen. Die Datei Shredder.desktop ziehen Sie einfach auf den Desktop. Sie verweist auf das Startskript. Da es sich bei der Software um eine reine Java-Applikation handelt, installiert Shredder bei fehlender Laufzeitumgebung diese nach. Aktuelle OpenSuse- oder Ubuntu-Systeme bringen die Java-Runtime aber mit.

Nützliches Neues

Nach dem ersten Start wählen Sie Ihre Landessprache aus und starten das Programm neu. Der Programmautor bleibt dem Aufbau mit mehreren Fenstern treu (Abbildung 1). Wer auf einem größeren Monitor spielt, wählt im Menü unter Fenster am besten zuerst ein größeres Layout aus.

Abbildung 1: Die übersichtliche und durchdachte Oberfläche von Shredder 12.

Die Neuerungen an der Oberfläche fallen während einer ersten Partie schnell ins Auge: Spielt Shredder selbst, erscheint im Uhrenfenster ein kleiner Pokal, der verschwindet, sobald Sie eine Weltmeister-Partie aus der mitgelieferten Datenbank nachspielen. Das darunter liegende Fenster für den Spielverlauf zeigt nicht nur über eine Balkenstatistik Gewinne und Verluste an, sondern reiht in einer zweiten Ansicht auch verlorengegangene Spielfiguren auf.

Bei einem besonders dummen Zug greift der verbesserte Coach nicht nur mit einer Warnung ein, er zeigt gleichzeitig die Bedrohung mit einem farbigen Pfeil. Unglücklicherweise erlaubt die Software nicht, diese Hilfe zu konfigurieren, um zum Beispiel einen Schwellwert für den Trainerruf festzulegen. Trotzdem arbeitet der Coach so, dass er nicht bei jedem kleinen Stellungsverlust eingreift. Über den Menüpunkt Hilfe | Coach passt auf verbannen Sie ihn komplett aus dem Spiel.

Auf Wunsch sagt Shredder seine eigenen Züge nun mit einer klaren und angenehmen Stimme an. Aktivieren Sie hierzu unter Ablage | Optionen die Funktion Züge ansagen. Gerade bei langen Partien fällt dieses nette Gimmick im Gegensatz zum schrillen Piepston manch anderer Software angenehm auf.

Bleiben Sie im Notationsfenster mit der Maus länger auf einem Zugeintrag, erscheint ein kleines Schachfeld mit der jeweiligen Stellung – eine große Hilfe, wenn Sie nach einer längeren Partie ein bestimmtes Bedrohungsbild wiederfinden möchten (Abbildung 2). Dieses nützliche Feature findet sich ebenso im Partieprofil. Hier halten Sie den Mauspfeil über einen Balken, um die jeweilige Spielsituation grafisch zu erfassen. Ein Klick darauf befördert Sie im Hauptfenster zur gewählten Stellung.

Abbildung 2: Kleine Schachdiagramme helfen beim schnellen Auffinden bestimmter Stellungen.

Das untere Fenster vermittelt die Gedankenwelt des Schachprogrammes. Neben der aus Shredder 9 bekannten Anzeige zu gerade untersuchten Zügen greift die Software seit Shredder 11 auch auf umfangreiche Onlinedatenbanken für Eröffnungen und Endspiele zu. Zwar liefert Shredder 12 ein sehr gutes Eröffnungsbuch und eine Datenbank für Drei- und Vier-Steiner-Endspiele mit. Online haben Sie aber Zugriff auf deutlich umfangreichere Datensätze. So misst die Endspieldatenbank für alle Sechs-Steiner (außer 5 gegen 1) über ein TByte. Das große, nur online abrufbare Eröffnungsbuch hält über 16 Millionen Züge vor und stellt damit so ziemlich alles dar, was jemals jemand auf Turnierebene gespielt hat.

Um eine Partie mit Schwarz zu beginnen, drehen Sie nicht mehr umständlich das Brett und starten dann ein neues Spiel. Vielmehr drücken Sie statt [Strg]+[N] für eine Partie mit Weiß nun die Tastenkombination [Strg]+[Umschalt]+[N] oder wählen den adäquaten Menüpunkt aus Ablage, um gleich mit Schwarz zu beginnen. An dieser merkwürdigen Menübezeichnung erkennen Sie übrigens den Ursprung aus Mac OS X: Dort existiert der Punkt Ablage in beinahe jedem Programm.

Nach wie vor konfigurieren Sie über den Bereich Spielstufen Blitzpartien oder Spiele unter Turnierbedingungen. Für die schnelle Partie finden Sie nun ein paar Schalter für die gängigsten Sekundenvorgaben (Abbildung 3). Die enorme Spielstärke drosseln Sie zu Trainingszwecken mit dem Schieberegler, der nun mehr Informationen als die reinen ELO-Zahlen anzeigt. An klaren Bezeichnungen wie Vereinsspieler, Guter Vereinsspieler oder gar Internationaler Meister erkennen Sie besser, welche Art von simuliertem Gegner Sie vor sich haben.

Abbildung 3: Im neuen Spielstufen-Dialog wählen Sie über einen Schieberegler die verschiedenen Gegnerstärken.

Sparringspartner

Haben Sie eine Partie beendet, zeigt Shredder die für Sie geschätzte ELO-Zahl an und macht den Vorschlag, die Spielstärke der Engine für die nächste Partie entsprechend anzupassen (Abbildung 4). So stellt das Programm sicher, dass Ihnen immer ein angemessener Gegner gegenübersteht. Über den Menüpunkt Modus | Zeige Deine Spielstärke... erfahren Sie mittels einer Grafik, wie es um die Entwicklung Ihrer Schachkünste steht.

Abbildung 4: Shredder 12 misst nicht nur Ihre ELO-Zahl, sondern bietet gleich an, die Spielstärke für die nächste Partie anzupassen.

Als besonders gelungen fiel im Test die künstliche Intelligenz der simulierten Gegner auf. Viele Konkurrenzprodukte schränken lediglich die Rechentiefe ein und produzieren somit unlogische Fehler. Shredder dagegen unterlaufen in der jeweiligen Spielstufe typisch menschliche Fehler. Somit haben auch mittelmäßige Spieler bei gedrosselter "Gehirnkraft" der Engine einen guten Trainingseffekt und behalten den Spaß am Spiel gegen eine Maschine.

Nachholbedarf

Shredder 9 steckte vor drei Jahren gerade wegen der Java-Oberfläche und damit zusammenhängender Performance- und Installationsprobleme viel Kritik ein. Die Shredder-Entwickler konnten hier bereits in der Version 11 deutlich nachbessern. Die Oberfläche von Shredder 12 läuft nun stabil, fehlerfrei und flüssig animiert. Probleme mit dem Startskript gehören der Vergangenheit an, was laut Meyer-Kahlen (siehe Kasten "Stefan Meyer-Kahlen im Gespräch") vor allem der Linux-Community zu verdanken ist. Die Arbeitsbereiche wirken durchdacht und intuitiv.

Der zweite große Kritikpunkt bleibt aber auch nach drei Jahren noch immer bestehen: Die Datenbank für gespielte oder gesammelte Partien arbeitet zwar gut, nimmt aber nicht mehr als 2000 Spiele auf. Als Suchkriterien kommen bestimmte Turniere oder Spieler infrage. Eine Stellungssuche in Datenbanken mit 100 000 oder mehr Einträgen, wie andere Programme sie kennen, erlaubt Shredder dagegen nicht – ein echtes Manko.

Fazit

Dem Shredder-Entwickler Stefan Meyer-Kahlen gelang mit Shredder 12 eine rundum verbesserte Neuausgabe nicht nur der Schach-Engine, sondern auch der Java-GUI. Dabei verzichtete er auf eine unübersichtliche Feature-Flut und fügte stattdessen nur wirklich nützliche Funktionen hinzu.

Wer unter Linux ernsthaft Schach spielen möchte, kommt an Shredder kaum vorbei. Dem weniger ambitionierte Gelegenheitsspieler bleibt es überlassen, ob er die marktüblichen Preise für professionelle Schachsoftware zahlen möchte. Eine umfassendere Datenbankfunktionen und Engine-Wettkämpfe würden das Gesamtpaket deutlich aufwerten. Die Tabelle "Pro & Kontra" fasst noch einmal alle wichtigen Funktionen und Kritiken zusammen.

Pro & Kontra

+ weltmeisterlich starke Spiel-Engine
+ konfigurierbare Gegner mit menschlichen Verhaltensweisen
+ eigene Spielstärkenkontrolle
+ intuitiv bedienbare und flüssig arbeitende Oberfläche
+ umfassende Konfigurationsmöglichkeiten der Engine
+ umfangreiche Analysemöglichkeiten und Variantenerzeugung
+ Onlinezugriff auf umfangreiche Eröffnungsbücher und Endspieldatenbanken
- unzureichende Datenbankfunktionalität für Partien
- keine Engine-Zweikämpfe möglich

Stefan Meyer-Kahlen im Gespräch

Stefan Meyer-Kahlen entwickelt seit 1993 seine "Shredder-Familie". 2006 erweiterte er die Produktpalette auch auf das freie Betriebssystem Linux. Das Programm Shredder ist mehrmaliger Computerschach-Weltmeister.

LinuxUser: Herr Meyer-Kahlen, Shredder gilt als einzige kommerzielle Lösung für eine Oberfläche mit professioneller Engine unter Linux. Was hat Sie als mehrmaligen Computerschach-Weltmeister dazu bewogen, Shredder auch für das freie Betriebssystem zu entwickeln?

Stefan Meyer-Kahlen: Die Engine von Shredder, also der Teil, der die Spielzüge berechnet, läuft mittlerweile völlig plattformunabhängig. Sie ist in C geschrieben und arbeitet auf allen Plattformen, für die ein C-Compiler existiert. Es lag also nahe, Shredder auch auf anderen Betriebssystemen anzubieten. Insbesondere hatte ich Mac OS und Linux im Blick, da es für diese Plattformen damals noch keine kommerziellen Schachprogramme für gehobene Ansprüche gab. Es fehlte also "nur" noch eine GUI.

LU: Welche Erfahrungen haben Sie bisher damit gemacht, kommerzielle Software unter dem freien Betriebssystem Linux anzubieten?

SMK: Die Erfahrungen unterscheiden sich zum Teil völlig von meinen bisherigen Erlebnissen auf anderen Plattformen. So liegt bei einer Fehlermeldung von Kunden oft auch schon gleich ein Fix bei, der das Problem behebt. Wir hatten zum Beispiel ein paar kleinere Probleme in früheren Versionen des Skripts, das Shredder startet. Von einigen Kunden hab ich dann direkt ein neues Skript bekommen, das die Probleme behebt und tatsächlich viel besser läuft. Auch bedanken sich viele Kunden bei uns, dass wir Shredder auch für Linux anbieten. Beides ist mir mit der Windows-Version von Shredder bisher noch nie passiert.

LU: Warum haben Sie sich explizit für die Java-Oberfläche entschieden? Java-Programme stehen doch in dem Ruf langsam zu sein.

SMK: Wie gesagt, wir wollten damals eine GUI für Mac und Linux. Java stellte da die beste Wahl dar, zumal wir auch schon Erfahrungen damit hatten. Java ist übrigens viel schneller als sein Ruf. Insbesondere bei der Benutzeroberfläche wartet der Prozessor heute ohnehin die meiste Zeit nur auf Benutzereingaben und langweilt sich. Die Schachengine, also der extrem performancekritische Teil, ist ja in C geschrieben, läuft also als nativer Code mit voller Geschwindigkeit.

LU: Wie kam es zu dem Namen Shredder? Möchte Ihr Programm seine Gegner gern schreddern?

SMK: Ja, das hat sich wohl zur Hauptbedeutung entwickelt. Der Ursprung des Namens ist allerdings ein anderer: Als ich vor langer Zeit mit Shredder anfing, war ich ein sehr aktiver Windsurfer. Wenn man beim Windsurfen oder Surfen eine Welle abreitet, dann hinterlässt man mit seiner Finne (das kleine Ding, das unten am Surfbrett hängt) eine Spur in der Welle. Man zerschneidet oder zerschreddert also die Welle.

LU: Ihre Engine schlägt vermutlich weit über 90 Prozent aller Anwender. Hat die Shredder-Oberfläche für die Zukunft Ambitionen, sich zu erweitern oder sich gar in Richtung einer Datenbank à la Chessbase zu entwickeln?

SMK: Ich würde eher sagen, dass Shredder 99,99 Prozent aller Anwender locker schlägt – auf schnellen Rechnern mit Deep Shredder wohl sogar 100 Prozent. Trotzdem ist natürlich eine möglichst hohe Spielstärke gut für die Analyse oder Zugvorschläge in einer Partie. In der aktuellen Version von Shredder habe ich auch sehr viel Arbeit darin investiert, dass der Benutzer Shredders Spielstärke stufenlos einstellen kann und die Engine dann so spielt wie ein menschlicher Spieler mit dieser Spielstärke. Das Programm macht dabei sogar die typischen Fehler eines entsprechenden menschlichen Spielers und passt sich auf Wunsch automatisch der eigenen Spielstärke an. Der Weg geht also eher weg von der reinen Spielstärke hin zu Features, die für den Anwender nützlich sind.

LU: Gibt es noch große Unterschiede zwischen der Windows-Version und den Ausgaben für Linux und Mac? Wenn ja: warum?

SMK: Es gibt mehrere Gründe: Beispielsweise laufen beide auf einer völlig verschiedenen Codebasis und sind sogar in einer anderen Programmiersprache geschrieben. Die Windows-Version ist viel älter und hat mehr Funktionen, was sie aber aber eher unübersichtlicher und schwerer zu bedienen macht. Die Funktionen der Linux- und Mac-Version decken 95 Prozent aller Anwendungsfälle ab. Kunden, die beide Versionen kennen, gefällt oft die Linux-Version sogar besser, da sie außerdem auch moderner aussieht. In der Regel versuchen wir, beide Versionen aneinander anzupassen. Das geschieht aber eher durch Weglassen von Funktionen in der Windows-Version. Die Engine ist übrigens auf allen Plattformen identisch.

SMK: Können Sie von Shredder leben oder gehen Sie als Programmierer noch anderen Professionen nach?

Nein, ich lebe nur von Shredder – oder besser gesagt vom Computerschach, da wir zum Beispiel auch einen Schachlernkurs anbieten. Es gibt mittlerweile auch sehr viele Shredder-Varianten für alle möglichen Plattformen. So haben wir etwa eine Version für das iPhone und Windows Mobile sowie eine sehr erfolgreiche kostenlose Onlineversion auf Shredderchess.de, gegen die man direkt im Browser spielen kann. Das jüngste Kind der Familie ist eine spezielle Webanwendung für mobile Geräte mit Android. Es gibt also für mich im Computerschach mehr als genug zu tun.

Infos

[1] Shredder 12 für Linux: http://www.shredderchess.de/schach-software/linux.html

[2] Schwedische Weltrangliste: http://ssdf.bosjo.net/list.htm

[3] Shredder 9 im Test: http://www.linux-user.de/ausgabe/2006/03/088-shredder/

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