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© John Anon, sxc.hu

Virtuelle Welten

Windows 7 unter Linux – und umgekehrt

08.01.2010
Suns Virtualbox startet Windows 7 unter Linux – und umgekehrt. Windows-7-Nutzer können Linux optional auch im XP-Modus ausführen.

Auch passionierten Linux-Nutzern ist es nicht immer möglich, komplett auf Windows zu verzichten – sei es, weil eine dringend benötigte Spezialanwendung nur auf dem Betriebssystem aus Redmond startet, man einem Kollegen bei der Problembehebung helfen möchte oder selbst geschriebene Programme auf mehreren Plattformen laufen sollen. Umgekehrt möchten vielleicht Windows-Besitzer erst einmal in das freie Betriebssystem hineinschnuppern, bevor sie ihre vertraute Umgebung von der Platte putzen.

Camouflage

Glücklicherweise gibt es Programme, die einen ganzen PC nachbilden. Auf diese Weise lässt sich Windows in einem Fenster unter Linux starten – oder umgekehrt (siehe Kasten "Emulation und Virtualisierung"). Ein besonders beliebtes Programm dieser Gattung ist das kostenlose und relativ einfach zu bedienende Virtualbox von Sun [1]. Sie finden es auf seiner Homepage in zwei Geschmacksrichtungen: Die Vollversion bietet den kompletten Funktionsumfang, darunter die reizvolle Unterstützung von USB-Geräten. Sie steht allerdings unter einer proprietären Lizenz und ist nur für den privaten Einsatz kostenlos. Demgegenüber wurde der Programmcode der Virtualbox Open-Source-Edition (kurz OSE) unter der GPLv2 veröffentlicht. Diese Variante darf man folglich auch bei kommerzieller Nutzung kostenlos einsetzen.

Emulation und Virtualisierung

Ein Programm, das jede einzelne Hardwarekomponente eines Computers nachbildet, bezeichnet man als Emulator. Darin laufen Programme und Betriebssysteme jedoch ziemlich langsam – schließlich muss der echte Computer einen kompletten weiteren PC nachbilden und darin noch ein zweites Betriebssystem ausführen. Um den Vorgang zu beschleunigen, reichen mittlerweile fast alle Emulatoren die echte Hardware direkt an das Gastbetriebssystem durch. Dieses Prinzip bezeichnet man als Virtualisierung. Auch Virtualbox greift auf diesen Trick zurück: Die in ihm laufenden Programme nutzen unter anderem den realen Prozessor des Wirtssystems. Virtualbox emuliert nur noch einige bestimmte Komponenten, wie etwa die Grafik- oder Netzwerkkarte. Aufgrund ihrer unscharfen Definition lassen sich die Begriffe Emulation und Virtualisierung in der Praxis allerdings nur schwer voneinander trennen, meist benutzt man sie sogar synonym [4].

Die Open-Source-Edition von Virtualbox findet sich mittlerweile in den Repositories aller großen Linux-Distributionen. Ihre Installation lässt sich also über den Paketmanager rasch erledigen. Die Vollversion gibt es hingegen nur auf den Seiten von Sun [1]. Auch wenn ihre Installation ein paar Handgriffe mehr erfordert (sehe Kasten "Virtualbox installieren"), stellt sie auch für Privatanwender aufgrund des erweiterten Funktionsumfangs die bessere Wahl dar.

Virtualbox installieren

Bevor Sie die Virtualbox-Vollversion unter Linux einspielen, stellen Sie zunächst über Ihren Paketmanager sicher, dass die Open-Source-Edition nicht schon auf Ihrem System schlummert. Andernfalls würden sich die beiden Brüder gleich ins Gehege kommen. Wechseln Sie anschließend in den Download-Bereich auf der Virtualbox-Homepage, wählen unter VirtualBox binaries den Punkt VirtualBox for Linux hosts und laden sich das für Ihre Distribution passende Paket herunter. Achten Sie dabei darauf, dass Sie die zu Ihrem Prozessor passende Ausgabe erwischen: Die Nutzer eines 32-Bit-Betriebssystems folgen dem i386-Link, alle mit einer 64-Bit-Version greifen zu AMD64. Sofern Sie unschlüssig sind, verwenden Sie die 32-Bit-Variante. Das erhaltene Paket spielen Sie anschließend wie gewohnt über Ihren Paketmanager ein.

Kniffliger wird es, wenn Ihre Distribution nicht in der Liste auftaucht. In diesem Fall greifen Sie zum entsprechenden Paket neben All distributions, das Sie in Ihr Heimatverzeichnis herunterladen. Dieses Programm müssen Sie jetzt nur noch als Benutzer root ausführen. Dazu öffnen Sie ein Terminalfenster und tippen den Befehl

$ sudo sh Dateiname

ein. Dateiname ersetzen Sie dabei gegen den kryptischen Dateinamen des heruntergeladenen Pakets. Virtualbox installiert sich jetzt automatisch ins Verzeichnis /opt/VirtualBox, richtet ein paar Spezialtreiber ein und erstellt einen Eintrag im Startmenü.

Um Linux und das extrem leistungshungrige Windows parallel zu betreiben, benötigen Sie einen entsprechend potenten Computer. Die untere Grenze markiert ein Core 2 Duo mit 2 GByte Hauptspeicher, besser wären 4 GByte. Möchten Sie Windows 7 unter einem Linux-System starten, benötigen Sie zudem eine eigene, gültige Lizenz. Es reicht nicht aus, wenn das Betriebssystem bereits auf einem Ihrer physikalischen Computer läuft. Gegenebenfalls müssen Sie erneut in die Tasche greifen und Windows 7 ein weiteres Mal erwerben. Sind alle genannten Voraussetzungen erfüllt, kann es direkt losgehen – zunächst zur Frage, wie man Windows unter einem Linux-System startet.

Nach der Installation finden Sie Virtualbox irgendwo im Startmenü wieder, meist in der Gruppe System. Sollte es dort fehlen, öffnen Sie ein Terminalfenster und rufen darin VirtualBox auf. Nach dem ersten Start erscheint ein ziemlich langer Lizenztext. Fahren Sie mit der Bildlaufleiste an sein Ende und klicken Sie auf Zustimmen. Die Aufforderung zur Registrierung können Sie bedenkenlos Abbrechen, was Sie direkt zum Hauptfenster aus Abbildung 1 führt.

Abbildung 1: Das Hauptfenster von Virtualbox fungiert als Verwaltungszentrale für alle virtuellen Maschinen.

Maschinenraum

In diesem Hauptfenster verwalten Sie alle virtuellen Computer, die sich gleich in der Liste auf der linken Seite aufreihen. Da dort im Moment noch kein PC existiert, müssen Sie für Windows 7 einen neuen anlegen. Dazu klicken Sie auf die gleichnamige Schaltfläche in der Symbolleiste links oben oder wählen Maschine | Neu....

Im nun erscheinenden Assistenten (Abbildung 2) klicken Sie zunächst auf Weiter und geben der neuen, virtuellen Maschine im obersten Feld einen Namen, wie etwa Windows 7. Darunter wurde bereits Microsoft Windows als Betriebssystem ausgewählt, sie müssen nur noch die Version Windows**7 oder Windows**7 (64 bit) einstellen – je nachdem, welche Lizenz Ihnen vorliegt. Die 64-Bit-Version von Virtualbox kann auch ein 32-Bit Windows ausführen. Das funktioniert aber nicht umgekehrt, Sie können also kein 64-Bit-Windows unter der 32-Bit-Version von Virtualbox betreiben.

Abbildung 2: Dieser Assistent führt mit wenigen Mausklicken zu einer neuen, virtuellen Maschine.

Nach einem Klick auf Weiter stellen Sie über den Regler ein, wie viel des verfügbaren Hauptspeichers Virtualbox für Windows abzwacken soll (Abbildung 3). Da Windows 7 nie genug Hauptspeicher bekommen kann, ziehen Sie den Regler an das Ende des grünen Bereiches. Das Eingabefeld rechts daneben sollte dann mindestens 1024 MByte anzeigen. Ist das nicht der Fall, müssen Sie Ihrem Computer mehr realen Hauptspeicher spendieren. Wenn Sie den Regler in den roten Bereich ziehen, drehen Sie Ihrem Linux-System langsam die Luft ab, was wiederum zu Leistungseinbußen führt. Im schlimmsten Fall friert das System sogar ein.

Abbildung 3: Der Regler zwackt Hauptspeicher für die virtuelle Maschine ab. Um das im Hintergrund laufende Linux nicht zu bremsen, sollte man im grün markierten Bereich bleiben.

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