Editorial

Steve B glaubt an Linux

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

die obligatorischen Kommentare der Linux-Kolumnisten zum Jahresanfang fallen diesmal ungewohnt verhalten aus. Wo in den letzten Jahren immer wieder vollmundig das "Jahr des Linux-Desktops" ausgerufen wurde, herrscht diesmal eher Ernüchterung. Erfolgschancen räumt man dem freien Betriebssystem für 2010 am ehesten noch im Embedded- und Mobiltelefon-Bereich ein — Google Android lässt grüßen. Ist Linux auf dem Desktop wirklich passé?

Gerade Deutschland kann in diesem Jahr zeigen, wie der Weg für Linux und freie Software auf dem Desktop weitergeht. Nirgends verlaufen die Frontlinien klarer als hier: Auf der einen Seite verkauft sich Windows 7 weltweit in keinem Land besser als in Deutschland [1]. Andererseits demonstrieren Vorzeigeprojekte wie LiMux in München [2] eindrucksvoll, dass man selbst einen IT-Koloss wie die komplette Verwaltung einer Millionenstadt erfolgreich und ohne Brüche auf freie Software migrieren kann. Inzwischen dient in der bayerischen Landeshauptstadt ODF als primäres Format, komplementiert von PDF für nicht veränderbare Dokumente. Die Ausstattung eines Standard-Desktops umfasst OpenOffice, Firefox und Thunderbird; hinzu kommen je nach Bedarf weitere Anwendungen wie etwa Gimp [3]. Schon sind 2500 Arbeitsplätze komplett auf Linux umgestellt, die restlichen gut 11 000 werden in den kommenden zwei Jahren folgen.

Dass solche Erfolge keineswegs selbstverständlich sind, zeigt die Misere des ähnlich gelagerten Wienux-Projekts [4] in Wien: In der österreichischen Metropole hat man es gerade einmal geschafft, von 32 000 Arbeitsplätzen 1000 auf Linux umzustellen. 700 Desktops in den städtischen Kindergärten musste man auf Windows zurückmigrieren, weil die Verwaltung Sprachtherapie-Software gekauft hatte, die nur unter Windows im Internet Explorer läuft. Und von der nahtlosen Einführung freier Dokumentenformate ist man in Wien weiter entfernt als je zuvor: Gerade hat man für 1 Million Euro zusätzliche MS-Office-Lizenzen beschaffen müssen [5].

Dass dem Einsatz freier Software auf jedem Desktop technisch längst nichts mehr im Weg steht, beweist München. Dass das nichts nützt, wenn der Wille fehlt, sich aus dem Würgegriff eines Monopolisten zu lösen, zeigt Wien. Dass Microsoft sich beider Tatsachen absolut bewusst ist, demonstriert eine dieser Tage aufgetauchte Stellenausschreibung: In ihr sucht Microsoft USA nach einem "Linux and Open Office Compete Lead", der ein dreizehnköpfiges Anti-Linux-Marketingteam führen soll [6]. Die Kernaufgabe sei es, gegen Linux und OpenOffice durch gezieltes Marketing, das Ändern von Wahrnehmungen und das Angehen von Open-Source-Communities Boden gut zu machen – diese Aufgabe stünde ganz oben auf der Prioritätenliste Steve Ballmers.

Ein 14 Mann starkes Anti-Linux-Team in USA – wieviele weltweit? Egal: Zumindest an der Spitze von Microsoft glaubt man ganz offensichtlich fest an den anhaltenden Erfolg von Linux und freier Software. Wenn das mal keine guten Aussichten für 2010 sind …

Herzliche Grüße,

Jörg Luther

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