Umstrittener Beutler

Neues in "Karmic Koala"

Böse Zungen behaupten, Canonical hätte in Ubuntu 9.10 "Karmic Koala" [1] deshalb so viele Neuerungen gepackt, damit das als LTS-Version (Long Term Support) geplante 10.04 "Lucid Lynx" es leichter hat. Folgt man dieser Argumentation, ließe sich Ubuntu 9.10 als eine Art Public Beta von 10.04 verstehen, die dafür sorgen soll, dass die neu eingeführten Techniken in der LTS-Version dann auch wirklich ausgereift sind. Aber dabei handelt es sich nur um eine Ansicht: Tatsächlich bietet Ubuntu 9.10 auch viele wünschenswerte Verbesserungen, insbesondere für neuere Laptops.

Steckbrief Ubuntu 9.10

System Linux 2.6.31, Glibc 2.10.1
X-Server X.org 1.6.4
Architekturen x86, x86_64
Paketmanagement DEB
Desktop Gnome 2.28
Bürosuite OpenOffice 3.1.1
Internet Firefox 3.5.3, Thunderbird 2.0.0.23, Apache 2.2.12

Streitpunkt Grub

Besonders die Einführung des komplett neu entwickelten Grub 2 [2] verärgert viele Anwender. Da der alte Grub aber schon seit Jahren nicht mehr weiterentwickelt wird, blieb Canonical auf lange Sicht kaum eine andere Wahl. Grub 2 bietet ja nicht nur Nachteile, wie etwa die viel kritisierte Umstellung von der simplen Text-Konfigurationsdatei menu.lst auf ein SysV-ähnliches Bootsystem in /etc/grub.d/ oder die geänderte Partitionsnummerierung: Im Test kommt die Version 2 besser mit dem automatischen Einbinden anderer Systeme zurecht. Hier verschätzte sich je nach vorhandener Konfiguration die alte Version gerne einmal, was ein händisches Nachbessern in der menu.lst notwendig machte.

Grub 2 identifiziert jetzt auch automatisch Windows 7 (das zuvor als Windows Vista erkannt wurde) und die XNU-Kernel von Mac-OS-X-Installationen und bindet diese im Bootmenü ein. Zudem bringt er rudimentären EFI-Support mit – besonders wichtig für Mac-OS-X-Nutzer. Außerdem kennzeichnet Grub nun eine 32-Bit-Installation automatisch mit "PAE", was Anwender mit parallelen 32- und 64-Bit-Installationen erfreut: Sie müssen nun die Menü-Einträge nicht mehr manuell anpassen, um die Installationen auseinanderzuhalten. Warum Grub 2 allerdings nicht auch analog eine 64-Bit-Linux-Partition "x64" kennzeichnet, bleibt ein Rätsel.

Das Gute

Auf der in aller Regel nagelneuen Hardware in unserem Testlabor schlägt sich Ubuntu 9.10 ganz hervorragend. Insbesondere bringt es nun ausgefeilte Sparfunktionen mit, die den Stromverbrauch drastisch senken und auf Laptops die Akkulaufzeit deutlich verbessern. Der im letzten Heft getesteten Acer Aspire 7450G beispielsweise läuft mit "Karmic" im Leerlauf satte 6 Stunden, statt wie mit "Jaunty" nur 3:22 Stunden. Bei voller CPU-Last sind es immerhin noch 99 Minuten gegenüber vorher 85. Auch das leidige, in Ubuntu 9.04 eingeführte Alsa-Problem, das viele Notebook-Audiochips betraf (siehe Tests diverser HP- und Acer-Laptops in den letzten vier Ausgaben), ist nun endlich Geschichte.

Ubuntu 9.10 installiert auch die neuen ATI-Catalyst-Treiber in Version 9.11, die bei polygonintensiven Anwendungen wie beispielsweise dem SpecViewperf-Benchmark etwas schneller arbeiten. Die Treiber unterstützen endlich auch Kernel über Version 2.6.28 sowie die neuesten ATI-GPUs. So brandmarkt der neue Treiber den nagelneuen integrierten Radeon-HD-4200-Grafikchipsatz auf einem Gigabyte-AM3-Motherboard beispielsweise nun nicht mehr als unsupported hardware.

TIPP

Die Catalyst-9.11-Treiber von ATI laufen auch unter "Jaunty". Dort laden Sie sie aber besser direkt von der ATI-Homepage, statt sie über den entsprechenden Ubuntu-Assistenten einzurichten. Bei der Installation auf einem nagelneuen Acer Ferrari One mit Radeon-HD-3200-Chipsatzgrafik per Wizard bleibt unter "Jaunty" der Bildschirm beispielsweise nach der Installation schwarz – holt man die Treiber direkt von Ati.com, gibt es keine Probleme.

Generell messen wir in "Karmic" auch eine deutliche Geschwindigkeitssteigerung beim Zeichnen der GUI in GTKperf. Das gilt sowohl für Nvidia- als auch ATI-GPUs – hierfür zeichnet wohl das aktualisierte Gnome verantwortlich. Der neue Desktop (Abbildung 1) gibt sich etwas dezenter, die Gnome-typische Iconflut an allen möglichen Stellen dämmten die Entwickler ein. Zudem geben sich die bestehenden Icons nun wesentlich dezenter (beispielsweise im Tray rechts oben).

Abbildung 1

Abbildung 1: Der Gnome-2.28-Desktop von Ubuntu 9.10 "Karmic Koala".

Viele Neuerungen

Sehr begrüßenswert erscheint die Unterstützung für Zwei-Finger-Scrolling. Die entsprechende Funktion versteckt sich allerdings in Form eines Radio-Buttons im Touchpad-Reiter der Mauseinstellungen (Abbildung 2). Im Test funktionierte das jedoch nicht mit allen Trackpads, die Zwei-Finger-Scrolling unterstützen – auf einem Acer Ferrari One beispielsweise verweigerte die Funktion den Betrieb.

Abbildung 2

Abbildung 2: Endlich unterstützt: Zwei-Finger-Scrolling.

Ext4 als neues Standard-Dateisystem verspricht unterm Strich grob 20 Prozent mehr Leistung. Insbesondere im dateiintensiven Compilebench unserer Benchmark-Suite erweist sich das neue Dateisystem als dramatisch (etwa 30 Prozent) schneller. Btrfs und Ext4 wurden allgemein verbessert, letzteres unterstützt nun auch automatisches Defragmentieren während des Betriebs.

Softwareseitig gibt es auch einige Änderungen: So setzt Ubuntu 9.10 nun auf Empathy (Abbildung 3) statt auf Pidgin als Instant Messenger. Zwar unterstützt Empathy noch keine Dateitransfers mit MSN-Messenger-Benutzern, hat Pidgin aber dafür die Videochat-Unterstützung voraus. Gnome wurde mit Version 2.28, Firefox mit Version 3.5 auf den aktuellen Stand gebracht. Canonicals Webspace-Angebot Ubuntu One, das kostenlos zwei GByte Speicherplatz verspricht (beziehungsweise 10 GByte für 10 US-Dollar monatlich anbietet), ist nun direkt ins System integriert.

Abbildung 3

Abbildung 3: Das neue Empathy verspricht Videochat mit Nutzern verschiedenster Instant-Messenger-Netzwerke.

Deutlich verbessert hat Canonical auch den ACPI-Support: Bei diversen Laptops im Testlabor funktioniert ein Suspend-to-RAM nun sowohl mit freien als auch proprietären Grafiktreibern – unter früheren Ubuntu-Versionen stellte das noch die große Ausnahme war. Der Kernel 2.6.31 [3] erkennt mehr neue Hardware, wie etwa X-Fi Soundkarten von Creative, und unterstützt das neue USB 3.0.

Auch den DVB- und Webcam-Support haben die Entwickler aufpoliert. Daneben beherrscht der neue Kernel TCP/IP via IEEE 1394 (Firewire) – Windows und Mac OS können das schon seit vielen Jahren. Ebenfalls mit von der Partie: Verbesserte Intel-Treiber, die wie die neuen ATI-Treiber nun auch KMS (Kernel Mode Settings) unterstützen

Die von Canonical versprochenen deutlich kürzeren Bootzeiten konnten wir im Testlabor nicht nachvollziehen: Ubuntu 9.10 bootet auf identischer Hardware nur wenig schneller als der Vorgänger. Das ursprünglich verkündete Ziel – unter 10 Sekunden Startzeit – verfehlt "Karmic Koala" deutlich. Diese Marke soll nun im April Version 10.04 "Lucid Lynx" erreichen.

Das Schlechte

Zahlreiche Anwenderberichte zeigen, dass Ubuntu 9.10 auf älteren Systemen nicht so problemlos läuft wie auf topaktuellen: Hardware, die frühere Ubuntu-Versionen einwandfrei identifizierten und einbanden, funktioniert in 9.10 manchmal nicht mehr. Besonders stark scheint dies das Grafiksystem zu betreffen: Viele Anwender blickten nach der Installation auf einen schwarzen Bildschirm.

Ein Nachteil an den neuen Stromsparfunktionen: Sie kosten etwas CPU-Leistung, da der Prozessor häufiger die Betriebsmodi umschaltet. 8 Prozent weniger CPU-Leistung maßen wir im Schnitt in unseren CPU-Benchmarks auf einem Phenom X4 965 unter 32-Bit-Linux, nur noch 5 Prozent Verlust auf 64-Bit-Systemen (beide Installationen mit Ext3-Dateisystem). Besonders stark litten auf AMD-Prozessoren der H.264-Encoder-Test x264 (23 Prozent Verlust in 32 Bit, 26 Prozent in 64 Bit) und das Mplayer-H.264-Replay (38 Prozent Verlust in 32 und 64 Bit). Auf Intel-CPUs zeigt sich ein leicht unterschiedliches Bild: Hier leiden neben dem H.264-Replay (22 Prozent minus) das Povray- und Yafray-Raytracing am meisten (15 Prozent). Im Schnitt sinkt die Leistung um rund 7 Prozent.

Das gilt übrigens auch im Netzbetrieb – es fehlt eine Option, um für maximale CPU-Leistung die Stromsparfunktionen im Netzbetrieb zu deaktiveren. Als wichtig hinsichtlich der besseren Akkulaufzeit und verringerten CPU-Performance erweist sich, ob die verwendete CPU gewisse Stromsparfeatures überhaupt unterstützt. So maßen wir beispielsweise beim AMD Athlon X2 L310 im Acer Ferrari One – er beherrscht AMDs PowerNow-Stromspartechnik nicht – unter Karmic Koala nur eine geringfügig bessere Akkulaufzeit, aber dafür eine nahezu identische CPU-Performance.

Einige Dinge hat Canonical wieder einmal ähnlich verschlimmbessert wie die Alsa-Unterstützung beim Umstieg von "Hardy" auf "Jaunty". Hier wäre beispielsweise das Mounten von Partitionen ohne Label unter /media zu nennen: Band Ubuntu solche Partitionen früher als disk>, disk-1 etc. ein, verwendet "Karmic" die UUID als Namen für das Volume. Das ist eindeutiger als die alte Methode und beugt auch Verwirrung vor: Die Nummerierung der Volumes hing früher von der Mount-Reihenfolge ab, was bei Änderungen gerne zu Problemen führte. Aufgrund der 36-stelligen UUIDs fallen die Pfade zu anderen Partitionen aber nun extrem lang und unhandlich aus.

Weil der Ubuntu-Installer in der manuellen Partitionierungsvariante bei der Formatierung noch immer keine Disk-Labels setzt, sollten Sie die Partitionen möglichst bald manuell benamsen. Das erledigen Sie mit dem Befehl:

$ sudo tune2fs -L Label /dev/sdXn

Als äußerst nervig erweist sich die ständige Passwortabfrage: In Version 9.04 ließ sich Ubuntu noch per Checkbox anweisen, sich für gewisse Aufgaben wie etwa das Mounten interner Partitionen das Passwort permanent zu merken. Diese Option hat Canonical nun gestrichen. Auch der Network-Manager fragte im Test immer wieder nach dem Keyring-Passwort, ließ sich dann oft auch nicht wegklicken und ging immer wieder auf.

Beim Testlauf mit dem LinuxUser-Benchmark [4] bemerken wir überdies, dass die Bibliothek zum direkten Zugriff auf den Framebuffer, Libdirectfb, nun in Version 1.2.7 vorliegt, statt in Version 1.0 wie in Ubuntu 9.04. Unschönerweise ist diese Version nicht abwärtskompatibel, weswegen Software den Dienst quittiert, die Version 1 voraussetzt (wie etwa unser Sauerbraten-Spiele-Benchmark). Diese Änderung betrifft nicht nur Sauerbraten, sondern auch die Linux-Version des Spieleklassikers Unreal Tournament 2004 [5] oder gewisse Versionen des Mplayers, die zur Videoausgabe direkt in den Framebuffer schreiben. Die einzige Lösung, falls es keine zu Libdirectfb 1.2.7 kompatible Version der Software gibt: die alten Libraries mitnehmen, sodass sie irgendwo im Pfad vorliegen.

Fazit

Generell raten wir wie schon bei früheren Ubuntu-Upgrades eher zu einer kompletten Neuinstallation denn zum Aktualisieren einer älteren Version – den vorliegenden Problemberichten nach zu urteilen, treten gerade bei Upgrades am häufigsten Fehler auf. Möchten Sie ein älteres System mit Ubuntu 9.10 bestücken, sollten Sie "Karmic" zuerst auf einer Testpartition installieren, um die Lauffähigkeit mit der Hardware ausführlich zu verifizieren. Bei neueren Rechnern empfiehlt sich ein Umstieg auf Ubuntu 9.10 jedoch ganz klar. Der optimierte ACPI-Support, die besseren Grafiktreiber und insbesondere die deutlich längere Akkulaufzeit machen 9.10 besonders für Laptops und Netbooks äußerst attraktiv – so es denn darauf problemlos läuft.

Infos

[1] Ubuntu-Homepage: http://www.ubuntu.com

[2] Grub 2: Andreas Bohle, "Ladehemmung", LinuxUser 01/2010, S. 74, http://www.linux-community.de/artikel/19918/

[3] Kernel 2.6.31 Neuerungen: http://www.pro-linux.de/news/2009/14678.html

[4] LinuxUser-Benchmark: Daniel Kottmair, "Leistungskurve", LinuxUser 05/2009, S. 40, http://www.linux-community.de/artikel/18237/

[5] Unreal Tournament 2004 unter Karmic Koala: http://www.phoronix.com/forums/showthread.php?t=18953

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