Viele Neuerungen

Sehr begrüßenswert erscheint die Unterstützung für Zwei-Finger-Scrolling. Die entsprechende Funktion versteckt sich allerdings in Form eines Radio-Buttons im Touchpad-Reiter der Mauseinstellungen (Abbildung 2). Im Test funktionierte das jedoch nicht mit allen Trackpads, die Zwei-Finger-Scrolling unterstützen – auf einem Acer Ferrari One beispielsweise verweigerte die Funktion den Betrieb.

Abbildung 2: Endlich unterstützt: Zwei-Finger-Scrolling.

Ext4 als neues Standard-Dateisystem verspricht unterm Strich grob 20 Prozent mehr Leistung. Insbesondere im dateiintensiven Compilebench unserer Benchmark-Suite erweist sich das neue Dateisystem als dramatisch (etwa 30 Prozent) schneller. Btrfs und Ext4 wurden allgemein verbessert, letzteres unterstützt nun auch automatisches Defragmentieren während des Betriebs.

Softwareseitig gibt es auch einige Änderungen: So setzt Ubuntu 9.10 nun auf Empathy (Abbildung 3) statt auf Pidgin als Instant Messenger. Zwar unterstützt Empathy noch keine Dateitransfers mit MSN-Messenger-Benutzern, hat Pidgin aber dafür die Videochat-Unterstützung voraus. Gnome wurde mit Version 2.28, Firefox mit Version 3.5 auf den aktuellen Stand gebracht. Canonicals Webspace-Angebot Ubuntu One, das kostenlos zwei GByte Speicherplatz verspricht (beziehungsweise 10 GByte für 10 US-Dollar monatlich anbietet), ist nun direkt ins System integriert.

Abbildung 3: Das neue Empathy verspricht Videochat mit Nutzern verschiedenster Instant-Messenger-Netzwerke.

Deutlich verbessert hat Canonical auch den ACPI-Support: Bei diversen Laptops im Testlabor funktioniert ein Suspend-to-RAM nun sowohl mit freien als auch proprietären Grafiktreibern – unter früheren Ubuntu-Versionen stellte das noch die große Ausnahme war. Der Kernel 2.6.31 [3] erkennt mehr neue Hardware, wie etwa X-Fi Soundkarten von Creative, und unterstützt das neue USB 3.0.

Auch den DVB- und Webcam-Support haben die Entwickler aufpoliert. Daneben beherrscht der neue Kernel TCP/IP via IEEE 1394 (Firewire) – Windows und Mac OS können das schon seit vielen Jahren. Ebenfalls mit von der Partie: Verbesserte Intel-Treiber, die wie die neuen ATI-Treiber nun auch KMS (Kernel Mode Settings) unterstützen

Die von Canonical versprochenen deutlich kürzeren Bootzeiten konnten wir im Testlabor nicht nachvollziehen: Ubuntu 9.10 bootet auf identischer Hardware nur wenig schneller als der Vorgänger. Das ursprünglich verkündete Ziel – unter 10 Sekunden Startzeit – verfehlt "Karmic Koala" deutlich. Diese Marke soll nun im April Version 10.04 "Lucid Lynx" erreichen.

Das Schlechte

Zahlreiche Anwenderberichte zeigen, dass Ubuntu 9.10 auf älteren Systemen nicht so problemlos läuft wie auf topaktuellen: Hardware, die frühere Ubuntu-Versionen einwandfrei identifizierten und einbanden, funktioniert in 9.10 manchmal nicht mehr. Besonders stark scheint dies das Grafiksystem zu betreffen: Viele Anwender blickten nach der Installation auf einen schwarzen Bildschirm.

Ein Nachteil an den neuen Stromsparfunktionen: Sie kosten etwas CPU-Leistung, da der Prozessor häufiger die Betriebsmodi umschaltet. 8 Prozent weniger CPU-Leistung maßen wir im Schnitt in unseren CPU-Benchmarks auf einem Phenom X4 965 unter 32-Bit-Linux, nur noch 5 Prozent Verlust auf 64-Bit-Systemen (beide Installationen mit Ext3-Dateisystem). Besonders stark litten auf AMD-Prozessoren der H.264-Encoder-Test x264 (23 Prozent Verlust in 32 Bit, 26 Prozent in 64 Bit) und das Mplayer-H.264-Replay (38 Prozent Verlust in 32 und 64 Bit). Auf Intel-CPUs zeigt sich ein leicht unterschiedliches Bild: Hier leiden neben dem H.264-Replay (22 Prozent minus) das Povray- und Yafray-Raytracing am meisten (15 Prozent). Im Schnitt sinkt die Leistung um rund 7 Prozent.

Das gilt übrigens auch im Netzbetrieb – es fehlt eine Option, um für maximale CPU-Leistung die Stromsparfunktionen im Netzbetrieb zu deaktiveren. Als wichtig hinsichtlich der besseren Akkulaufzeit und verringerten CPU-Performance erweist sich, ob die verwendete CPU gewisse Stromsparfeatures überhaupt unterstützt. So maßen wir beispielsweise beim AMD Athlon X2 L310 im Acer Ferrari One – er beherrscht AMDs PowerNow-Stromspartechnik nicht – unter Karmic Koala nur eine geringfügig bessere Akkulaufzeit, aber dafür eine nahezu identische CPU-Performance.

Einige Dinge hat Canonical wieder einmal ähnlich verschlimmbessert wie die Alsa-Unterstützung beim Umstieg von "Hardy" auf "Jaunty". Hier wäre beispielsweise das Mounten von Partitionen ohne Label unter /media zu nennen: Band Ubuntu solche Partitionen früher als disk>, disk-1 etc. ein, verwendet "Karmic" die UUID als Namen für das Volume. Das ist eindeutiger als die alte Methode und beugt auch Verwirrung vor: Die Nummerierung der Volumes hing früher von der Mount-Reihenfolge ab, was bei Änderungen gerne zu Problemen führte. Aufgrund der 36-stelligen UUIDs fallen die Pfade zu anderen Partitionen aber nun extrem lang und unhandlich aus.

Weil der Ubuntu-Installer in der manuellen Partitionierungsvariante bei der Formatierung noch immer keine Disk-Labels setzt, sollten Sie die Partitionen möglichst bald manuell benamsen. Das erledigen Sie mit dem Befehl:

$ sudo tune2fs -L Label /dev/sdXn

Als äußerst nervig erweist sich die ständige Passwortabfrage: In Version 9.04 ließ sich Ubuntu noch per Checkbox anweisen, sich für gewisse Aufgaben wie etwa das Mounten interner Partitionen das Passwort permanent zu merken. Diese Option hat Canonical nun gestrichen. Auch der Network-Manager fragte im Test immer wieder nach dem Keyring-Passwort, ließ sich dann oft auch nicht wegklicken und ging immer wieder auf.

Beim Testlauf mit dem LinuxUser-Benchmark [4] bemerken wir überdies, dass die Bibliothek zum direkten Zugriff auf den Framebuffer, Libdirectfb, nun in Version 1.2.7 vorliegt, statt in Version 1.0 wie in Ubuntu 9.04. Unschönerweise ist diese Version nicht abwärtskompatibel, weswegen Software den Dienst quittiert, die Version 1 voraussetzt (wie etwa unser Sauerbraten-Spiele-Benchmark). Diese Änderung betrifft nicht nur Sauerbraten, sondern auch die Linux-Version des Spieleklassikers Unreal Tournament 2004 [5] oder gewisse Versionen des Mplayers, die zur Videoausgabe direkt in den Framebuffer schreiben. Die einzige Lösung, falls es keine zu Libdirectfb 1.2.7 kompatible Version der Software gibt: die alten Libraries mitnehmen, sodass sie irgendwo im Pfad vorliegen.

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