War das Rohdatenformat in der Vergangenheit eher teuren Spiegelreflexkameras vorbehalten, unterstützen es heute auch immer mehr preisgünstigere Kompakt- und Bridge-Kameras. Gerade Anwendern, die ihre Bilder am Computer nachbearbeiten, bietet das RAW-Format gegenüber der JPEG-Variante diverse Vorteile. Der erheblich erweiterte Kontrastumfang der Bilder (8 Bit bei JPEG, bis zu 14 Bit bei RAW) ermöglicht es beispielsweise, die Helligkeit der Bilder praktisch verlustfrei um bis zu zwei Blendenstufen anzupassen. Des weiteren schreibt die Kamera Anpassungen wie den Weißabgleich nicht ins Bild, sondern in dessen Metadatenbereich. Das ermöglicht die beliebige nachträgliche Korrektur der Farbtönung.

Für Linux-Systeme gibt es derzeit nur eine handvoll kostenfreier Programme, die sich dazu eignen, Bilder im RAW-Format zu bearbeiten und zu konvertieren. Eines davon hoben drei Dänen im Jahre 2006 unter dem Namen Rawstudio [1] aus der Taufe. Wie die meisten Applikationen aus diesem Dunstkreis verwendet auch dieses Programm zum Konvertieren der Bilder das altbewährte und vielfach gelobte Kommandozeilentool Dcraw [2]. Vergleichstests [3] zeigen, dass dieser Umwandler teilweise bessere Ergebnisse liefert als die mehrere hundert Euro teure kommerzielle Konkurrenz.

Installation

Für die meisten großen Distributionen stehen fertig konfektionierte Pakete in den Repositories oder der auf Projektseite zum Download bereit. Sie installieren sie entsprechend über den Paketmanager Ihres Systems.

Zumindest die Pakete für Opensuse verwenden eine englische Lokalisierung. Es fehlt eine in die grafische Oberfläche integrierte Option, diese umzustellen. Zwar stellt das Projekt eine deutsche Übersetzung auf der Webseite zum Download bereit, es fehlt jedoch jeder Hinweis darauf, wie man sie ins Programm integriert. Sehr wahrscheinlich wird die Lokalisierung jedoch einkompiliert und lässt sich entsprechend nachträglich nicht mehr ändern. Falls Sie also auf eine deutsche Bedienoberfläche Wert legen, müssen Sie das Programm entsprechend selbst übersetzen.

Da verschiedene Lokalisierungen, unter anderem die deutsche, dem Quelltext (auch auf der Heft-DVD) aber bereits beiliegen, erübrigt sich deren Download. Das Kompilieren erfolgt mit dem üblichen Dreisatz ./configure && make && sudo make install. Einen Schalter, mit dem Sie bei ./configure die Lokalisierung festlegen, erwähnt die beiliegende Installationsanleitung nicht; das Setup wählt stattdessen die auf der Maschine eingestellte Sprache.

Start

Nach dem ersten Start zeigt sich Rawstudio eher von der schlichten Seite. Das ändert sich aber schnell, sobald Sie die zum Bearbeiten vorgesehen Bilder in den Konverter laden. Sie erreichen diese über den Reiter Open in der Leiste rechts neben dem Hauptfenster. Navigieren Sie darin in das Verzeichnis, das die Bilder enthält. Bei aktivierter Checkbox Open recursive zeigt das Programm auch die in Unterverzeichnissen enthaltenen Bilder in der Vorschauleiste an. Es berücksichtigt dabei jedoch ausschließlich RAW-Dateien (Abbildung 1).

Abbildung 1: Der Funktionsumfang von Rawstudio hält sich zwar in engen Grenzen, dafür widmeten sich die Entwickler aber erfolgreich dem Umsetzen eines möglichst effizienten Workflows.

Im Test öffnete das Programm nur 59 der 67 Testdateien verschiedener Hersteller und Kameramodelle, was im Vergleich zu anderen RAW-Konvertern wie Rawtherapee (63) [4] und Ufraw (67) [5] einen eher mageren Wert darstellt. Das verwundert insofern, als diese Programme ebenfalls Dcraw als Grundlage verwenden. Darüber hinaus stellt Rawstudio speziell Bilder aus Canon-Kameras oft mit falschen Farben dar, was sich jedoch leicht korrigieren lässt. Mehr dazu lesen Sie im Abschnitt "Bilder bearbeiten".

Die Vorschauleiste gliedert sich in sechs Bereiche, deren jeweilige Bedeutung sich erst bei genauerem Hinsehen erschließt. Während die oberste Leiste alle Bilder anzeigt, enthalten die Bereiche 1 bis 3 entsprechend bewertete Dateien, U die ohne Bewertung und D die zum Löschen markierten. Um ein Bild zu bewerten, klicken Sie darauf und drücken [1] bis [3]. Ein Druck auf [0] entfernt die Bewertung wieder. Diese Funktion erlaubt es Ihnen, gerade größere Bildersammlungen in kurzer Zeit zu sichten und die guten von den schlechten Aufnahmen zu trennen. Eine Funktion zur Verschlagwortung oder zur Suche von Dateien fehlt jedoch. Die EXIF-Metainformationen des Bildes zeigt das Programm an, sobald Sie mit der Maus die Vorschaubilder berühren. Allerdings beschränkt sich die Anzeige auf die grundlegenden Einstellungen wie Brennweite, Blende und Verschlusszeit.

Wie die meisten RAW-Konverter mit Verwaltungsfunktion speichert auch Rawstudio die Veränderungen an Bildern in Metadaten. Dazu legt es im Verzeichnis, in dem sich die Bilder befinden, einen Unterordner namens .Rawstudio an. Dort sichert es die Informationen in einer XML-Datei, die den Namen des jeweiligen Bilds trägt. Um beim erneuten Aufruf eines Ordners die Vorschauansicht zu beschleunigen, speichert das Rawstudio auch die Thumbnails der Aufnahmen in diesem Verzeichnis.

Bilder bearbeiten

Ein einfacher Mausklick auf ein Thumbnail in der Vorschauleiste genügt, um das gewünschte Bild ins Haupt- und Bearbeitungsfenster zu laden. Um den Weißabgleich des Bilds einzustellen, klicken Sie mit dem Mauszeiger auf einen neutralen, möglichst grauen oder weißen Bildbereich. Alternativ laden Sie den von der Kamera gespeicherten Wert mit dem Tastenkürzel [C], den automatischen Weißabgleich wenden Sie mit [A] an. Um am Bild vorgenommene Änderungen auf andere Fotos anzuwenden, kopieren Sie diese zunächst mit [Strg]+[C], wählen danach die Zieldateien aus, und übertragen sie mit [Strg]+[V]. Dabei erscheint ein Fenster, in dem Sie festlegen, welche der Änderungen das Programm übertragen soll (Abbildung 2).

Abbildung 2: Übertragen Sie nach dem Bearbeiten eines Bilds die Änderungen auf andere, erscheint ein Auswahlfenster, in dem Sie einstellen, welche davon Rawstudio anwenden soll.

Beim Korrigieren der Helligkeit und des Kontrastes erweist sich die Funktion Exposure Mask ([Strg]+[E]) als hilfreich. Ist sie aktiviert, zeigt das Programm über- und unterbelichtete Bereiche rot beziehungsweise blau eingefärbt an. Während Sie die Helligkeit über den Schieberegler Exposure einstellen, verwenden Sie für den Kontrast Contrast. Bei allen Reglern fällt auf, dass sie sehr träge reagieren und teilweise erst nach Sekunden der Position des Mauszeigers folgen. Einfacher und akkurater geht es, indem Sie den gewünschten Regler per Mausklick aktivieren und danach mit den Cursortasten die Werte ändern. Eine Vorgabe oder automatische Einstellung, wie viele andere Programme sie besitzen, fehlt (abgesehen vom Weißabgleich) allen Bearbeitungsmodulen.

Generell beschränkt sich der Konverter in seinen Bearbeitungsfunktionen auf das absolut Notwendige. Wichtige Elemente wie Lichter- und Schattenkompression oder Rauschunterdrückung lässt Rawstudio ebenso vermissen wie die Korrektur von Abbildungsfehlern (Verzerrung, Vignettierung, Farbsäume). Dafür erweist sich die integrierte Tonwertkurve als nützlich: Sie arbeitet ähnlich wie ein Audio-Equalizer und ermöglicht das partielle Erhöhen oder Absenken bestimmter Helligkeitswerte. Reichen die Bearbeitungsmöglichkeiten nicht aus, öffnen Sie das Bild aus dem Programm heraus via [Strg]+[G] in Gimp.

Um das Ergebnis Ihrer Arbeit besser bewerten zu können, bietet Ihnen die Applikation eine Split-Anzeige, die Sie über das Kontextmenü via Split aktivieren. Danach sehen Sie als Bild A das von Ihnen bearbeitete, und als B die Originalversion. Die Reiter A bis C unter Tools erlauben es Ihnen, das Bild mit verschiedenen Einstellungen zu bearbeiten. Die Aufnahme erscheint entsprechend den Einstellungen, die Sie darin vornehmen (Abbildung 3).

Abbildung 3: Die Split-Screen-Ansicht hilft Ihnen, Änderungen am Bild besser zu beurteilen.

Möchten Sie das Bild auf einen Ausschnitt begrenzen, drücken Sie [Umschalt]+[C] und ziehen danach mit der Maus im Bild ein Rechteck der gewünschten Größe auf. Das Festlegen eines bestimmten Seitenverhältnisses fehlt dem Programm ebenso wie ein Werkzeug, um den Horizont auszurichten. Um die Änderungen anzuwenden, klicken Sie mit der linken Maustaste ins Bild.

In der Grundeinstellung lädt das Programm Bilder in einer ans Fenster angepassten Ansicht. Um diese auf 100 Prozent umzuschalten, drücken Sie [Umschalt]+[+], mit [Umschalt]+[7] kehren Sie zur vorherigen Ansicht zurück. Da Sie den gewünschten Bildausschnitt jedoch ausschließlich mit den Scrollbalken ansteuern können und darüber hinaus ein Navigationsfenster fehlt, das den aktuellen Ausschnitt im Bild anzeigt, gestaltet sich die Arbeit in diesem Modus umständlicher als nötig. Eine Lupenfunktion, die eine Inspektion bestimmter Bildteile ermöglichen würde, enthält das Programm jedoch nicht. Mit [F11] schalten Sie das Programm in den Vollbildmodus.

Konvertieren

Als Ausgabeformate wählen Sie zwischen JPEG, PNG und TIFF mit 8- und 16-Bit Farbtiefe. Um ein einzelnes Bild zu konvertieren, laden Sie es in das Hauptfenster und drücken [Strg]+[Umschalt]+[S]. Daraufhin erscheint das Exportfenster (Abbildung 4), in dem Sie neben dem gewünschten Format auch die Größe und Qualität des Bildes einstellen.

Abbildung 4: Im Exportmodul von Rawstudio stellen Sie neben dem Ausgabeformat auch die gewünschte Bildgröße und Qualität ein.

Zum Konvertieren mehrerer Bilder in einem Rutsch bietet das Programm eine ausgezeichnete Stapelverarbeitung, die Sie über den Reiter Batch öffnen. Um die gewünschten Bilder zu kennzeichnen, klicken Sie bei gedrückter [Strg]-Taste mit der Maus auf darauf. Möchten Sie alle Bilder aus der Vorschau auswählen, drücken Sie [Strg]+[A].

Die Bilder erscheinen nun in der Tabelle der Stapelverarbeitung, die es Ihnen ermöglicht, die Auswahl nachträglich zu korrigieren. Des Weiteren stellen Sie in diesem Bearbeitungsfenster das Ausgabeformat, den Speicherort und die Zielgröße ein. Anders als bei der Einzelbildkonvertierung fehlt hier allerdings eine Einstellmöglichkeit für die Qualität der Bilder. Bereits konvertierte Dateien markiert das Programm mit einem Stern in der Vorschau.

Munteres Ratespiel

Wie so viele freie Projekte leidet auch Rawstudio unter chronischem Dokumentationsmangel, allerdings in verschärfter Form: Ein Klick auf Help im Menü zeigt lediglich einen Link auf About. Weder interaktive Hilfen noch sonstige Hinweise unterstützen Sie bei der Arbeit. Auch auf der Website des Projekts sucht man vergeblich nach Informationen über das Programm. Anwender, die bereits Erfahrungen mit anderen RAW-Konvertern gesammelt haben, dürften sich aber nach einer gewissen Einarbeitung auch in Rawstudio zurecht finden, da die wichtigsten Einstellungen selbsterklärend ausfallen. Im Detail hilft allerdings nur die Methode "Versuch und Irrtum".

Fazit

Die anfänglichen Skepsis gegenüber Rawstudio wich im Verlauf des Tests zunehmend der Begeisterung über den gelungenen Workflow und das unkomplizierte Arbeiten mit den Shortcuts. Rawstudio macht es dem Anwender dank nützlicher Funktionen wie dem Übertragen von Einstellungen, der Kategorisierung der Aufnahmen und der Stapelverarbeitung leicht, auch viele Bilder in kurzer Zeit zu bearbeiten. Allerdings reicht das Programm in seinen Bildbearbeitungsfunktionen bei weitem nicht an Konkurrenten wie Rawtherapee heran.

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