Kurz nach Redaktionsschluss für unseren großen Test zu Notationsprogrammen [1] unter Linux erschien der vielversprechenste Kandidat, Musescore [2], mit einem kleinen Versionssprung auf 0.9.5. Die Release-Notes [3] versprechen, dass die Entwickler über 30 Absturzursachen aus dem Weg geräumt haben – ein Grund für uns, Musescore noch einmal etwas genauer unter die Lupe zu nehmen.
Das bisher für Windows und Linux erhältliche grafische Notensatzprogramm erscheint mit seiner Version 0.9.5 erstmals auch für Mac OS X. Musescore installieren Sie nach wie vor über die zwei Programmpakete mscore und mscore-common, die Sie in den Repositories der großen Distributionen finden. In jedem Fall kommen die Anwender von OpenSuse, Debian und Ubuntu sowie deren Abkömmlingen in den Genuss einer simplen Installation über den Paketmanager.
Alle anderen probieren entweder je nach System (APT oder RPM) die Pakete aus oder kompilieren Musescore aus den Quellen. Als Voraussetzung gelten die Entwicklerpakete zu Qt 4.3 oder höher, Alsa ab Version 1.0 und CMake 2.4. Unser Testsystem, ein Linux Mint 7 "Gloria", schluckte aber beispielsweise die Ubuntu-Pakete klaglos, sodass die meisten Anwender um ein Kompilieren der Quellen herumkommen.
Ein erstes Öffnen zeigt die aus dem letzten Test bekannte Promenade von Mussorgskis "Bilder einer Ausstellung" (Abbildung 1). Auffällige Änderungen an der Programmoberfläche haben die Entwickler nicht vorgenommen. Über die Taste [F9] holen Sie eine Palette mit sämtlichen Funktionen an den linken Fensterrand. Mit einem Klick auf das kleine, links im Kopf der Palette positionierte Symbol lösen Sie den Werkzeugkasten aus dem Fenster und positionieren ihn frei auf dem Bildschirm.
Ein kleines Fenster mit blauem Rahmen für den sichtbaren Partiturausschnitt bietet Übersicht bei allzugroß geratenen Scores. Den Mauszeiger ballen Sie per Klick zur Faust und verschieben damit das gesamte "Blatt" frei im Fenster. Das ist äußerst benutzerfreundlich und gibt, anders als beispielsweise in Noteedit [4], das Gefühl, tatsächlich vor einem echten Partitur-Blatt zu sitzen.
Ein Klick auf das Symbol für eine neue Datei öffnet den Dokumentenassistent. Wer schon einmal vor einer kommerziellen Windows-Lösung (Finale, Sibelius, Capella) saß, der hat keinerlei Probleme damit, die Angaben zu seinem Projekt einzutragen. Im ersten Fenster bestimmen Sie Titel und sonstige Texte, die Musescore an den üblichen Stellen der Partitur einsetzt. Nachfolgend klicken Sie die Stimmen Ihres neuen Kunstwerkes zusammen. Leider bleibt die Instrumentenliste trotz deutscher Spracheinstellungen englisch. Zum Glück klingen die meisten Instrumentennamen im Deutschen recht ähnlich (Abbildung 2).
Die richtigen Schlüssel und MIDI-Klänge fügt Musescore selbstständig hinzu. Bestimmen Sie nun noch die Anfangstonart und – ein Fenster weiter – die Taktart. Hier legen Sie auch einen eventuellen Auftakt fest und geben die Menge der zu komponierenden Takte an, falls es sich um eine vorgefertigte Übung handelt.
Musescore bietet auch einige wenige Vorlagen an. So starten Chorleiter recht schnell mit einem vorgefertigten Notenblatt für einen vierstimmigen Chor mit oder ohne Klavierbegleitung.
Sitzen Sie nun vor Ihrem vorbereiteten Notenblatt, dann klicken Sie zuerst auf das N in der Iconleiste, um den Eingabemodus zu aktivieren. Bestimmen Sie nun in der selben Symbolleiste den Notenwert und ein eventuelles Vorzeichen. Zur Eingabe des eigentlichen Tones auf dem Papier genügt ein Klick auf die richtige Linie oder den richtigen Zwischenraum. Der integrierte Fluid-Synthesizer lässt den Ton bereits während der Eingabe erklingen.
Dabei fällt auf, dass die Eingabe per Maus nun präzise funktioniert, noch in Version 0.9.4 war das nicht der Fall. Nicht vollständige Takte ergänzt Musescore richtigerweise um die fehlenden Pausen. Für Laien sehr hilfreich: Außerhalb des Tonumfangs eines Instrumentes liegende Noten zeigt die Software rot an (Abbildung 3).
Die Programmierer scheinen so einige Unzulänglichkeiten teurer, professioneller Satzprogramme beim Entwickeln der eigenen Software vor Augen gehabt zu haben. So gefällt zum Beispiel sehr gut, dass die Töne mit den Pfeiltasten chromatisch und nicht diatonisch verschoben werden. Das erspart in vielen Fällen den nervigen Extra-Klick auf ein # oder ein b. Mit der linken und rechten Pfeiltaste springen Sie von Ton zu Ton oder von Pause zu Pause.
Mehrstimmigkeit in nur einer Notenzeile erzeugen Sie mit Hilfe der farbigen Quadratsymbole mit den Ziffern 1 bis 4. Aktivieren Sie beispielsweise die "grüne Zwei", schreiben Sie eine zweite Stimme in die Zeile, ohne aus der ersten Stimme einfach Akkorde zu basteln. Das Symbol mit der zweihälsigen Note verändert sehr bequem die Halsrichtung. Das Kontextmenü für einzelne Noten erlaubt über den Eintrag Eigenschaften Note einige Änderungen, wie das Weglassen des Notenhalses oder eine verkleinerte Note.
Die recht umfangreiche Palette (Abbildung 4) hält eine Vielzahl an Schlüsseln, dynamischen Zeichen, Klammern, Glissandi und sonstiges kompositorisches Zubehör bereit. Selbst spezielle Notenköpfe bietet die Software an. Dynamikzeichen wie Forte (f) oder Piano (p) gibt der Synthesizer genauso wieder wie angegebene Tempoänderungen.
Um gestalterische Elemente aus der Palette auf das Notenpapier zu bringen, verfolgt Musescore den Ansatz über Drag & Drop: Sie greifen jedes gewünschte Element mit der Maus und ziehen es an die gewünschte Stelle. Geht es um besondere Notengenauigkeit, erscheint eine Art roter Faden, der auf die ihm am nächsten liegende Note zielt.
Klappen Sie allerdings zu viele Themenbereiche der Palette auf, verschwindet deren unteres Ende ausserhalb des sichtbaren Bildschirmbereiches. Hier wäre ein zusätzlicher Scrollbalken vonnöten.
Musescore gibt sich zwar nicht mehr so absturzgefährdet wie noch in Version 0.9.4. Ganz gefeit vor spontanen Abschieden arbeitet es jedoch noch immer nicht. Gerade bei Palettenelementen wie dem Zeilen- und Seitenumbruch kommt es noch recht häufig zu Konsolenmeldungen im Stil von WARNING: Child process terminated by signal 11. Starten Sie Musescore nicht über die Konsole, sondern über einen Menü-Eintrag, dann verschwindet in diesem Fall das Fenster einfach ohne sichtbare Fehlermeldung.
Neben dem hauseigenen Speicherformat .mscz, das Sie komprimiert oder unkomprimiert nutzen, erlaubt Musescore das Exportieren in das Lilypond-Format (jedoch als experimentell gekennzeichnet). Rein grafisch unterstützt die Software das Speichern als PDF, SVG und PNG. Als neues Feature baut Musescore aus Ihren Partituren Audiodateien der Formate WAV, FLAC und OGG, mit MIDI bekommen Sie das einzige transportfähige Format in die Hand.
Gerade weil Musescore nicht nur unter Windows, sondern nun auch unter Mac OS X werkelt, wünscht sich so mancher wechselwillige Anwender sicher einen Filter für die verbreiteteren Sibelius- und Finale-Dateien. Angesichts der proprietären Hand über diesen Dateiformaten wird es aber wohl entsprechende Filter nicht so schnell geben.
Galt Musescore 0.9.4 im letzten Test noch als zwar vielversprechend, aber kaum nutzbar, so macht die Software nun einen gehörigen Sprung nach vorn. Nicht nur, dass die Noteneingabe per Maus endlich problemlos wie in vergleichbaren kommerziellen Lösungen funktioniert. Mit Musescore arbeiten Sie obendrein in einigen Details sogar intuitiver als mit so mancher proprietärer Konkurrenz. Die freie Software reicht zwar hinsichtlich des Funktionsumfangs noch lange nicht an die teueren Notensatz-Boliden aus dem Laden heran, doch bietet sie mehr als genug Möglichkeiten für den täglichen Einsatz in Schule und Freizeit.
[1] Notensatzprogramme im Test: Mirko Albrecht, "Digitaler Notenschlüssel", LinuxUser 10/2009, S. 46, http://www.linux-community.de/artikel/19336/
[2] Musescore (deutsch): http://www.musescore.org/de/
[3] Neues in mscore-0.9.5:http://www.musescore.org/de/neue-features-musescore-095
[4] Noteedit:http://noteedit.berlios.de