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Löwenmaul

ARM-basierte Netbooks für Linux

ARM-Netbooks

Immer wieder fällt im Interview der Begriff "Enabler", denn Qualcomm sieht sich selbst nur als Know-how- und Chip-Lieferant für die Gerätehersteller. Qualcomm hat über 15 Kunden als Abnehmer für den Snapdragon gewonnen, unter anderem Acer, LG Electronics, Quanta, Samsung, Toshiba, C-motech, Compal, Foxconn, HTC, Inventec und Wistron, sowie weitere noch ungenannte, "sehr große" Hersteller. Lediglich Asus hat sein angekündigtes ARM-Netbook, das auf der Computex schon als Prototyp zu sehen war, inzwischen ohne Nennung von Gründen wieder abgekündigt. Es erweckt den Anschein, dass der Hersteller – ähnlich wie bei Linux auf seinen Netbooks, wo Asus inzwischen an der Kampagne "It's better with Windows" teilnimmt [3] – das ARM-Gerät nur als Vorwand vorschob, um beim bevorzugten Lieferanten Intel bessere Konditionen herauszuschlagen.

Mehr als 30 Geräte mit Qualcomms Chip befinden sich momentan in der Entwicklung, wovon der Großteil ARM-Netbooks oder Smartphones sein dürften (Abbildung 4 zeigt einen Prototypen). Bezüglich Akkulaufzeit und Preisen will sich Schweighofer nicht festlegen, da dies stark von der Implementierung und Positionierung der Geräte im Markt abhängt, die allein Sache der Gerätehersteller ist. So bietet beispielsweise ein Mobiltelefon einfach weniger Platz für einen großen Akku als ein Netbook. Dennoch verrät er uns, dass er unter den Herstellern von einer Akkulaufzeit für Snapdragon-ARM-Netbooks von zehn bis zwölf Stunden gehört hat, der Preis soll auch klar unter dem Durchschnittspreis von Netbooks liegen.

Das erklärte Design-Ziel für die ARM-Netbooks lautet "always on, always connected": Von der Idee, nach neuen E-Mails zu sehen bis zum Lesen der ersten Nachricht sollen nur Sekunden vergehen – ohne langwieriges Aufwachen aus dem Tiefschlafmodus oder gar Booten des Notebooks, Starten von Programmen, Aufbauen der Verbindung ins Netz und andere zeitraubende Schritte. Qualcomm plant, dass dank "always on" das ARM-Netbook schon im zugeklappten Zustand die E-Mail heruntergeladen hat, so dass sie beim Öffnen sofort dargestellt wird.

Abbildung 4: "Alaska"-Prototyp eines Tablet-ARM-Netbooks der Firma Inventec.

Zu unserer Frage, ob denn – analog zu den Nettops – auch "Smarttops" geplant sind – also schlanke, kleine, günstige Desktops – mag Schweighofer nichts sagen: Über den Bau solcher Geräte müssten schließlich Qualcomms OEM-Partner entscheiden. Technisch stünde dem jedoch nichts im Weg, denn schon mit dem Snapdragon-Vorgängerchip präsentierte Qualcomm "Kayak", einen Desktop-Winzling für Entwicklungsländer [4]. Der Fokus des Snapdragon liegt jedoch eindeutig im mobilen Bereich – und auch nur auf Komplettgeräten: Es ist nicht geplant, Snapdragon-basierte Motherboards mit festverlötetem Chipsatz zu verkaufen, wie es etwa Intel mit dem Atom macht.

Zur Verfügbarkeit von Geräten mit Snapdragon-Prozessor will Schweighofer den OEM-Kunden nicht vorgreifen. Es sind aber bereits erste Geräte mit der QSD8250/QSD8650 Generation im Handel, beispielsweise das vom Exklusivertreiber O2 derzeit stark beworbene Smartphone Toshiba TG-01 mit 1-GHz-Snapdragon. Das setzt allerdings auf Windows Mobile – prompt musste der Verkauf kurz nach Einführung wegen einer Virusinfektion ausgesetzt werden [5]. Auch Acers neues Liquid-A1-Smartphone integriert einen 768-MHz-Snapdragon – hier kommt allerdings Android zum Einsatz. Geräte mit den kommenden 45-Nanometer-Chips wie dem 1,5-GHz-Dualcore sollen in der zweiten Jahreshälfte 2010 in den Verkauf gehen.

Linux

Als Linux-Basis für den Snapdragon dient der Vanilla-Kernel von Kernel.org. Qualcomm liefert zusätzlich ein für den Snapdragon angepasstes "Support Package" mit allen Treibern an seine Abnehmer aus. Eine präferierte Distribution gibt es nicht: Das Betriebssystem muss ja auf die jeweiligen Geräte abgestimmt werden, was wiederum Sache der Gerätehersteller ist. Als Entwicklungsplattform nutzt Qualcomm den Standard-GCC. Der erzeugt ganz normaler ARM-v7-Code erzeugt, wie er auch auf anderen v7-Prozessoren wie etwa Freescales i.MX515, Texas Instruments OMAP3xxx oder Marvel Kirkwood (allesamt Mitglieder der leistungsfähigen ARM Cortex-A8-Generation) läuft. Nur die Kompatibilität zu Nvidias Tegra-Chip, einem SoC mit ARM-Kern und Nvidia-GPU, ist ungewiss, da dieser auf den ARM-v6-Befehlssatz setzt.

Wir wollten von Schweighofer wissen, was Qualcomm mit dem 600-MHz-DSP vorhat und ob man plant, diesen auchunter Linux nutzbar zu machen. Qualcomm selbst nutzt den DSP für 3G-Sprach- und Video-En/Decoding, er ließe sich aber grundsätzlich für eine Vielzahl von Einsatzzwecken nutzen. Momentan plant man bei Qualcomm noch keine "Öffnung" des DSPs für Fremdentwickler, aber Schweighofer konnte sich durchaus vorstellen, dass Qualcomm Beispielcode oder eine Toolchain für den DSP im Quelltext veröffentlicht. Auch unser Vorschlag für eine direkt von Linux nutzbare API dafür oder gar OpenCL-Unterstützung wurde positiv aufgenommen. So mancher SIMD-Code (beispielsweise für Videokodierung) lässt sich gut auf einen DSP portieren.

Laut Schweighofer wäre Qualcomm generell durchaus bereit, Quelltexte für gewisse selbstentwickelte Software, die nichts mit dem Mobilfunk-Modem zu tun hat, frei zur Verfügung zu stellen. Diese Einschränkung ist verständlich, denn der Bau von Mobilfunk-Chips und der dazu passenden Entwicklungsumgebung stellen schließlich das Kerngeschäft von Qualcomm dar. Auch die Mobilfunk-Betreiber wären aus dem Häuschen, wenn jemand den Code verändert und damit das äußerst komplexe, fein abgestimmte System der Mobilfunknetze mit nicht standardkonformen Funksignalen oder Daten stören würde. Aus diesen Gründen will Qualcomm diesen Code lieber nicht offenlegen.

Wie die Zusammenarbeit mit der Open-Source-Community genau vonstatten gehen soll, war zum Zeitpunkt des Interviews noch nicht entschieden. Dass es jedoch eine geben wird, gab Schweighofer schon klar zu verstehen. Ende Oktober gab Qualcomm dann die Gründung des "Qualcomm Innovation Centers" bekannt, einer In-House-Entwicklungsabteilung mit einigen Dutzend Mitarbeitern. Hauptaufgabe: Die Anpassung und Optimierung von Linux und seinen Derivaten (also auch Android oder ChromeOS) auf die Qualcomm-Plattform [6].

Glossar

Out-of-order Execution

Mit dieser 1990 erstmalig im Power1 von IBM umgesetzten Technik kann ein Prozessor die Abarbeitungsreihenfolge der Befehle ändern, um so effizienter arbeiten zu können. Während beispielsweise ein Befehl noch auf Daten aus dem Speicher wartet, arbeitet der Prozessor schon den nächsten ab.

Superskalar

Eine superskalare Chiparchitektur kann dank verschiedener Funktionseinheiten im Kern (beispielsweise Integer, Fließkomma oder SIMD) mehr als einen Befehl pro Taktzyklus gleichzeitig abarbeiten, was die Verarbeitungsgeschwindigkeit deutlich verbessert.

DSP

Digitaler Signalprozessor. Ein Chip, der alle einkommenden Daten verzögerungsfrei nach einem bestimmten Algorithmus verarbeitet. Im Embedded-Bereich sehr populär für klar umrissene, immer gleiche rechenintensive Aufgaben, wie etwa die En-/Decodierung von Audio und Video oder Effektberechnung.

SoC

System-on-a-chip. Hochintegrierte, extrem stromsparende Chips, die viele Systemkomponenten auf einen einzigen Chip packen. Quasi-Standard im Mobil-/Embedded-Sektor dank ihrem extrem niedrigen Strom- und Platzverbrauch sowie dem günstigen Preis.

TDP

Thermal Design Power, von Intel eingeführter Watt-Wert, der nicht etwa den maximalen Stromverbrauch angibt, sondern die maximale Abwärme, die das Kühlsystem abführen können muss.

SIMD

Single Instruction, Multiple Data. Mehrere Daten werden in einem Rutsch gemeinsam auf dieselbe Art und Weise verarbeitet, was die Abarbeitungsgeschwindigkeit deutlich erhöht. Beispiele: Intels SSE oder Altivec auf PowerPC.

API

Application Programming Interface. Entwickler-Schnittstelle, mit der Entwickler einfach auf Systemfeatures zugreifen können. Beispiele: OpenGL, POSIX, Microsoft Win32, Apple Cocoa.

OpenCL

Open Compute Library. Hersteller- und plattformunabhängiger Standard, um Grafikchips und CPUs zur Abarbeitung von beliebigem, nicht zwingenderweise grafischem Code zu nutzen. Analog: OpenAL (Audio) und OpenGL (2D/3D-Grafik).

Infos

[1] Cortex A9: http://www.arm.com/products/CPUs/ARMCortex-A9_MPCore.html

[2] EEMBC CoreMark: http://coremark.org/

[3] Asus und Linux: Jörg Luther, "Better without Asus", LinuxUser 07/2009, http://tinyurl.com/lu7-09edi

[4] Qualcomm "Kayak": http://blogs.zdnet.com/computers/?p=262

[5] Toshiba TG-01 ab Werk mit Virus: http://tinyurl.com/toshiba-tg01-virus

[6] Qualcomms Open-Source-Abteilung: http://tinyurl.com/qualcomm-opensource

[7] Verbotene "Smartbooks": http://www.netbooknews.com/808/smartbook-is-a-trademark/

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Kommentare
Gewünschtes Betriebssystem markieren: Linux [x] - Micro... [ ] - ...
Uwe (unangemeldet), Donnerstag, 26. November 2009 23:39:34
Ein/Ausklappen

Wir könnten es so einfach haben:

- gewünschten Hersteller auswählen
- gewünschtes Gerät auswählen
- gewünschtes Betriebssystem auswählen

Wir sollten uns nicht wieder an einen Strohhalm klammern. Wie schon so oft erlebt, wird Micro... auch in diesem Fall eine Lösung finden, GELD, GELD, GELD...

Wir brauchen eine dauerhafte Lösung: eine EU-Klage, die endlich die Wahlfreiheit für die Verbraucher durchsetzt!




Bewertung: 162 Punkte bei 6 Stimmen.
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@Editor
Karl Schlosser (unangemeldet), Donnerstag, 19. November 2009 15:14:17
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Out-of-Order Execution gabs schon seit den Sechzigern. Der POWER1 war zwar der erste Mikroprozessor mit der Technik, benutzte sie aber auch nicht durchgängig.


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Absenken, anmieten, vorwarnen
WvG (unangemeldet), Mittwoch, 18. November 2009 20:08:50
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"sind lange Gesichter also ebenso vorprogrammiert"
Programmieren muß man meines Wissens immer vorher. "vorprogrammieren" ist also nur Bläh-Deutsch.


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LinuxUser 06/2012

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